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Rattarium  

Seegraswiesen – Die Bucht der Träumer

Bemerkungen zum Inhalt:

Eigentlich war diese Kurzgeschichte als Beitrag für die Ausschreibung (Versunken) eines Verlages angedacht gewesen. Da ich aus Gründen nicht mehr die Absicht hege, diese dort für eine Anthologie-Ausschreibung einzusenden, die Idee aber trotzdem in die Welt wollte, habe ich sie nun hier für mich – und euch, wenn ihr sie lesen mögt –, aufgeschrieben.
Der fiktive Ort der Handlung ist aus meinem Fantasy-Roman SheMera entliehen. Es spielt in und bei der Hauptstadt Lunby am Etussischen Meer, Kontinent Dazel, Planet Arsadun.

CN Content Notes:

Nacktheit, Schleim (von Tieren und Pflanzen), Tauchen, Tiere, erfundene Begriffe (Näheres im Glossar von SheMera), Berührungen von Tieren.

TW, Trigger Warnungen:

Atemnot unter Wasser? Angst vor unbekannten Tieren/Wesen?

Audio, E-Book-Version:


Download: seegraswiesen.mp3
(Dateigröße: etwa 11,7 Mbyte) – zuletzt aktualisiert am 18-11-2021. Länge etwa 34 Minuten)

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Diese Shortstory „Seegraswiesen“ als PDF zum Herunterladen (110 kb).

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Personen:

  • Filip, Pronomen: er – Ich-Erzähler. Wortkarger Schmied und Feinmechaniker, Erfinder. Arbeitet im Tempel.
    (Groß, sehr groß, brünetter hellhäutiger Hüne mit Sommersprossen, schwarze Augenfarbe. Aus Lunby.)
  • Pietje, er – Filips Tempel-Giswestar, Zeichner.
    (Schmächtig, kahl, braune Haut, hellbraune Augen. Aus dem Walddorf an der Fosser tief im Süden.)
  • Yoralou, sie – Fey, Schreiberin, Forscherin und eine Bibliothekarin des Tempels in Lunby
    (Mittelgroß, langes üppig-blaues Haar, dunkle Hautfarbe, bi, auch aus dem Walddorf im Süden.)
  • Benra, er – Giswestar von Yoralou, Fey im Stab der Hohen Zyklania.
    (Mittelgroß, kurze dunkelblaue Haare, hellhäutig, hellblaue Augen, trans. Aus Ost-Lunby auf der anderen Seite des Monostroms.)
  • Fey Efauna, sie – zuständig für Tempel-Tiere, Handwerk und Stallungen.
    (Mittelgroß, stämmig, graue Haare, sehr helle Hautfarbe, grüne Augen, Single. Kann nicht singen. War nie woanders als in Lunby.)
  • Glem, es? – ein Schillerkraxe.
    (Meereswesen mit der Fähigkeit, Gestalt und Farben zu wechseln, hat acht kurze Beine und zwei längere Tentakel-Arme, irisierende Augen. Alter und Geschlecht unbekannt. Wohnt in den Seegraswiesen am Grund der Bucht vor der Stadt Lunby am Etussischen Meer.)

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Prolog

Filip runzelte die Stirn, dann nickte er langsam. In Gedanken ging er alle möglichen Ideen durch, wie er Pietjes Wunsch umsetzen konnte. Was der Junge da verlangte, hatte noch kein Mensch auf Arsadun je versucht. Filip würde mit Fey Efauna darüber beraten. Ohne ein Wort und ohne Pietje weiter zu beachten, drehte sich Filip um und ging behäbig den Weg zum Strandpfad hinauf. Pietje grinste. Er kannte seinen Feydahn. Filip hatte bereits begonnen, über das Problem nachzudenken und würde es möglich machen. Wenn ein Mensch auf Arsadun es schaffte, eine Unterwasserkutsche zu bauen oder eine Möglichkeit zu finden, lange und tief zu tauchen, dann Filip.

Übermütig riss Pietje die Arme in die Höhe – und sich dann Hose und Hemd vom Leib. Eilig rannte er in die Wellen des Etussischen Meeres. Er musste die Anspannung der letzten Stunden loswerden. Der Widerstand und die Kälte des Wassers erdeten ihn. Pietje hatte nicht gedacht, dass Filip ihn so schnell ernst nehmen würde.
Als ihm das Wasser bis zum Bauch reichte, drehte er noch einmal um, rannte zurück zu seinen Sachen und zog die Wasserbrille aus seiner Hosentasche. Nachdenklich betrachtete er die Handwerkskunst. Auch dies war eine Erfindung von Filip. Mit dieser eng anliegenden Brille, die aus der ursprünglichen Schutzbrille gegen Fahrtwind für den Drachenflug entwickelt worden war, konnte Pietje die wunderbaren Welten unter Wasser in Strandnähe beobachten. Solange er die Luft anhalten konnte, hieß das. Und das war nicht annähernd lange genug für Pietjes Neugier.

„He, du Träumer, warum grinst du so?“, riss ihn Yoralous Stimme aus seinen Gedanken. Pietje stand immer noch am Strand, mit der Schutzbrille in der Hand. Seine Feydahn, die er kannte, seit er sich erinnern konnte, kam lächelnd den Strandweg herunter. Auch sie hatte eine Wasserbrille in der Hand.
„Ich habe ihn gefragt. Er macht es. Glaube ich.“ Pietje setzte nun endlich die wasserdichte Brille auf. „Kommst du gleich mit rein?“
Yoralou nickte. „Warte, nur schnell ausziehen.“
Im Nu hatte auch sie sich ihrer Kleidung entledigt, band die langen blauen Haare geschickt zusammen, setzte die Brille auf und folgte dem ungeduldigen Feydahn ins Wasser. Sie schwammen raus bis zu der etwas tieferen Stelle vor der Sandbank, die diese Bucht vor den Strömungen weiter draußen schützte. Sie sahen sich an, nickten sich zu und tauchten hinab.

Etwas in dieser Seegraswiese hatte sie bemerkt. Es zog sich tiefer in die bewachsene Untiefe zurück, verschmolz farblich mit dem Untergrund und den tanzenden Schatten. Neugierig betrachtete es die beiden seltsamen Gestalten über sich, die nicht in diese Welt gehörten.

Das Boot

„Filip“, rief Fey Efauna in meine Richtung, „ich glaube, diesmal haben wir das richtige Verhältnis gefunden!“
Ich schaute mir die Nähte der Konstruktion an, die Efauna mir enthusiastisch vor die Nase hielt. Die Mischung aus Baumharzen, Dork-Sabber und Erdpech schien nach dem Kochen und Aushärten die richtige Konsistenz zu haben. Der Anzug war brauchbar wasserdicht. Innen hatten wir etliche Taschen eingenäht, in die wir Blubber-Tang stopften. Der Tang hatte die erfreuliche Eigenschaft, sich in Luft aufzulösen, wenn er über eine bestimmte Temperatur hinaus aufgewärmt wurde. Glücklicherweise entsprach dieser Schmelzpunkt ziemlich genau der menschlichen Körperwärme.
Damit die Reaktion nicht schon beim Anfassen und Stopfen einsetzte, hatte ich meine Hände zuvor in eiskaltes Brunnenwasser gehalten, um die in der Nacht geschnittenen Wasserpflanzen zu verarbeiten. Ich beeilte mich nichtsdestotrotz, bevor die Morgensonne noch höher über den Horizont steigen und die Nachtkühle vertreiben würde.

„Fertig“, sagte ich schließlich zu dem hellgrünen Ungetüm, das ausgebeult vor mir auf dem Tisch lag. Fey Efauna verstand auch so, was ich sagen wollte. Nämlich, dass ich nun bereit war für den Feldversuch. Mein Kopf quoll über mit Bildern und wenig davon konnte ich in Sprache für andere übersetzen. Das war schon immer so gewesen. Ich galt als Makel in der Schmiede meiner Mutter und in meinem Dorf. Hier im Tempel durfte ich endlich sein. Ich fühlte mich verstanden und gemocht. Auch ohne viele Worte zu machen.

Ich hörte Karrenräder draußen vor dem Stall, der uns als Werkstatt diente. Ich schaute zur weit geöffneten Stalltür. Pietje traf mit der Kutsche ein, die uns hinunter zur Bucht bringen würde. Zwei davor gespannte Stulliche scharrten unruhig mit den Hufen, ihre Streifen im Fell leuchteten im Spektrum des Regenbogens. Die Tiere schienen sich darauf zu freuen, dass sie später unten am Strand frei laufen durften, sobald sie uns zum Meer gezogen hätten. Ich war nicht überrascht, dass auch Yoralou und Benra mitwollten. Pietje, mein Tempel-Giswestar und Yoralou waren Feydahn, und wo Yoralou war, da konnte auch Benra nicht fern sein. Wir vier waren im Tempel als das doppelte Duo bekannt.
Efauna holte mich feydahnerweise aus meiner Gedankenwelt, indem sie mir einfach den zusammengelegten Anzug, der nun in einer isolierenden Kältetasche steckte, in die Arme drückte und mich Richtung Stalltor zur Kutsche hin schob.

~

Unten am Strand dümpelte unser Boot in der schwachen Dünung über seinem Anker. Klar und ruhig lag die See vor uns und spiegelte den Himmel. Am Horizont zogen die Segel der großen Frachter vorbei, die auf der Handelsroute zwischen Etuss und Dazel fuhren. Am Wassersaum trippelten kleine schwarzweiße Flugechsen entlang, sie stocherten auf der Suche nach Essbarem mit ihren langen, spitzen Schnuten gelegentlich im Sand. Es roch nach Salz und Dünenrosen.
Fey Efauna schirrte die Zugtiere aus. Diese galoppierten sofort übermütig wiehernd an der Wasserlinie entlang. Die Fey würde an der Kutsche bleiben, die Tiere füttern und auf sie achtgeben, bis wir wieder zurück waren. Sie half uns noch, die Seilrolle, Rucksäcke und den Anzug an Bord zu schaffen und legte sich danach entspannt ins Gras in die Dünen.

Wir ließen das meiste unserer Kleidung bei der Kutsche zurück und staksten halbnackt die paar Meter vom Ufer bis zum Boot. Ich half dem schmächtigen Pietje über die Bordwand, Yoralou zog sich geschickt an einem herabhängenden Tau hinauf, und Benra und ich schoben den Bug in die Wellen, stiegen ein, griffen nach den Rudern und steckten sie in die Dollen.

~

Über den Seegraswiesen warfen wir Anker. Ich zwängte mich eilig in den Anzug und ließ mir von Yoralou – sie war sehr gut darin, Seile richtig anzulegen – eine Seilschlinge unter den Armen hindurchziehen. Das war eine Sicherheit, die wir uns überlegt hatten, falls mir etwas Unerwartetes geschehen mochte. Pietje setzte mir den Helm mit der wasserdichten Brille auf. Die Luft aus den Taschen im Inneren des Anzugs sollte den Helm füllen. Ich würde unter Wasser atmen können. Hoffte ich jedenfalls. Pietje drückte aufmunternd meinen Arm, als ich mich von der Bordwand langsam in die Wellen hinab bewegte. Leider war es so, dass die Luft nicht mit mir unter Wasser wollte. Ich war zu leicht. Der Blubber-Tang löste sich prickelnd an meiner Haut auf, es kitzelte überall. Aber ich trieb wie ein Sack leerer Naselhüsse auf dem Wasser.

„Schweres“ sagte ich fragend. Um nicht abgetrieben zu werden, hielt ich mich am Boot fest.
Pietje verstand sofort. Entschlossen kippte er Benras Rucksack um, die Botterstullen purzelten heraus. Zum Glück waren sie gut eingepackt. Pietje öffnete den Kasten mit Balaststeinen in der Mitte des Bootes. Einige davon packte er in den Rucksack und reichte ihn mir so über Bord, dass ich leicht mit den Armen in die Schlaufen gleiten konnte. Pietje hatte das Gewicht gut geschätzt, denn als ich nun meine Hände vom Dollbord löste, sank ich langsam der Tiefe entgegen. Das Wasser drückte von allen Seiten auf meinen Körper, je tiefer ich sank. Durch die Brille sah ich nach oben, Benra ließ das Sicherungsseil durch seine Hände gleiten.

Der Tang in den durchlässigen Taschen blubberte zuverlässig Luft in meinen Helm. Durch viele Versuche wussten wir, wie lange es dauerte, bis sich alles aufgelöst hatte. Aber wie würde sich der Anzug hier unten verhalten? Besorgt beobachtete ich wie immer mehr Luftblasen durch Öffnungen aus dem Helm ins Wasser perlten, anstatt zu meinem Kopf hoch unter den Helm. Die Welt hier unten erforderte ein ganz anderes Herangehen. Am Helmkragen würden wir arbeiten müssen.

Als ich etwa dreimal meine Körperlänge tief gesunken war, berührten meine Füße den Meeresboden, Schlamm quetschte sich durch Zehenzwischenräume. Über mir war das Boot als dunkler Schatten zu erkennen. Unter mir kitzelte das Seegras meine nackten Beine bis zu den Knien, wo der Anzug begann. Ich machte versuchsweise ein paar Schritte, wirbelte dabei Schlamm auf, der sich schwerfällig zögernd wieder absetzte. Das Gewicht sollte nicht nur am Rücken sein, stellte ich fest, auch der Helm war so unförmig, dass ich einige Mühe hatte, den Kopf oben zu behalten. Gewichte an einem Gürtel und an den Füßen würden den Körper vermutlich besser stabilisieren.

Eine Riesengarnele stakste auf ihren langen Beine davon. Ein Schwarm kleiner Fische folgte ihr aufgeregt. Der ganze Meeresboden schien zu leben, überall krabbelten Tiere durchs Gras oder verschwanden in Löchern, wenn ich mich näherte. Und ich war der erste Mensch auf Arsadun, der dieses sah. Ich korrigierte mich sogleich: Ohne sich dabei Gedanken um das Atmen machen zu müssen, denn wir waren ja schon oft kurz hinunter getaucht.

Wenn der Anzug die Tests bestand und wir alle möglichen Gefahren bedacht haben würden, dann konnte Pietje endlich diese Welt erforschen, wie er es sich gewünscht hatte. Ich stellte mir vor, wie glücklich Pietje sein würde, wie er mit bunten Stiften diese Wunderwelt in seinen Zeichenbüchern malen würde. Gab es Stifte, die unter Wasser malen konnten? Material, auf das gemalt werden konnte. Ich verlor mich in meinen Gedanken, wie so oft.

Ein dreimaliges Zupfen an der Leine brachte mich zurück ins Jetzt. Das Kribbeln der Luftblasen wurde allmählich weniger. Lag das an der relativen Kälte des Wassers oder an der nachlassenden Reaktion des Blubber-Tangs? Auf Pietjes Zeitmesser war die vereinbarte Zeit vermutlich um, weshalb Benra nun das vereinbarte Signal gab. Im Bogen kehrte ich zu meinem Ausgangspunkt zurück.

Ein kurzes helles Aufleuchten ließ mich innehalten. Als ich stehen blieb, veränderte sich die Farbe zu gelb mit grünen Streifen. Fast wollte ich glauben, hier nur ein Stück des Buchtbodens vor mir zu haben. Aber die Umrisse, die ich zuvor erkannt hatte, konnte ich nun nicht mehr übersehen. Ein großes Meereswesen verbarg sich im Gras! Und ich glaube, ich war ihm zu nahe gekommen. Ohne den Blick abzuwenden, ging ich einen Schritt rückwärts. Die Streifenfarbe wechselte zu hellem Blau, das Gelb zu Schwarz. Es sah irgendwie feydahnisch überrascht aus, fand ich. Interessant. Es vermochte also willkürlich seine Hautfarbe zu ändern.

Es war riskant, weil es das Wesen bedrängen mochte, aber ich musste es einfach wissen, ob die Farben so etwas wie Sprache bedeuteten – und trat wieder einen Schritt vor. Ein blasses Weiß flackerte kurz auf, verschwand aber wieder, vermutlich, weil ich nicht weiter ging. Es benutzte also tatsächlich Farbcodierungen. Ich hatte nie zuvor von einem solchen Wesen gehört. Vielleicht wusste Yoralou mehr. Ich glaube, sie kannte inzwischen die gesamte Tempelbibliothek bezüglich der Tierwelt Arsaduns auswendig.

Der Blubber-Tang war fast aufgebraucht. Ich musste wieder ins Boot. Langsam wich ich ein paar Schritte zurück, um das Wesen nicht zu erschrecken, hob die Hand und zupfte am Seil. Das Wesen verschmolz farblich wieder mit dem Untergrund, als wäre es nie dort gewesen. Faszinierend. Die Leine straffte sich. Benra zog mich gleichmäßig nach oben.

~

Ich sah Pietje an, dass er am liebsten sofort ins Wasser gesprungen wäre, um sich das Wesen mit eigenen Augen anzusehen. Ich konnte es nur sehr unzureichend beschreiben. Wie sollte ich etwas erklären, von dem ich nicht wusste, was es war – weil es ständig die Form änderte. Und sich tarnte.
„Es redet in Farben“, versuchte ich den Feydahn meine Erkenntnisse zu vermitteln. Sie konnten es nicht verstehen. Ich suchte in meiner Erinnerung die Codes zusammen, von denen ich glaubte, dass ich sie verstanden hatte. Yoralou notierte gewissenhaft: Weiß könnte Angst bedeuten; Schwarz und Hellblau schienen etwas zu heißen, das mit neutral bis friedlich übersetzt werden konnte. Ob das Gelb-Grün eine andere Bedeutung hatte, als nur Tarnung, vermochte ich nicht zu sagen.

Pietje hatte natürlich Stifte und seinen Block dabei. So gut es ging, beschrieb ich, was ich unter Wasser gesehen hatte. Ein knapp menschengroßes Wesen – eher von Pietjes kleiner Statur, denn ich war doch ein ganz gutes Stück größer als mein Giswestar – mit wechselhafter Gestalt und vielen kleinen Beinen. Wie ein Seestern, von denen nach Stürmen so viele am Strand lagen, nur mit einem Körper daran. Die Augen – wie konnte ich nur die Augen vergessen haben? Das Wesen, ich mochte es nicht Tier nennen, hatte mich angesehen. Und da waren zwei längere Arme gewesen, die es einrollen konnte. Pietjes Stifte füllten das Papier mit Figuren, die ich beschrieb.

Yoralou schüttelte nach einem Blick auf Pietjes Zeichenversuche mit dem Kopf. Von so einem Tier hatte sie noch nie gehört oder gelesen. Andererseits waren die Gewässer unterhalb des Tempels nie untersucht worden. Wie auch, ohne die Möglichkeit zum längeren Tauchen?
In früheren Zeitaltern soll es Fischer gegeben haben, die Meereswesen mit Netzen fingen, erinnerte uns Yoralou auf der Rückfahrt. Benra schüttelte sich bei dem Gedanken, was die Menschen damals alles mit Tieren angestellt hatten. Das meiste Wissen aus jener Zeit war verloren gegangen. Ich fragte mich, woher Yoralou die Informationen hatte, wenn es doch keinen Vergleich gab. Aber vermutlich gab es immer irgendwo Hinweise auf Dinge, auf die sich andere Dinge schließen ließen.

Schwarz bedeutet Feydahnschaft

Eine Semane später hatten wir meinen Tauchanzug verbessert und einen ebensolchen Anzug für Pietje hergestellt. In neu angebrachten äußeren Seitentaschen hatte ich für mich Farbplatten eingesteckt. Ich hatte eine Hoffnung, dass mittels der Farben so etwas wie eine Kontaktaufnahme möglich sein könnte. Vorausgesetzt unser Wesen war noch dort. Wir wussten gar nichts. Nicht, was es für Nahrung brauchte, wie es lebte, wo es lebte. Niemand im Tempel hatte von Schillerkraxen gehört. Den Namen hatte Fey Efauna erfunden. Wir wussten ja auch nicht einmal, ob und wie sich Schillerkraxen überhaupt selbst bezeichnen mochten. Oder ob sie sich selber Namen gaben. Ich jedenfalls nannte das Wesen bei mir nun Glem. Der Name war plötzlich in meinem Kopf gewesen und ich würde ihn nutzen. Es war mir lieber, als Glem immer nur als das Wesen zu bezeichnen. Vielleicht würde es mir eines Tages einen Namen nennen können, oder auch nie. Bis dahin war es eben Glem, das Schillerkraxe.

Wieder fuhren wir fünf zur Bucht hinunter. Diesmal blieb Benra bei den Stullichen. Er hatte monatliche Krämpfe und es war ihm lieber, in Ruhe am warmen Strand auf uns zu warten. Fey Efauna fuhr stattdessen mit hinaus. Sie würde mich am Seil sichern, Yoralou übernahm Pietjes Leine.
Ich wünschte, Mera wäre nicht wochenlang mit Mater Lugosvitta und Linda zu den Tempeln im Osten unterwegs. Mera hatte die Gabe, sie konnte sich in alle Tiere auf der Tempelanlage hineinfühlen. Dies hier mussten und wollten wir selber erforschen. Wer wusste schon, wie lange sich Glem in dieser Bucht aufhalten würde? Yoralou und Pietje hatten sich im Tempel schon kurz nach ihrer Ankunft vor ein paar Sonnenkreisen auf Fauna unseres Planeten spezialisiert. Nun reizte es die beiden um so mehr, die Welt unter Wasser zu erkunden.

Zunächst war es für mich nur eine technische Herausforderung gewesen, das Tauchen künstlich zu verlängern. Die Entwicklung der Geräte und Anzüge hatte mir Freude bereitet. Es war eine Selbstverständlichkeit, den Anzug sicherheitshalber zuerst an mir selber zu testen, bevor ich Pietje damit tauchen ließ. Somit war es eigentlich nicht notwendig, dass ich weiterhin tauchen ging. Aber ich wollte es, ich musste es. Es war, als hätte sich bei der Begegnung mit Glem eine Verbindung aufgebaut. Das Schillerkraxe interessierte mich, es faszinierte mich, es zog mich an. Die ganze letzte Semane über hatte sich die Sehnsucht verstärkt. Ich wollte unbedingt erneut da hinunter und Glem wiedersehen.

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Wir hatten die Gewichte ziemlich genau berechnet. Die Verteilung war nun so angepasst, dass der schwere Teil unten war. Unten an unseren Füßen, in besonders beschwerten Stiefeln. Damit war unsere Haltung stabiler. Auch am Kragen, der Anzug und Helm verband, hatten wir erfolgreich gearbeitet. Ein Ventil verhinderte zudem, dass sich zu viel Luft staute. Es war nicht optimal, aber wir waren nur Gäste in dieser Welt unter Wasser. Dafür war es ausreichend. Pietje und ich achteten darauf, dass sich unsere Leinen nicht verhedderten. Wir hatten uns einige Gesten überlegt, die eine rudimentäre Kommunikation zwischen Pietje und mir ermöglichte.

Ziemlich genau an der gleichen Stelle wie vor ein paar Tagen hatten wir unser Boot platziert. Eine bunte mit Luft gefüllte Blase an der Oberfläche mit einem Anker hatte die Stelle vor der Sandbank markiert. So mussten wir nicht lange suchen, bis wir Glem entdeckten. Fast schien es, als hätte Glem uns erwartet, denn das Schillerkraxe schwamm direkt auf uns zu und verharrte mit irisierenden Farben ein paar Meter vor uns. Pietje griff meine Hand und drückte sie fest. Dies war seine erste Begegnung mit dem Wesen, das er nur unzureichend durch meine Beschreibungen kannte. Ich verstand ihn gut. Vermutlich waren wir die ersten Menschen, zumindest in den letzten paar Dekaden von Sonnenkreisen, die ein solches Geschöpf zu sehen bekamen.

Pietje zog seinen Wachsblog aus seiner Tasche, setzte sich auf einen Korallenblock in der Nähe und begann, skizzenhaft Umrisse in die Masse zu ritzen. Fein, das schien ebenfalls erwartungsgemäß zu funktionieren. Neugierig schwammen einige Fische heran und zupften hier und da am Anzug. Ich verstand instinktiv, dass sie uns putzen wollten. Sie drehten ab, als sie auf unseren makellos schwarzen Anzügen keine Nahrung fanden. Einige Walfinen vor der Sandbank nutzten jedoch das Angebot und ließen sich gerne pflegen. All das bemerkte ich nur am Rande meiner Aufmerksamkeit, die allein Glem galt. Langsam zog ich meine Farbkarten hervor. Hier unten leuchteten sie weniger als über Wasser. Ich hoffte einfach, dass sie trotzdem brauchbar zu sehen waren.

Glem hatte sich beruhigt, da von Pietje, der ruhig zeichnend auf seinen Stein saß, keine Gefahr auszugehen schien und auch ich keine feindlichen Signale ausstrahlte.
Glems regenbogenschimmernde Augen richteten sich auf mich und die Karten in meinen Händen. Ich zeigte Glem eine Kombination aus einer schwarzen und einer blauen Karte. Kurz wurde Glems Haut hellblau – war das Überraschung? Dann kam das Schillerkraxe eine Tentakellänge näher, seine Haut in einem tiefen Schwarz, auf dem blaue Kreise und Streifen erschienen.
Ich drehte mich zu Pietje um, wollte sicher gehen, dass er dies dokumentierte. Pietje deutete mit einem Daumen nach oben an, dass er das gesehen hatte und ritzte weiter in seinen Block. Unter der Sonne hätte er vielleicht genickt, aber mit unseren schweren Helmen ging das natürlich nicht.

Da war ein Zupfen an meinen Karten. Glem war inzwischen herangekommen.
Ein Glücksgefühl durchströmte mich, gepaart mit Demut. Es war unglaublich – dieses Wesen vertraute mir, ohne mich zu kennen. Ohne sich von meiner Größe oder Andersartigkeit irritieren zu lassen. Ich würde hoffentlich dieses Vertrauen niemals missbrauchen. Wir Menschen neigen dazu, uns selber über andere Geschöpfe zu stellen.

Halb aufgerichtet ging mir das Wesen bis zum Gürtel. Ein lang ausgestreckter Tentakel untersuchte forschend die Farbkarten, die ich aufgeblättert in der Hand hielt. Wie zufällig streifte mich der Tentakel beim Zurückziehen am Bein, so, als wolle Glem vorsichtig beiläufig prüfen, wie ich mich anfühlte, war gleichzeitig aber so höflich und zurückhaltend, beinahe fragend, dass ich mich nicht unwohl dabei fühlte. Möglicherweise interpretierte ich aber nur menschliches Verhalten in mein Gegenüber. Vielleicht, und das hoffte ich von ganzem Herzen, würden wir Gelegenheit haben, den Wahrheitsgehalt meiner Annahmen zu überprüfen.

Schwarz schien also eine bedeutsame Farbe für Glem zu sein, die so etwas wie Friedlichkeit ausdrückte. Das Blaue mochte Freude bedeuten. Ich hatte eine rote Karte dabei, die ich Glem vor die Augen hielt. Augenblicklich machte Glem sich klein, weiße Farbe rann über den Körper, alle Tentakel waren angezogen. Alles daran drückte Angst und Unterwürfigkeit aus. Rot stand für … Bedrohung? Wut? Gerade noch hatte ich über Vertrauensmissbrauch nachgedacht und schon passierte mir so etwas Schlimmes. Beschämt zog ich die Karte zurück, ich wollte gewiss Glem nicht ängstigen, und versteckte sie in der Tasche. Dafür wedelte ich mit der Schwarz-Blau-Kombination. Das Schillerkraxe beruhigte sich sichtlich, wie die Farbresponsen zeigten.

Wie, um sich zu vergewissern, dass ich weder böse noch wütend war, tastete Glem nach der gelben Tafel. Als ich ruhig und unbeweglich blieb, wurde mit dem anderen Tentakel an der Grünen gezupft. Stand Gelb für Verstecken? Tarnen? Glem hatte sich nun ganz der Farbe Grün gewidmet. Einer der Tentakel riss eine Leuchtalgenpflanze aus dem Seeboden. Glems Augen waren auf mich gerichtet, als die Algen langsam zu einer Mundöffnung fast unterhalb des Körpers gezogen wurden. Wieder zupfte der Tentakel, aber zu meinem Erstaunen wurde mir das Grünzeug angeboten. Suchend glitt der Tentakel vor meinem Gesicht entlang. Ich ging in die Hocke, der Anzug spannte unangenehm, und zeigte Glem mein Gesicht hinter der Schwimmbrille. Überdeutlich machte ich Kaubewegungen mit meinem offenen Mund und wurde dabei sehr intensiv beobachtet. Glem schien zu verstehen, dass meine Mundöffnung derzeit unerreichbar war und verspeiste das Algenblatt selber. Grün ist also für Nahrung, glaubte ich erkannt zu haben.

Inzwischen musste früher Vormittag sein. Sonnenstrahlen tanzten irrlichternd umher. Das Schillerkraxe wechselte zu violett mit gelben Punkten. Langsam zog sich Glem zurück in die Schatten zwischen die Korallen hinter dem Seegras, zögerlich, als wolle das Wesen uns nicht verlassen wollen. Aber unsere Zeit war ebenfalls abgelaufen, der Blasentang blubberte nicht mehr akkurat. Glems Augen funkelten noch einmal aus einer Höhle hervor, dann war auch jenes Leuchten erloschen. Mit Zeichen verständigten Pietje und ich uns, dass es nun angeraten sei, uns ins Boot hoch ziehen zu lassen. Dabei wäre ich am liebsten noch stundenlang hier unten geblieben. Aber ich würde wiederkommen. Es gab noch so viele Geheimnisse zu lüften.

Glem

Ich hatte mir in der Bucht eine kleine Hütte gebaut, in der ich in diesen warmen Mischans übernachtete. Feydahn brachten mir abwechselnd Nahrungsmittel, Getränke und frischen Blubber-Tang. Tagsüber schlief ich meistens ein paar Stunden. Meine Zeit war die Stunde vor Sonnenaufgang. Wenn es hell genug wurde, um Farben unter Wasser erkennen zu können, war ich mit einem kleineren Boot unterwegs zur schwimmenden Markierung in der Bucht, an der ich das Boot festmachte. Pietje und die anderen hatten vor, die gesamte Küste zu untersuchen.
Es war gefährlich, dass ich nun allein diese Touren unternahm. Das war mir klar. Niemand würde mich ins Boot ziehen können, falls ich mich verletzen würde, oder so etwas. Aber es war meine Entscheidung, mein Leben, und meine Feydahn respektierten das.

Es war eine wackelige Angelegenheit, mir den Anzug mit dem Tang in den Innentaschen im Boot anzuziehen. Doch die Reaktion setzte ja bereits beim ersten Kontakt mit meiner warmen Haut ein, der halbe Tang wäre also schon verblubbert, bis ich in die Bucht gerudert wäre, hätte ich den Anzug schon am Strand übergezogen. Zusätzlich hatte ich eine Tasche mit gestopftem und gekühltem Blubber-Tang dabei. Ab und an konnte ich eine Handvoll davon unter meinen Anzug schieben, wenn ich merkte, dass der Blubber in den Innentaschen aufgebraucht war. Damit konnte ich meine Tauchdauer so verlängern, dass mir zwischen Tageslicht und Glems Verschwinden in der Höhle genug Zeit zur Kommunikation verblieb.

Spektakulärer noch waren meine Tauchgänge in den Abendstunden. Ich hatte herausgefunden, dass Glem die Höhle verließ, sobald die Sonne hinter den Bergen versank, die im Westen hinter Lunby aufragten. Ich blieb, solange ich es für mich verantworten konnte. An der Grenze zur Nacht, wenn die Göttin Dom ihre Monde Phob und Deim noch nicht ausgesandt hatte, es aber schon so dunkel war, dass die Algen, Flugechsen und viele Meeresbewohner zu leuchten begannen, war es am wunderbarsten hier zu sein. Auch Glem hatte diese Fähigkeit. Es war so unbeschreiblich schön, dieses Wesen einfach nur zu betrachten. Ich liebte alles daran: Die Art, wie es sich bewegte, die Eleganz, mit der es die Form änderte, das Farbenspiel auf der Haut und in den Augen. Die bunten Lichter, die in Schauern, Funken oder Blitzen am Körper des Schillerkraxen auftauchten, waren wie ein Sog, dem ich mich in meiner Faszination nur schwer entziehen konnte.

In Abständen kehrte Glem von kurzen Ausflügen zum Fressen zur Höhle zurück. Im abnehmenden Dämmerlicht drang ein schwacher bläulicher Schein daraus hervor. In mir brannte die Neugier, was Glem dort verborgen haben mochte. Doch ich hatte es mir verboten, der Höhle zu nahe zu kommen. Spätestens, seit ich unabsichtlich beim Abtauchen ziemlich genau vor dem Höhleneingang gelandet war und Glem sich unüblich in einem flammenden Wut-Rot zwischen mich und die Öffnung in den Korallen gestellt hatte, war mir klar, dass ich den Abstand zu respektieren hatte.
Am nächsten Tag hatte ich daher ein Bündel Leuchtalgen aus den Tempelteichen dabei. Ein Friedensangebot, für das ich eigens den ganzen Weg hoch zum Tempel und zurück gelaufen war. Glems Feydahnschaftsfarben und der sichtliche Genuss beim Verzehren zeigten mir, dass sich unsere Beziehung deswegen nicht geändert hatte. Glem hatte mir einfach nur eine Grenze aufgezeigt, die ich einzuhalten gedachte.

In der nächsten Nacht würden die Monde zusammen aufgehen. Es war die hellste Nacht des Sonnenkreises. Ich hatte mir aus einem unbestimmten Gefühl heraus eine größere Menge an Blubber-Tang eingepackt. Ich legte die Tasche mit dem Tang und den Anzug ins Boot und breitete eine nasse Decke darüber. Das würde das Blubbern aufhalten, bis ich den Anzug draußen in der Bucht überzog. Meine Armmuskeln waren in diesen Semanen durch das tägliche Rudern noch breiter geworden. Der Anzug spannte an den Schultern. Aber noch passte ich hinein, wenn auch mit Mühe. Ich trank einen letzten Schluck aus der aufgeschlagenen Palmen-Frucht, denn dort unten, von Wasser umgeben, würde ich lange Stunden keine Gelegenheit zum Trinken haben. Vielleicht sollte ich doch ein paar Gedanken in die Planung einer Unterwasserkutsche stecken.

Als ich mich versichert hatte, dass alles an seinem Platz saß, knotete ich das Sicherungsseil, das am Boot befestigt war, an meinem Gürtel fest und glitt ins Wasser über den Seegraswiesen. Gürtel und Stiefel zogen mich gewohnt hinab in die Tiefe. Ich war heute spät dran. Unten würde Glem auf mich warten. Ein warmes Gefühl der Vorfreude durchdrang mich. Glem war nirgendwo zu sehen.

Ich setzte mich vorsichtig, um nichts abzubrechen oder zu zerstören, auf einen Korallenstock und wartete. Wie immer war das Gras, die Sandbank dahinter, waren die Korallenstöcke voller Leben. Ich wurde ignoriert, als wäre ich einfach ein Teil davon. Die kleinen Fische kamen heran, um mich zu putzen. Ich hatte ihnen daher den Namen Putzerfische gegeben, obwohl es verschiedene Arten waren, die sich um die Haut an meinen schrumpeligen Fingern kümmerten. Es kitzelte gelegentlich, wenn sie mit ihren saugenden Mäulern meine Hände abtasteten.

Plötzlich war Glem da. Ich hatte nicht bemerkt, wie das Schillerkraxe die Höhle verlassen hatte. Die ganze Farbpalette zuckte durch den Körper. Alarmiert und besorgt schaute ich hinüber, bewegte mich aber nicht. Irgendetwas Bedeutsames schien hier und jetzt zu passieren. Und dann sah ich es. Erst einzelne winzige Glems, dann immer mehr, schwammen aus der Höhle. Ein ganzer Schwarm sammelte sich am Eingang. Glem sah kurz zu mir herüber, während der Körper ganz schwarz, mit blauen Streifen signalisierte, dass alles in Ordnung war. Dann wechselte das Farbspiel zu purem Violett, ohne gelbe Punkte. Das war neu. Was bedeutete das?

Die Minikraxen heften sich an Glems Körper und verschwammen mit dem nun gelbgrünen Mustern. Glem zog in Richtung Sandbank mit ihnen davon. Ich sah das Schillerkraxe in dieser Nacht nicht wieder.
Erst, als ich Glem auch bei den nächsten Tauchbesuchen nicht mehr fand, wurde mir klar, dass sie alle die Bucht in jener Nacht verlassen hatten.

Eine tiefe Schwermut erfasste mich. Selbst meine Feydahn konnten mir nicht aus dem Schmerz helfen, den der Verlust der gemeinsamen Zeit mit diesem außergewöhnlichen Geschöpf auslöste. Ich würde warten. Ich würde im nächsten Sonnenkreis hier sein. In dieser Bucht.
Ich würde warten.

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