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Rattarium  

Unwritten Story

Eine blonde Frau läuft durch den Regen, sie sieht zu einem schwarzen Bus hinüber, von rechts oben fliegt ein Rabe heran. Ich habe eine PDF-Version gebastelt, UnwrittenStory-PDF
(Dateigröße: 235.1 kB – zuletzt aktualisiert am 24-09-2020.).
Die PDF ist eine komplett überarbeitete 2. Fassung!

Meine erste ePub-Datei, 19.9.2020 (mit Calibre erstellt).
Grauenhafte Ausführung, aber lesbar, 400 kB.
Download: UnwrittenStory, epub-Datei

Nachtrag: Wer sich diese Geschichte lieber anhören möchte, darf sich nachfolgend das Hörbuch als Zip-Datei herunterladen.
Hier nun die überarbeitete Fassung vom 8.8.2020, die ersten fünf Kapitel wurden neu gelesen, das 12. Kapitel ist ausgelagert auf der Fortsetzungsseite zu finden.!
Download: UnwrittenStory-Hörbuch
(Dateigröße: 79.3 MB – zuletzt aktualisiert am 10-08-2020.)

Über den Roman

Eyna ist mollig, kurzsichtig, blond und ziemlich queer.
Eigentlich hatte sie keine Lust zu diesem Klassentreffen zu gehen, sie wollte lieber an ihrem ungeschriebenen Roman schreiben. Aber andererseits interessierte es sie, ob sich alle sehr verändert hatten seit der Schulzeit. Wie sehr, damit hatte sie dann doch nicht gerechnet.
Wer sind die geheimnisvollen Gestalten, die sie zu verfolgen scheinen? Und was wollen die sprechenden Vögel von ihr?

Eine kurzweilige Geschichte, humorvoll, selbstironisch und sehr erotisch mit einem Schuss Magie, einer Prise Gefahr – und viel Liebe.

Kapitel-Übersicht ▼

(August 2020: Das bisherige 12. Kapitel „Epilog-2“ habe ich zusammen mit einer weiteren kurzen Bonus-Geschichte auf eine extra Seite verschoben, weil sie eigentlich nichts mehr mit der Hauptstory zu tun haben und auch anders im Stil sind. Weniger Fantasy, mehr Erotik. Möglicherweise kommen später noch weitere Kapitel dazu. Der Link zu und das Passwort befinden sich am Ende dieser Seite.)

Vorwort

Es sollte eine queere Protagonistin werden, mit einer weiteren queeren Hauptperson. Soviel zumindest war mir klar, als ich diese Story begann. Weder hatte ich einen Plan für die Handlung noch ein Konzept, als ich begann. Mir kommen anscheinend die Ideen erst, während ich zu schreiben anfange. Das ist meist sehr überraschend für mich selbst, in welche Richtung es sich entwickelt und zu welchen Persönlichkeiten meine Charaktere werden. Doch hätte ich nicht einfach angefangen, würde ich wohl immer noch über dem Plot grübeln.
Ein wenig Fantasy sollte hinein, auf jeden Fall Humor und gerne Erotik – das wenigstens wusste ich auch schon, als ich die erste ungeschriebene Seite anstarrte und auf eine Eingebung hoffte. Ganz so wie meine Protagonistin Eyna. Es ist also ein wenig eine Geschichte in einer Geschichte geworden.

Eyna hat durchaus ein paar Charakterzüge, die ich auch an mir selber sehe, ist aber auch eine ganz eigene Person geworden, schließlich bin ich weder blond noch Mitte dreißig etc. Ein paar Eigenheiten aus dem hypersensorischen oder auch AutismusSpektrum haben wir allerdings gemeinsam und vielleicht teilen wir auch einige der beschriebenen sexuellen Fantasien oder Vorlieben beim Essen.
Insgesamt ist die Story ein Mix aus eigenem Erlebtem und literarischer Vorstellungskraft geworden, wobei das Erlebte so verschlüsselt und verzerrt wurde, dass daraus keinerlei Ähnlichkeit mit lebenden Personen oder tatsächlichen Handlungen erkennbar sein sollte. Der Rest ist schlicht erfunden und schriftstellerische Freiheit.
Ich habe mich bemüht, gendergerechte Sprache zu gebrauchen. Einige der Figuren [spoiler: die Agenten und Entführer] wollten allerdings ausschließlich im generischen Maskulinum geschrieben werden.

~

1. Leerlauf

Ohne eine zündende Idee für den Plot schaute Eyna auf die unbeschriebene geöffnete Seite in ihrem Schreibprogramm. Sie hatte einen leicht grauen, augenschonenden Hintergrund gewählt und gut lesbare, serifenfreie Schrift, falls sie je etwas schreiben sollte – mehr als das jedenfalls, was sie bisher notiert hatte. Nein, sie war nicht gänzlich leer, diese Seite, immerhin stand schon ihr Name dort: „geschrieben von“ Eyna Wilke, und der Arbeitstitel der Kurzgeschichte, die sie schreiben wollte: Unwritten Story. Oder würde es ein Roman werden… und worüber eigentlich und welches Genre, SF, Fantasy, Romanze? Sollte sie LGBTIAQ+-Charaktere hineinschreiben, was würde sie sich zutrauen? Sie hatte keinen Plan.

Ideen hatte sie genug, zu viele eigentlich für eine einzige Geschichte. Sie starrte auf den Schmierzettel neben der Tastatur, auf dem etliche gekritzelte Gedanken standen, die sie in den letzten Tagen dort notiert hatte, zusammenhanglos und irgendwie nutzlos. Sie seufzte und starrte nun wieder auf den Bildschirm, was es auch nicht besser machte. Der war nämlich immer noch leer.

Die unaufdringliche, inspirierende Musik, die sie auf ein Level eingestellt hatte, das sie lautstärkemäßig nicht nervte, aber den Lärm unterdrückte, der durch das geöffnete Fenster herein schallte, nervte nun doch und sie schaltete sie ab. Ihr war heiß. Die kleine Wohnung im fünften Stock war unschlagbar günstig in der Miete, weil es keinen Lift in diesem Wohnblock gab und der Ausblick auf den weiten Horizont verschlug ihr immer wieder den Atem. Aber es war eine Dachgeschosswohnung und die heizte sich jetzt im Sommer unangenehm auf.

Zudem schien ein Gewitter heraufzuziehen. Eine Weile schaute sie durch das Fenster den Wolken zu, die sich nicht wirklich für eine Form entscheiden konnten und sich sowohl an Mammatus- wie auch Amboss-Formationen versuchten. In der Ferne grummelte es. Ihre Haut fühlte sich klebrig an und die statische Energie tat seltsame, prickelnde Dinge mit ihrer Kopfhaut. Ihr war schon als junges Mädchen aufgefallen, dass sie ausgesprochen wetterfühlig war. Nun war sie Mitte Dreißig und dieses Spüren war immer stärker geworden, wirkte sich ebenfalls auf ihre mentale Befindlichkeit aus. Sie grinste, als sie sich vor ihrem geistigen Auge als menschliches Barometer sah. Die Narben und Gelenke ihres Körpers hatten ihr jedenfalls bereits am Vormittag den Wetterumschwung angekündigt.

Vielleicht würde sich körperliche Bewegung positiv auf die unwilligen Gehirnströme auswirken? Eyna stand auf und absolvierte halbherzig ein paar gymnastische Übungen. Sie war zu sehr mit Zählen der Durchgänge beschäftigt, um vernünftig am Plot zu schmieden. Unzufrieden setzte sie sich wieder vor ihren Laptop. Der starrte unwirsch zurück. Eyna blinzelte. Ach nein, da war ja nur ihr Spiegelbild im Monitor. Sie fühlte ein oder zwei Schweißtropfen zwischen den Schulterblättern hinunter perlen. Sie war nun nass und verschwitzt an Stellen, von denen sie zwischenzeitlich vergessen hatte, dass dort Schweißdrüsen waren. Sie beschloss, ihr weiteres Autorinnenleben noch ein wenig zu verschieben und erst einmal duschen zu gehen.

Die schweißnassen Sachen leisteten Widerstand, da sie naturgemäß die Gesetze der Adhäsion verinnerlicht hatten und sehr an ihr hingen. Eyna blieb dennoch Siegerin in diesem ungleichen Duell und warf die Teile zur Schmutzwäsche in den Wäschekorb. Zum Glück hatte sie eine winzige Waschmaschine hier oben und brauchte nicht auch noch deswegen jedes mal die fünf Stockwerke, plus Stufen zum Wäschekeller, zu laufen. Auf dem kleinen Balkon musste sich ein Mini-Wäscheständer den spärlichen Raum mit einem winzigen Klapptisch und zwei platzsparenden Klappstühlen teilen. Ein paar kümmerliche Kräuter fristeten ein erbärmliches Dasein im Balkonkasten. Einzig ein Basilikum stand in üppigem Grün und trotzte jedweder nachgesagter typisch kurzer Lebenserwartung.

Nun völlig nackt ging Eyna hinüber in die kleine Nasszelle. Es war nicht weit, die ganze Wohnung hatte insgesamt wohl nur 25 Quadratmeter. Sie fragte sich manchmal, warum sie bei dieser schwülen Witterung überhaupt Kleidung trug. Unter ihren bloßen Füßen spürte sie holzwarmes Laminat und dann die kühleren Fliesen des Badezimmers. Fauchend ging die Therme an, als sie die Wasserhähne öffnete. Eyna blickte kurz misstrauisch zum Gerät hinüber – sie hegte gegenüber Gas betriebenen Maschinen tiefen Argwohn – und stellte sich dann unter den Strahl.

Es war die Wonne pur.

Mit geschlossenen Augen ließ sie das genau temperierte Wasser über ihren Kopf laufen, bis die weißblonden Haare vollgesogen waren. Haar und Kopfhaut bekamen anschließend eine shampoonierende Reinigung und erfüllten damit ihren Mindeststandard an täglicher Hygiene. Kurz überflog sie die Duschseifen auf dem Duschregal. Ja, heute würde es Vanilla-Coconut sein, dachte sie und tat sich eine kleine Menge des glibberigen Zeug auf die Hand. Als sie es am ganzen Körper verrieb, breitete sich der Duft des Schaums zunächst süßlich-herb-vanillig aus, veränderte sich auf der Hautfläche nuanciert zu duftendem Kokos und blieb auch nach dem Abspülen als seifig-exotische Note an ihr haften. Sie roch an ihren Armen und Schultern, atmete tief ein und genoss das sinnliche olfaktorische Erlebnis.

Nach dem Akt des pragmatischen Säuberns gönnte sie sich noch eine Minute lang den Luxus, einfach nur die nun noch kühler gestellten Wasserstrahlen auf ihrer Haut zu fühlen. Sie hielt die Lippen und die Handflächen in den harten Strahl und genoss das sensorische Gefühl, das es auslöste. Das Prickeln, wenn er auf empfindliche Partien ihres Körpers traf, hatte schon etwas sehr sinnliches, das sie über alle Maßen genoss.
Es schien ihr, als könne sie die einzelnen Strahlen an ihrer Temperatur auseinanderhalten, erspüren, wo sich Kaltwasser und jenes andere, das lauwarme aus der Therme, mischten. Doch ihr Gewissen ermahnte sie, es nicht zu übertreiben und nun genug Trinkwasser verschwendet zu haben. Sie stieg angenehm abgekühlt aus der Duschwanne und sortierte ihr schulterlanges tropfendes Haar in ein Handtuch.

In ihr Badetuch gewickelt, setzte sich Eyna erneut an ihren Laptop. Das Blatt war immer noch genauso leer, wie ihr Kopf. Frustriert klappte sie das Gerät zu. Das Gewitter war woanders niedergeregnet, aber durch das Fenster strömte nun kühlere Luft herein, die nach Sommerblüten, Hundepisse und grünen Blättern roch. Es war später Nachmittag und immer noch zu warm, um irgendetwas Sinnvolleres anzustellen, als irgendwo bewegungslos zu liegen und sich auf Atmung und Dasein zu fokussieren. Eyna legte sich und ihre Handtücher auf dem Schlafsofa ab. Sie konnte ebenso gut im Liegen plotten. Sie fühlte, wie die Flüssigkeiten ihres Körpers sich nun unangestrengter verteilen konnten. Sie schloss die Augen, um besser denken zu können. Sehr angenehm ist das, dachte sie, und dachte dann über den möglichen Inhalt ihrer Geschichte nach.

2. Eingeladen

Sie wachte bei Einbruch der Dämmerung auf. Nun, eigentlich wurde sie aufgewacht, weil ihr Smartphone lautstark signalisierte, dass es seinen mehrstündigen Suspend beendet hatte und eine neue Nachricht empfing. Noch schlafdröselig setzte Eyna sich auf und öffnete das Mail-Programm.

„Hi Eyna, ich weiß nicht, ob du dich noch an mich erinnerst. Ich bins, Thomas. 10. Klasse bei Frau Hell-Wolter. Geschichtskurs.
Habe dein Profil bei fb gesehen und bin eigentlich immer noch nicht ganz sicher, ob du das bist, die ich meine!? Aber so einen ausgefallenen Namen gibt es nicht so oft. ? Und – ob du überhaupt mit mir reden möchtest. Es ist ja nun schon ein paar Jahre her, seitdem… Und das ist der Grund, warum ich schreibe. Wir, die alte Klicke aus der 10-B, hatten ja schon länger geplant, zumindest zum 15 Jahrestag ein Klassentreffen zu organisieren, hat aber organisatorisch nicht geklappt bisher.
Nun bin ich – nur für ein paar Tage – wieder in der Stadt und dachte, wir könnten das jetzt oder nie durchziehen. Ein paar aus der alten Klicke habe ich tatsächlich aktivieren können. Wir treffen uns am Abend in der Auditorium-Tenne in der Mozartstraße.
Ich weiß, es ist total kurzfristig und ich würde es verstehen, wenn es bei dir nicht passt. Es wäre aber superschön, wenn du auch dazu kommen könntest.
Tom“

Eyna war froh, bereits zu sitzen. „Tom“, dachte sie. Meine Güte, das waren die Coolsten der Schule damals, die Jungs aus der Schulband „Pentagon“. Plötzlich war sie 15 Jahre jünger und wieder schwer verliebt. Thomas, Helge, Marvin, David und Josh. Oh ja, vor allem Josh, den sie damals so hoffnungslos angehimmelt hatte. Der schöne Josh mit den buchenbraunen Locken, die ihm beinahe bis auf die Hüften hingen. Josh, zu dem diese Hände gehörten, mit den feinen Sehnen und langen Fingergliedern, mit denen er so wunderbar Gitarre gespielt hatte, Bella Ciao, damals auf der Schulfreizeit – nie hatte sie schönere Hände bei einem Menschen gesehen. Josh, mit den seegrünen Augen, dessen Gesicht sie heimlich zuhause hundertfach in ihr Skizzenbuch gezeichnet hatte. Mit dem sie aus lauter Schüchternheit damals nie ein einziges Wort gewechselt hatte.
Wenn die anderen sie hässlich gehänselt hatten, wegen ihres Namens oder der dicken Brille oder einfach so – er hatte nie mitgemacht dabei, dachte Eyna, aber er hatte auch nichts dagegen unternommen. Ob er heute wohl auch bei dem Treffen war? Ihr Herz schlug schneller bei diesem Gedanken. Puhhh, atmete sie aus.

Während Eynas Gedanken sich noch um die Frage kümmerten, ob sie dort wirklich hingehen wollte oder sollte und warum eigentlich oder eigentlich nicht, hatte der Rest ihres Körpers die Initiative ergriffen und schon begonnen, sich für das Treffen aufzubrezeln. Was in ihren Augen bedeutete, dass sie die Highheels im Cowboystil hervorkramte, die sie erst neulich als Schnäppchen erstanden hatte. Dazu den grün gefärbten kurzen Jeansrock und – sie haderte kurz mit sich – das grell rosafarbene Top. Sie grinste über sich selber. Sie kannte mittlerweile die anregende Wirkung, die sie darin auf andere Menschen hatte.

Damals hatte sie dieses Selbstbewusstsein bei Weitem nicht gehabt. Zuletzt zog sie die verzierte Manschette über ihren linken Unterarm, der zur Gänze die hässliche Narbe dort verdeckte. So viel Mut hatte sie dann doch nicht, diesen Makel öffentlich zu zeigen. Auch die Haare trug sie draußen lieber offen, um die Brille zu verdecken, die Brille trug sie, um die Augen zu verdecken. Sie grinste erneut, als ihr klar wurde, wie wenig weit sie sich mit dem Terminus ‚Selbstbewusstsein‘ tatsächlich identifizierte.

Sie griff nach einem Blick in den Spiegel zu ihrem silbernen Medaillon und hängte es sich um den Hals. Es kam knapp unterhalb ihrer Schlüsselbeine zum Liegen und machte den Anblick perfekt, wie sie befand. Die schwarze Jacke nahm sie mit, weil diese viele Taschen hatte und sie ihre ganzen Sachen dort verstauen konnte. Sie hatte das Prinzip Handtasche noch nie verstanden. Ein letzter Blick auf das Handy – ja, die in der Mail angegebene Zeit wäre dann jetzt. Die Tenne war lediglich zwei Blocks von hier entfernt, sie würde rechtzeitig ankommen. Außerdem fühlte sie nun derben Hunger. Falls das Treffen schräg werden sollte, konnte sie immerhin etwas Gutes essen, dachte sie, der Laden hatte eine sagenhafte Küche zu bieten.

3. Klassentreffen

Der kurze Spaziergang hatte gut getan. Die Stadtplaner hatten breite Rad- und Fußwege zwischen den Blocks angelegt und diese waren seitlich mit üppigem Grün bewachsen. Die Honigsträucher blühten gerade. Eyna hatte keine Ahnung, wie diese Gewächse botanisch korrekt hießen, aber sie dufteten eindeutig nach Honig, selbst jetzt noch in den Abendstunden, oder vielleicht gerade jetzt, da kein Wind mehr ging und sich der Duft konzentrieren konnte. Sie liebte diese Zeit – wenn der Himmel noch dunkelblau nachleuchtete, aber schon die ersten Straßenlaternen Lichtflecken in dunkle Ecken schnitten. Am Firmament erschienen sogar schon ein paar Sterne und frühe Fledermäuse umflatterten Bäume und Laternen, während letzte Amseln das Ende des Tages besangen. Ihre Stiefel klackerten einen dissonanten Takt dazwischen, ein unangenehmes Geräusch, das sie eigentlich störte, da sie sonst lieber lautlos in Sneakers unterwegs war, aber das konnte sie nun nicht mehr ändern.

~

Vor dem Auditorium räumten einige Gäste gerade die Außenplätze und waren plaudernd im Begriff ins Innere zu gehen. Eyna erinnerte sich, dass die Tenne-Wirte die Nachtruhe streng nahmen, um mit den Nachbarn keinen Ärger zu bekommen. Ein paar von den Leuten kamen ihr bekannt vor. Ob das welche von dem Klassentreffen waren? Sie hielten inne, als sie Eyna bemerkten, die nun in den Schein der Außenbeleuchtung trat. Herrje, die hatten sich teils gar nicht verändert, waren zu erwachsenen Ausgaben ihrer Schul-Ichs geworden, dachte Eyna. Nur die Namen, die hatte sie von allen vergessen. Das war schon immer ihr Problem gewesen. Besonders bei Aufregung passierte ihr diese spezifische Aphasie, und aufgeregt war sie nun sehr.

Sie fühlte ihren Herzschlag, besonders die Schlagadern am Hals pochten. Am liebsten wäre sie nun doch umgedreht oder hätte zumindest aus sicherer Entfernung zunächst die Lage erkundet, und vielleicht wäre sie dann doch wieder gegangen, ohne die anderen überhaupt zu treffen. Doch ihre Cowboystiefel trugen sie weiter auf die Menschen dort zu, außerdem war sie bereits entdeckt worden.

„Mensch, schau mal, das ist doch die Wilke“, „Hallo Eyna!“ „Grüß dich!“ hörte sie aus der Gruppe rufen. Sie straffte die Schultern und grüßte mit einem „Hallo zusammen“ unverbindlich zurück. Ihr Blick suchte unauffällig nach Josh, als sie sich zu den anderen gesellte und es tunlichst vermied, die Hände zu schütteln, die ihr hingehalten wurden. Sie hatte es sich in den vergangenen Monaten und Jahren strikt antrainiert, diese für sie unangenehme Geste zu vermeiden und zu ignorieren. Sie klopfte stattdessen mit den Knöcheln auf einen der Tische und das schien den anderen nun auszureichen als Begrüßung, da sie alle einfach zurück klopften.
Eyna war kurz erleichtert, denn das Vermeiden des Handkontakts hatte sie schon mit vielen rücksichtslosen Menschen ausdiskutieren müssen, und dass sie diese Art des Anfassens nicht mochte, obschon ihr Ignoranten diese Verweigerung als Unhöflichkeit vorwarfen.

Eine Frau in einem atemberaubend raffiniert geschnittenem Kleid trat aus der Gruppe nun lächelnd einen Schritt vor, während die andern schon Richtung Kneipentür gingen.
„Eyna! Ich freue mich so, dass du es einrichten konntest!“
Eyna war verwirrt. Im Geiste ging sie die Erinnerungsbilder der ehemaligen Mitschülerinnen durch… keines davon wollte zu der Frau vor ihr passen. Dass sie sich aber auch nie Namen und Gesichter merken konnte, auch wenn ihr dieses trotzdem vertraut vorkam, ärgerte sie sich flüchtig.
„Entschuldige, ich habe ein sagenhaft schlechtes Gedächtnis – ich glaube, ich sollte dich kennen, aber, hilf mir mal, wer genau bist du?“ traute sie sich stirnrunzelnd zu fragen.
Die Person vor ihr wurde ernst.
„Du kanntest mich unter dem Namen Josh. Ich heiße jetzt Josy.“

Eyna starrte wortlos in das Gesicht vor ihr und suchte nach Übereinstimmungen. Die grünen Augen, ja, das passte, daran erinnerte sie sich, die Augenbrauen waren weniger dominant nun. Die Haarfarbe, soweit sie das in diesem Licht erkennen konnte, stimmte auch. Das Kinn und die Nase waren vertraut, ein paar feine Linien waren in den 15 Jahren dazu gekommen. Ihr Blick ging tiefer und blieb an den Händen von Josh… Josy, verbesserte sie sich, hängen. Diese wunderschönen Hände! Ja, das war tatsächlich die Person von früher.

Eynas Gehirn hatte sich synchronisiert. Alle Menschen sollten das Recht haben, so zu leben und zu sein, wie es sich für sie richtig anfühlt. Das war ihre Überzeugung. Es ist kein Problem und sollte kein Problem sein, für niemanden.

Sie blickte zurück ins Gesicht ihres Gegenübers und lächelte breit.
„Dann werde ich dich Josy nennen. Ist nicht kompliziert. Pronomen: sie?“
Josy atmete aus, als hätte sie während Eynas Musterung vergessen, dies zu tun.
Sie wäre ok“, sagte Josy.
Sie leuchtet, dachte Eyna fasziniert, als Josys entspanntes Lächeln zurückkehrte.

~

Drinnen hatten die Anderen einen großen Tisch in Beschlag genommen und vertieften sich in die Speisekarten. Eyna bestellte Spargel-Risotto und Josy, die rechts von ihr saß, wollte die Gemüseplatte probieren. Während des Essens erzählten alle reihum, was aus ihnen geworden war inzwischen. Tom, der zum Treffen eingeladen hatte, begann, danach erzählte Josy.

Josy Johansson hatte nach der Schule ein Gartenbau-Studium begonnen. Bald darauf war ihr Vater gestorben – Eyna erinnerte sich, dass dieser bereits zu Schulzeiten sehr alt gewesen war – und sie hatte den elterlichen Betrieb zunächst übernommen und dann einen externen Verwalter eingesetzt. Josy bekam als Gartenbauarchitektin inzwischen Aufträge in ganz Europa und war viel unterwegs. Dies war einer ihrer seltenen Besuche in der Heimatstadt.

Eyna versuchte gar nicht erst, sich den Werdegang der anderen zu merken. Sie hätte es ohnehin im nächsten Moment vergessen. Das war auch so eine Fehlleistung, die sie an sich wenig mochte. Da diese Unfähigkeit jedoch unabänderlich war, kaschierte sie das aktive Weghören für sich als „unnützes Wissen“.

Als die Reihe schließlich an ihr war, ließ sie das meiste ihres Lebenslaufs aus, da sie es für irrelevant hielt, ihr Leben vor Menschen auszubreiten, mit denen sie nichts weiter gemein hatte, als zusammen in einer Schulklasse gewesen zu sein. Sie hatte schon damals kaum dazu gehört, nicht so wie Josy, die damals der angesagten Klicke angehört hatte. Eyna ließ die anderen lediglich wissen, dass sie als Buchautorin und freie Künstlerin ihr Auskommen hatte, was nickend zur Kenntnis genommen wurde. Das Desinteresse an ihrer Person war schon in der Schulzeit so gewesen, es hatte sich nichts geändert. Alles andere hätte sie überrascht.

Die Gespräche drehten sich noch eine Weile um die Vergangenheit, die Schulzeit als gemeinsame Erinnerung war verbindend. Dann verlagerten sich die Gespräche allmählich auf eine Art, die sie und Josy ausschloss. Eyna war noch nie gut in Small Talk gewesen und ihre einsilbigen Antworten hielten die anderen bald davon ab, das Wort an sie zu richten. Sie hatte stattdessen begonnen, Servietten mit Figuren und Gesichtern vollzukritzeln.
Auch Josy wurde meist übergangen und nur heimlich angestarrt, sobald es schien, sie würde es nicht bemerken.
„Sie ignorieren uns“, flüsterte Josy zu Eyna.
Eyna wisperte zurück: „Joah, hab ich wohl bemerkt.“
Sie grinsten einander verschwörerisch an und Josy zwinkerte ihr zu.
Wie sweet ist das denn, dachte Eyna.
Eine Person nach der anderen verabschiedete sich schließlich. Eyna, schaffte es knapp, niemandem die Hand zu geben, auch Tom nicht, der zumindest ihr Angebot einer brofist annahm. Eyna und Josy blieben übrig, als hätten sie sich abgesprochen und konnten sich nun ohne die ablenkenden Gespräche in Ruhe unterhalten.
„Du magst kein Händeschütteln“, stellte Josy fest.
„Richtig“, bestätigte Eyna.

Eyna sah Thomas hinterher, als dieser das Lokal verließ, sie dachte an die Schulzeit zurück und unliebsame Erinnerungen kamen auf. Mehr zu sich selbst als zu Josy sagte sie: „Eigentlich wundere ich mich über mich selbst, dass ich zu diesem Klassentreffen gekommen bin. Sie haben mich damals ziemlich mies behandelt. Brillenschlange war noch das Netteste an Namen, die sie für mich hatten. Und ich bekam Sachen zu hören wie ‚wenn du deine Arme vor der Brust kreuzt, sieht das irgendwie männlich aus‘ und ‚warum trägst du nie Röcke‘.“ Warum hast du dich nie eingemischt?“, wollte sie von Josy wissen.
„Vermutlich hatte damals ich zu viel mit mir selbst zu tun, um meinen Status als coolstes Mitglied der Clique zu erhalten.“
„Oh ja, du warst schon ziemlich cool damals und ich war einigermaßen doll verliebt in dich, wusstest du das?“, schwärmte Eyna und hätte sich am liebsten auf die Zunge gebissen. Wann lernte sie endlich, ihr vorlautes Mundwerk zu beherrschen.
Josy lief ein wenig rot an, dann zwinkerte sie und grinste schelmisch. „Ach, und heute findest du mich nicht mehr cool?“
„Heute? Nein. Heute bist du atemberaubend!“ sagte Eyna und vergaß, dass sie so etwas eigentlich nicht mehr hatte sagen wollen. Aber alles andere wäre gelogen gewesen.

Eyna bestellte noch Crema Catalana für sie beide.
„Es ist die beste der Stadt“, meinte sie und Josy stimmte zu nachdem sie probiert hatte: „Nicht einmal in Barcelona schmeckte sie mir so gut! In der Tat, das ist ein ganz famoses Dessert.“
Eyna betrachtete selbstvergessen Josys Hände, die auf unnachahmlich elegante Art den Löffel hielten oder beim Reden gestikulierten, als würden sie zum Gesagten tanzen.
Sie hingen jede eine Weile ihren Gedanken in einvernehmlichem Schweigen nach und ließen sich den Rest der Crema auf der Zunge zergehen. Der geröstete Karamellgeschmack des Puddings erregte sämtliche Geschmacksknospen.

Es war nun sehr spät geworden, in der Tenne wurden bereits in einer entfernten Ecke des Lokals die Stühle auf die Tische gestellt. Sie verstanden den subtilen Hinweis und bezahlten ihre Rechnung.
Als sie aufstanden, fragte Josy: „Willst du deine Zeichnungen nicht mitnehmen, die sind genial geworden.“
„Ach, das sind doch nur Kritzeleien“, meinte Eyna.
„Darf ich sie dann an mich nehmen?“, bat Josy.
Eyna hob die Schultern, es war ihr ziemlich einerlei, aber ein wenig freute sie sich auch an dem Interesse.

Draußen vor dem Auditorium hielt Eyna plötzlich inne und stöhnte leise auf. Ihr ganzer Körper meldete sich mit den bekannten Alarmzeichen.
„Es kommt ein Unwetter“, presste sie hervor, „halbe Stunde noch.“
Wie zur Bestätigung sandten ihrer beider Smartphones auch schon Warnmeldungen, die schwere Gewitter ankündigten.
Josy war, weil die Gärtnerei weit draußen vor der Stadt lag, mit einem der Firmen-Lieferwagen gekommen. Als sie mitbekam, dass Eyna zu Fuß nach Hause gehen wollte, hielt sie rigoros die Beifahrertür auf und bot an, sie heim zu fahren. Eyna willigte gerne ein. Im Regen zu laufen war sonst schön, aber nicht bei Gewitter, Wolkenbruch und Hagel. Sie kannte die Gefahren.

Sie waren fast vor Eynas Wohnblock angekommen – erste heftige Windböen peitschten Staub durch die nächtlichen Straßen -, als Josy fragte:
„Wie kommt es, dass du das mit dem Wetter wusstest?“
Eyna hob die Schultern und ließ sie wieder sacken. „Keine Ahnung, ich spüre es einfach… in meinen Knochen. Vielleicht ist es die statische Aufladung oder der fallende Luftdruck? Es ist… unangenehm.“
„Unangenehm? Wie?“, fragte Josy nach.
„Es… schmerzt… manchmal Tage vorher schon“, versuchte Eyna zu erklären.
„Tut mir leid, dass es dich quält“, sagte Josy. „Aber irgendwie ist das auch ziemlich cool, oder? Ich wünschte, dieses paranormale Phänomen hätte uns vor ein paar Jahren geholfen, die Gewächshäuser zu sichern. Das war ein ziemlicher Schaden, den das Hagelunwetter angerichtet hat.“

4. Rosen und Dornen

Am nächsten Morgen war Eyna anscheinend von einer Muse geküsst worden, denn aus ihren Fingern strömte nun Textzeile über Textzeile in ihr Schreibprogramm. Sie hatte zwar immer noch keine Vorstellung, wovon sie eigentlich schrieb, aber die Erlebnisse des Vortages wollten notiert werden. Um eine mögliche Handlung würde sie sich kümmern, wenn es soweit war.

In ihrem Hinterkopf spielte wie eine Zweitstimme immer wieder der eine oder andere Satz, den sie mit Josy gewechselt hatte. Da rührte sich meist noch viel mehr zwischen den grauen Zellen und darin. Sie hatte sich am PC einen Soundtrack eingestellt, der akustisch eine Art fokussierende Landstraße bildete, die sie auf der Spur hielt. Ansonsten hätten Filmsnippets – entweder gesehene aus Kinofilmen oder Kuriositäten, die ihr Hirn Flash-artig selbst produzierte – und andere abschweifende Gedanken – sie aus ihrer Konzentration gerissen. Ok, Zweitstimme war insofern richtig, als ihre Gedanken nun vordergründig Text formten, Josy kam als eine Art Hintergrundmelodie gleich an zweiter Stelle.

Noch während ihres Workflows hatten die zweiten Gedanken einen Termin mit ihrem Wachbewusstsein gemacht und als sie das letzte Kapitel eingetippt hatte, wusste sie, was sie wollte: sich noch einmal mit Josy treffen!
Sie rief die gestrige E-Mail erneut auf, denn sie erinnerte sich, dort im langen Text der zitierten Antworten der anderen Josys Adresse und vor allem ihre Telefonnummer gesehen zu haben.

Sie hatte soeben Josys Handynummer in ihr Smartphone eingespeichert und war im Begriff anzurufen, als eine neue E-Mail ins Postfach purzelte:
„Hast du heute schon was vor? Wollen wir zusammen etwas unternehmen? Josy.“
Eyna grinste unwillkürlich und drückte die Anrufen-Taste. Josy hob beim ersten Klingelzeichen ab. Eynas Grinsen vertiefte sich.
„Woher wusstest du, dass ich es bin, die nun anruft?“, fragte sie statt einer Begrüßung.
„Ich hatte so eine Ahnung, dass du sofort auf meine Mail antworten würdest“, hörte sie Josy sagen und es schwang ein deutliches Lächeln in der Stimme mit.
„Magst du Wandern?“ fragte Eyna und Josy bejahte. Sie verabredeten, dass Josy sie in einer Stunde für eine Wanderung im Rosenpark der Stadt abholen würde.

~

Josy hatte ihr Rad im Transporter mitgebracht und Eyna holte ihres aus dem Keller ihres Wohnblocks. Eyna war nun wieder in ihren Wohlfühlklamotten unterwegs – kniekurze Jeans und T-Shirt mit Weste. In einem Rucksack hatte sie ihren Fotoapparat verstaut. Sie hatte das Gefühl, es könnten sich ein paar sehr nette Motive ergeben. Josy hatte einen sehr kurzen Hosenrock an, der sie nicht beim Radfahren hinderte. Eyna starrte einen langen Moment auf die Beine, die daraus hervorschauten. Sie stand schon sehr auf den Anblick.
Josy, die ihren Blick bemerkt hatte, zog ungerührt die Enden ihrer Bluse aus dem Rock und band sie oberhalb des nackten Bauchnabels zu einem Knoten. Bauch, Beine, Po – was für ein Gesamtkunstwerk! Eyna schluckte.
„Das machst du mit Absicht!“, beschwerte sie sich halb im Ernst bei Josy.
Diese kicherte anzüglich. „Selbstverständlich“, gab sie zwinkernd zu und fuhr an.

~

Der Park war umwerfend schön, wie erwartet. Eyna genoss Farben und Formen, die sie auf digitales Zelluloid bannte. Aus Versehen oft war Josy mit auf den Bildern. Eyna hatte jedoch zuvor gefragt, ob das für Josy in Ordnung wäre. Es gehörte zu ihrem Verständnis von Respekt, Menschen nicht einfach ohne deren Einverständnis zu fotografieren. Josy kannte nicht nur die Namen, sondern zudem ziemlich interessante Geschichten zu den Abertausenden Pflanzen. Eyna dachte an ihre darbenden Balkonkräuter und seufzte leise.

Im Café des Parks beendeten sie ihre Runde. Mit einer Kalorienbombe von Frankfurter Kranz und Chai Latte füllten sie die verbrauchen Energien auf. Der Tag fühlte sich ein wenig wie ein Feiertag an, das wollte auch kulinarisch gewürdigt werden, waren sie sich einig.
Josys Blick war immer mal wieder über Eynas Arme gewandert und bei der Unterarm-Manschette hängen geblieben.
„Stört dich das nicht, bei dem Wetter? Das muss doch ziemlich warm sein darunter?“
„Ist es“, bestätigte Eyna, sagte aber nichts weiter dazu und Josy respektierte ihr Schweigen. Das war wohltuend.

War sie schon soweit, es Josy zu erzählen, was sich darunter verbarg – es ihr gar zu zeigen? Sie hoffte, dass Josy dann nicht mit Abscheu reagierte oder Berührungsängste mit körperlicher Versehrtheit hatte. Sie würde den Versuch wagen, beschloss Eyna. Bei Gelegenheit.
Die Gelegenheit kam schneller, als gedacht.

~

Auf dem Rückweg kauften sie Gemüse und Stangenbrot. Sie wollten noch ein Ratatouille zusammen kochen, von dem Eyna meinte, niemand würde das authentischer hinbekommen als sie. Eyna wunderte sich über sich selbst. Normalerweise war sie froh, wenn soziale Kontakte zeitlich begrenzt waren und sie sich möglichst bald zurückziehen konnte. Und nun hatte sie sogar den Wunsch, nach diesen langen gemeinsamen Stunden noch länger mit Josy zusammen zu sein.

Mit üblichem Elan war sie ihre fünf Treppen hinauf gelaufen und wunderte sich vor ihrer Wohnungstür, dass Josy noch im Stockwerk unter ihr war und nun erst schwer atmend aufholte. Sie mochte das Geräusch von Josys keuchendem Atem und das kribbelnde Gefühl, das es bei ihr unwillkürlich auslöste. Eyna schüttelte energisch den Kopf, um die damit assoziierten Fantasien aus dem Kopf zu bekommen.
Josy missdeutete das Kopfschütteln. „Was denn?“, japste sie, „ich bin das halt nicht gewohnt.“
„Nein, das Kopfschütteln meinte nicht dich… also, irgendwie schon, aber ich meinte nicht deine Kondition…“, verhaspelte sich Eyna und holte tief Atem, was aber eher kontraproduktiv war, als ihr der Geruch von Josys erhitzter Haut in die Nase kam. Pheromone überfluteten Eynas Sinne. Sie drehte sich schnell um und bekam mit ihren nun zittrigen Händen endlich beim zweiten Versuch den Schlüssel in die Haustür gesteckt. Du meine Güte, sie war doch nun wirklich kein himmelnder Teenager mehr. Ihr Körper dachte anders und himmelte ungehemmt.

„Ich mache uns gleich etwas zu trinken“, versprach Eyna hastig und nickte in Richtung des Tee-Regals, „ich muss mich nur rasch frisch machen.“ Sie stellte die Tüten mit Einkäufen auf der Küchenzeile ab und ihren Rucksack auf dem Schlafsofa.
„Oh, wenn ich darf, kann ich das machen“, bot Josy an. Eyna nickte und verschwand im Bad. Sie schälte sich aus ihren Sachen, nahm die Manschette vom Arm und wusch sich mit kaltem Wasser das Gesicht. Sie zwang ihre Gedanken in Richtung Kochen, weg von Josy, und wurde allmählich ruhiger. Ein letztes Mal atmete sie tief durch, hängte das Handtuch über den Bügel und trat aus dem Bad.

Josy hatte die Utensilien für Tee gefunden und auch das Gewürzregal, wie es schien – so spicy, wie es aus der offenen Kanne duftete, in die sie nun kochendes Wasser einfüllte. Kardamom, Zimt und Ingwer – genau ihr Geschmack, fand Eyna.
Sie holte einen Topf aus dem Schrank, goss Olivenöl hinein und stellt ihn auf dem Herd bereit. Sie hatten schon eine ganze Weile Gemüse klein geschnippelt, als Eyna auffiel, dass sie das Armband im Bad gelassen hatte. Sie erstarrte, als sie Josys Blick auf dem Arm fühlte, dann zog sie rasch ein Geschirrhandtuch über die Narben.

Josy legte langsam ihr Messer auf der Arbeitsfläche ab. Behutsam näherte sie ihre Hand dem Handtuch und sah Eyna fragend an. Diese reagierte erst nicht, nickte dann aber kaum merklich. In einer langsamen, fließenden Bewegung schob Josy ihre linke Hand zart unter Eynas Arm entlang, bis ihr ganzer Unterarm unter dem von Eyna lag und ihn lose stützte. Mit der rechten Hand zog Josy das Tuch weg, über Eynas Hand und über ihren eigenen Ellenbogen hinaus, legte es neben das Messer und fuhr langsam, aber ohne Unterbrechung zurück, mit den Fingerspitzen liebkosend über die nun freigelegte Fläche streichend.
Eyna war sprachlos. Der Grund, warum sie normalerweise die Narben versteckte, waren die angewiderten Blicke ihrer Mitmenschen gewesen. Noch nie hatte irgend jemand so… positiv reagiert. Sie merkte nicht einmal, dass ihr Tränen über die Wangen liefen.

„Hey!“, sagte Josy leise, „wollen wir nicht lieber Meersalz zum Würzen nehmen?“ Sie nahm nun das Tuch wieder auf, wischte Eyna damit die Tränen fort und hängte es sich dann über die Schulter. Dann fuhr sie ungerührt fort, das Gemüse zu zerkleinern. Eyna fühlte ihren Arm prickeln, an den Stellen, die Josy berührt hatte. Sie fasste sich endlich wieder und schnippelte nun ebenfalls weiter. Als sie Josy von der Seite ansah, zwinkerte ihr diese zu.
Wow, dachte Eyna.

Beim Essen des leckeren französischen Eintopfs fragte Eyna: „Du möchtest sicher wissen, woher die Narben stammen?“
„Ja und nein“, antwortete Josy. „Sicher bin ich neugierig und so, aber wenn du es nicht erzählen möchtest, komme ich damit klar. Es geht mich nicht das Geringste an. Aber natürlich höre ich gerne zu.“
„Ach, so schlimm ist es nicht, das zu erzählen. Schlimm waren immer nur die Reaktionen, wenn Menschen auf die zerstörten Flächen schauten.“
„Interessante Muster“, sagte Josy und zog – mit Eynas Erlaubnis – erneut die Furchen und Wölbungen mit den Fingerspitzen nach. Es entspannte sie merklich und sie begann zu erzählen. Von Kevin.

Josy lachte nicht, als sie den Namen hörte, aber ihre verkniffene Miene, verriet ihre Gedanken. Kevin war wie ein Feuerwerk in ihr Leben geraten. Schon nach drei Monaten waren sie zusammengezogen. Ins Haus seiner Eltern. Es war der Fehler ihres Lebens gewesen. Kevin grillte für sein Leben gern und war Fußballfan. Zwei Sachen, die Eyna nur zum Teil verstand.
„Er traf sich jeden Samstag mit seinen Freunden, sie gingen zum Sportplatz, um Spiele zu schauen. Und anschließend grillten sie. Oft waren sie dabei nicht mehr ganz nüchtern.“

Eyna hatte bei ihrer Rückkehr meist den Grill soweit vorbereitet, sodass sie gleich beginnen konnten.
„Einer seine Freunde hatte wohl gemeint, dies ginge nicht schnell genug und half nach, indem er Spiritus in die Glut spritze. Leider traf er damit auch meinen Pullover und der ganze Mist stand in Flammen. Ich bin in voller Montur in den Karpfenteich gelaufen. Der Arm brannte wie die Fackel der Freiheitsstatue. Muss ein toller Anblick gewesen sein – so wie die Jungs lachten. Sein Vater meckerte, ich hätte seine geliebten japanischen Karpfen verschreckt und seine Mutter meckerte, weil ich anschließend mit den nassen Klamotten durch das Haus lief. Der Nüchternste der Bande hat mich dann endlich ins Krankenhaus gefahren.“

Eyna sagte eine lange Weile nichts.
Und dann, ganz leise: „Ich hätte damals schon gehen sollen, weg von ihm. Kannst du dir vorstellen, dass er mir die Schuld gab, seinen Grill-Abend versaut zu haben?!“
Josy dachte nach. „Das war sicher noch nicht alles?“
Eyna schnaubte anerkennend: „Du bist schlau! Ja, da kam noch einiges hinterher. Aber das erzähle ich dir vielleicht ein andermal.“

Nach dem Essen saßen Eyna und Josy noch einige Zeit im Dunkeln auf dem Balkon, genossen das Panorama des Sternenhimmels. Im Winter war der Orion Eynas liebstes Sternbild. Jetzt im Sommer mit den hellen Nächten waren nur vereinzelte stark strahlende Sterne zu sehen und die hoch am Himmel stehenden leuchtenden Nachtwolken, wie sie in dieser Nacht beinahe magisch über ihnen schimmerten. Es war kurz vor Mitternacht, Josy lehnte Eynas unausgesprochene Frage, ihr Zitronenwasser nachzufüllen ab, trank den letzten Schluck aus ihrem Glas und verabschiedete sich. Eyna brachte sie zur Tür.

„Kennst du den Waldteich hinter der Ziegelei?“, fragte Josy.
Eyna bestätigte.
„Möchtest du morgen früh dort mit mir schwimmen gehen? Gleich so um 9:00 oder 10:00 Uhr, dann ist da noch niemand.“
„Oh“, sagte Eyna.
„Was ist?“ fragte Josy.
„Ich habe neulich alle Badesachen aussortiert und noch keine neuen“, wand Eyna ein.
„Dann nehme ich auch keine mit. Oder möchtest du lieber nicht?“ Josy sah Eyna fragend an.
„Ich möchte zuerst darüber nachdenken“, überlegte Eyna. „Wir fahren da morgen früh hin, keine Frage. Und dann werde ich eben spontan entscheiden, ob ich das kann.“
„Das Schwimmen?“, neckte Josy.
„Das Ausziehen. Ich habe da so meine Probleme. Schwimmen kann ich gut. Obwohl ich schon ewig nicht mehr am See war.“
„Oh. Das Ausziehen. Ich frage mich…“ Josy stockte kurz und sah Eyna prüfend an. „Vielleicht kriegen wir das morgen gemeinsam hin. Also gut, dann hole ich dich um halb 9:00 Uhr ab. Du brauchst nur ein Handtuch mitzunehmen. Ich bringe Frühstück mit, dann können wir am See essen.“

Eyna schloss sie Wohnungstür hinter Josy und lehnte sich an die Wand. Im Flur hing noch eine Spur von Josys Parfum. Sie würde sich nicht vor dieser wundervollen Frau genieren, nahm sich Eyna vor. Ihre Zweifel widersprachen vehement. Im Bad zog sie sich aus und betrachtete ihren nackten Körper im Spiegel. Sie musste dazu auf einen Fußschemel steigen, denn den Spiegel hatte jemand angebracht, der größer war als sie.
Sie mochte nicht, was sie sah. In ihrem Kopf fand eine Konferenz statt, Gehirnzellen stritten erbittert, warfen sich Argumente an die imaginären Köpfe. Eine Weile ging es dabei zu wie an der Börse.
Irgendwann hatte eine besonders dominante und besonnene Gedankenformation die Führung übernommen und gab Eyna präzise Anweisungen: Stell dir vor, wie du in ihren Augen aussiehst. Schau hin!
Eyna schaute zwar schon die ganze Zeit, aber irgendetwas hatte sich verändert. Das sieht jetzt eigentlich gar nicht sooo schlimm aus, dachte Eyna. Josy wertet nicht. Das hat sie zur Genüge bewiesen. Sie dachte an Josys Zwinkern und stieg sicherheitshalber vom Schemel, weil ihre Knie seltsam weich wurden. Sie putzte die Zähne. Dann duschte sie kurz – und sehr kalt.

5. Hemmungen

Sie fuhren mit dem Gärtnerei-Lieferwagen bis in die Nähe des einsam gelegenen Sees und gingen den Rest zu Fuß. Den Korb mit den Picknicksachen und einer aufgerollten Strandmatte darüber trugen sie gemeinsam zwischen sich. Die Sonne schien bereits sehr warm und Eyna wusste, dass es in den nächsten Tagen keine Änderung im Wetter geben würde. Der Weg gabelte sich, geradeaus versperrte ein Zaun mit Gatter die Durchfahrt, der Hauptweg bog nach links ab und ein Trampelpfad mündete dort an einem kurzen Strandstück mit Flachwasser. Eyna war überrascht, als Josy jedoch weiter geradeaus Richtung Tor ging, einen Schlüssel hervorzog und damit das Schloss öffnete.
„Mein Onkel Hans ist Jagdpächter dieses Flurstücks“ grinste Josy und schloss hinter ihnen wieder ab.

Der See war verwinkelt mit vielen Buchten. Der halb zugewachsene Pfad führte ein gutes Stück am See entlang und um eine mit kleineren Bäumen bestandene Bauminsel herum. Die Vormittagssonne beschien eine Ausbuchtung mit Sand unten am Wasser und kurzem Gras darüber. Weiter oben wurde die Wiese üppiger und vor der undurchdringlichen Buschreihe wuchsen lange Stängel der Goldrute empor. Ein Holztisch und zwei halb zugewucherte Bänke ragten dort aus dem Grün.

Die Bucht war nur über den kleinen Pfad, den sie entlang gekommen waren und über das Wasser erreichbar. Eyna kannte den See, aber diese Bucht war ihr nie aufgefallen, nun sah sie auch, warum: von der Halbinsel, welche die Bucht halb einschloss, schoben sich hohe Wasserpflanzen in den seewärtigen Zugang und schützen vor unliebsamen Blicken. In den umliegenden Bäumen sangen Vögel, im Schilfgürtel schwammen unbekümmert Enten und Blesshühner. Es war paradiesisch schön hier.

~

Sie stellten den Picknickkorb auf dem Tisch ab, wo noch Schatten war. Die Matte, auf der sie sich später sonnenbaden wollten, breiteten sie an der Grenze aus, an der sich Gras und trockener Sand trafen, die Handtücher legten sie am Rand der Matte ab und gingen zum Ufer hinunter. Ihre Sandalen hatten sie längst ausgezogen und plantschten mit nackten Füßen am Wassersaum entlang. Es war sehr warm geworden und das kühle Wasser war verlockend.

Josy sagte: „Also, ich gehe da jetzt rein!“ Sie schaute Eyna fragend an. Diese nickte. „Ich auch! Ich bin nun wild entschlossen.“ Sie gingen zurück zur Matte, um sich dort zu entkleiden.

Jedoch machte Eyna keinerlei Anstalten, sich auszuziehen. Sie starrte auf ihre nackten sandigen Zehen. Das war gestern in ihrer Vorstellung doch einfacher gewesen. Irgendwie blockierte sie. Schon wieder.
Eyna hatte nicht mehr auf Josy geachtet, sah nun aber doch auf, als sie Geräusche aus der Picknick-Ecke hörte. Josy fummelte das Kabel eines absurd winzigen Lautsprechers in ihr Smartphone und regelte daran herum. Blechern spuckte das Teilchen Musik aus.

„Das kenne ich“, sagte Eyna aufhorchend. „Das ist Fever von Peggy Lee!“
Josy strahlte sie an. „Jep. Korrekt.“ Never know how much I love you, schepperte die Stimme aus dem Soundprogramm.
Josy kam mit lasziven Tanzschritten auf Eyna zu (Never know how much I care), sang sie leise mit. Sie zeigte auf Eyna, die mit einfiel: (When you put your arms around me, I get a fever that’s so hard to bear.)
Dieser Song – Eyna konnte gar nicht anders. Sie musste sich bewegen.
(You give me fever when you kiss me. Fever when you hold me tight.)
Josy deutete eine Verbeugung an, hob den Arm und hielt einen Finger hoch als Einladung an Eyna. Diese hakte ihrerseits einen Finger bei Josy ein. Blickkontakt, die ganze Zeit. Ihre Hände waren der Mittelpunkt des Kreises, um den sie herum tanzten. Rechts herum. Wechselten die Hände. Links herum.
(Fever in the morning. Fever all through the night.)
„Noch Hemmungen?“, fragte Josy leise und schnippte mit der jeweils freien Hand den Takt. Sie drehten sich, ganz den Tönen hingegeben. Es blieb kein Raum für schlimme Gedanken, die Musik flutete Eynas Bewusstsein, bis nichts übrig war außer dem Text, der Melodie und den Bewegungen ihres Körpers.
Eyna schüttelte energisch den Kopf.
Sun lights up the day time
Moon lights up the night
I light up when you call my name
And you know I’m gonna treat you right
You give me fever
…“
Fever!“
„Soll ich anfangen?“ bot Josy an.
Fever!“
Eyna wusste nicht mehr, warum sie je an dieser Frau gezweifelt hatte. Sie warf ihre Ängste über Bord, wie sie gleich ihre Kleider werfen würde. „Nein, ich glaube, ich möchte, dass du mich siehst“, bat Eyna und wusste, dass Josy verstand, dass sie damit nicht nur ihren Körper meinte.
Josy summte entspannt.
Fever till you sizzle.
What a lovely way to burn
.“
Sie zog, aus dem Tanzschritt heraus, aufreizend langsam ihr T-Shirt über den Kopf und warf es auf die Matte. Sie sah Eyna immer noch an, sie hatten die gesamte Zeit über nicht den Blickkontakt verloren. „Vertraust du mir? Striptease?“
Fever till you sizzle
What a lovely way to burn
.“
Eyna nickte. „Ja. Ich will. Abwechselnd?“ Sie zog ihr Hemd ebenfalls sehr verzögert hoch und dann schneller über den Kopf, wirbelte es aufreizend umher und warf es neben sich. Sie schob mit dem Zeigefinger ihre Brille hoch, die bei dem Manöver etwas verrutscht war. Josy drehte sich in sie hinein, sie nur ganz beinahe berührend und raunte an ihrem Ohr: „Du siehst zum anbeißen aus.“
Fever! What a lovely way to burn.“ Oh ja, Eyna brannte. Etwas hatte sich geändert.
Eyna hatte erstaunlicherweise keine Hemmungen mehr, sich vor Josy auszuziehen – sie, die sogar Probleme bei Arztbesuchen diesbezüglich hatte. Und jetzt stand sie hier und wollte sogar dringend, dass Josy sie so sah und genoss den gemeinsamen Striptease. Ohne Angst. Ohne Scham. Mit Josy war es anders. Mit Josy war offensichtlich alles anders.

Sie senkte den Blick in Richtung von Josys Shorts und hob auffordernd die Augenbrauen.
Josy zog mit einer unnachahmlich eleganten Handbewegung an der Schnur, mit der die Schlupfhose verknotet war. (Eyna dachte an den Film ‚Carol‘, als Cate Blanchett in ähnlicher Geste den Bademantel geöffnet hatte und war hingerissen.) Dann fuhr Josy mit den Daumen in den Bund, weitete ihn, ließ das Kleidungsstück einfach an sich hinab gleiten und stieg hinaus.
Auch Eyna löste nun den Gürtel ihrer kurzen Hose, öffnete in Zeitlupe den Reißverschluss und musste etwas über der üppigen Hüfte nachhelfen, bis auch sie sich des Beinkleids entledigen konnte.
Sie standen sich beide in Slip und BH gegenüber und atmeten möglicherweise etwas schneller als gewöhnlich. Peggy Lee war längst verstummt, sie hatten es nicht registriert.

Josy hob leicht eine Augenbraue, als Eyna begann, mit einer Hand in ihrem BH zu wühlen. Die Finger kamen mit einem Haargummi wieder hervor, das sie nun nutzte, um die Haare zu einem blonden Zopf zu bändigen. Josy lachte auf. „Gute Idee. Hast du noch eins für mich da drin?“, fragte sie, während sie den Verschluss ihres BHs hinter dem Rücken löste.
In der Tat hatte Eyna ein zweites Gummi, mit dem Josy ihrerseits ihre Haare hochband und somit Eyna Gelegenheit gab, eine langen verträumten Blick auf Josys kleine Brüste zu werfen.

Irgendwann würde sie Josy vielleicht fragen, ob sie Hormone nahm, doch irgendwie schien ihr die Frage zu persönlich zu sein. Und eigentlich ging es sie nicht das Geringste an, maßregelten ihre zweiten Gedanken.
Sie fummelte an ihrem eigenen Verschluss, der sich augenscheinlich verklemmt hatte. Eyna wurde bewusst, dass sie und Josy beide in manchen Dingen ähnlich dachten und sich zunehmend besser verstanden. Der BH-Verschluss jedoch zeigte wenig Verständnis und verweigerte sich einer Öffnung.

„Hilfst du mir mal kurz hier heraus?“ fragte sie Josy, die nun hinter sie trat, Eyna den Zopf über deren Schulter nach vorn schob, damit sie das vertrackte Teil besser in Augenschein nehmen konnte. Der verklemmte Haken kapitulierte endlich und auch Eynas BH flog im hohen Bogen auf den Kleiderstapel. „Wow!“, sagte Josy leise, als sie wieder vor sie trat.
Ein einfacher Laut, der in Eyna nachhallte, wie ein Echo in einer Bergschlucht.
Sie stieg ohne weitere Umstände aus ihrem Unterteil. Mit dem großen Zeh kickte sie die Unterhose zur Matte hinüber. Geschafft. Sie war nackt, und es ging ihr gut damit.

„Du meine Güte, bist du niedlich!“ hauchte Josy. Mit diesen Worten schob Josy ihre eigenen Pants hinunter. Sie bemerkte Eynas Blick. „Soll ich etwas erklären, müssen wir reden?“, fragte sie.
„Entschuldige, ich wollte nicht starren“, sagte Eyna. Sie musste nicht lange überlegen. „Damit habe ich überhaupt kein Problem. Du bist eben eine Frau mit Penis. Ich will nicht sagen, dass es keine Bedeutung hätte, es nicht wichtig wäre, denn das ist es vielleicht. Wenn du dazu etwas sagen möchtest, können wir gerne reden. Später. Zum jetzigen Zeitpunkt geht es mich in keinster Weise etwas an. Du schuldest mir keine Erklärung.“
Sie hob die Schultern und hoffte, nicht irgendwie verletzend zu klingen. „Es ist nur so gar kein Kriterium für mich persönlich. Nichts, was mich hinderte, mit dir befreundet sein zu wollen.“
Eyna atmete tief durch. „Ich mag dich, weißt du.“
Josy lächelte. „Ich mag dich auch, sehr sogar.“

Eyna wurde es warm bei diesen Worten, etwas zog sich in ihr zusammen, sie fühlte es direkt unter ihren Schlüsselbeinen. Dafür war nicht der richtige Zeitpunkt. Sie überspielte ihre Gefühlsregung mit aufgesetzter Fröhlichkeit. Eyna zeigte mit dem Daumen hinter sich zur Matte: „Nun wirf den Schlüpper schon drauf. Lass uns endlich ins Wasser gehen!“
Dann streckte sie Josy eine Hand entgegen, die diese ergriff.

6. Wasser und Spiele

Als sie schon bis zum Bauch im Wasser wateten, hob Josy Eynas Hand, die in ihre verschränkt war, aus dem Wasser und fragte: „Das mit dem Anfassen, ist das dann doch ok?“
„Ja, manchmal. Meistens ertrage ich es nicht. Besonders nicht bei Begrüßungen, da brauche ich Abstand. Allein die Vorstellung, bei einer großen Menschengruppe jedem die Hand geben zu müssen. Grauenhaft.“
Sie schüttelte sich. „Ich wurde schon oft ungefragt angefasst. Kevin zum Beispiel hatte so gar kein Gespür und hat mich begrapscht, wenn ich einfach nur in den Arm genommen werden wollte. Es sollte mich wohl stimulieren.“
„Hat es?“, fragt Josy.
Eyna lachte. „Natürlich nicht. Irgendwann habe ich mich ihm ganz verweigert. Es war mir zu… gruselig. Es gab auch andere Berührungen, die ich im Prinzip nett gefunden hätte, wäre es nicht einfach ungefragt gemacht worden. Am Arbeitsplatz an die Brüste fassen – so eine Übergriffigkeit geht gar nicht. Aber das hier mit dir, das fühlt sich nicht schlecht an. Eigentlich sogar ganz gut gerade.“

Aber dann löste sie doch ihre Hand aus der Josys, weil sie nun ins tiefere Wasser kamen und einhändig schwimmen nicht ging. Sie kraulten durch eine Lücke im Schilfgürtel in den See hinaus. Auf der leicht bewegten Wasseroberfläche erschienen temporäre Lichtreflektionen, schimmernd wie Diamanten, erloschen in Sekundenbruchteilen und blitzten tausendfach woanders wieder auf. An ihren nackten Körpern spielten Strömungen mit unterschiedlichen Temperaturen entlang, viel intensiver, als sie es in einem Badeanzug empfunden hätten.

Eyna holte Luft und tauchte ein wenig unter. Das Wasser war unglaublich klar und voller Fische, die zutraulich um sie herum schwammen. Tiefer unten war es viel kälter als an Oberfläche. Sie spürte den zunehmenden Wasserdruck und sah nach oben. Schräg über ihr hatte sich Josy lang ausgestreckt und ließ sich treiben, fast unbeweglich, nur die Haare im Zopf spielten mit den Wellen. Es sah sehr schön und ästhetisch aus.
Eyna ruderte nach oben und neben Josy, mit ihrem Kopf neben Josys Kopf. Sie lagen eine Weile flach auf dem Wasser und schauten in den wolkenlosen Himmel. Weit oben jagten Schwalben nach Fliegen. Zumindest glaubte Eyna das, denn ohne ihre Brille, die sie am Strand gelassen hatte, hätten es auch Flugzeuge sein können. Oder Adler. Oder Hornissen.

Ein Geräusch störte plötzlich das Idyll: Josys Magen knurrte.
„Japp“, lachte Eyna, „Frühstückszeit!“ und schwamm zurück, spielerisch verschiedene Schwimmstile ausprobierend. Josy war daher schneller und fand die Lücke zu ihrer Bucht sofort. Eyna war sich nicht sicher, ob sie die alleine auch so schnell gefunden hätte, weil sie vorhin nicht auf ihre Umgebung geachtet hatte, die sie sich nun vorsichtshalber einprägte. Josys atemberaubende Präsenz war schon einigermaßen ablenkend, fand sie und lächelte breit. Im nächsten Moment prustete sie eine Welle aus, die sie aus Versehen geschluckt hatte und schloss die Lippen wieder, denn im Wasser ging das mit dem Lächeln mit geöffnetem Mund weniger gut.

~

Sie setzten sich tropfnass an den Tisch und legten die Handtücher auf die verwitterten Holzbänke unter sich. Niemand hat die Absicht, einen Splitter in den… und so weiter. Ihr wisst schon. Josy hatte feine Dinge in ihrem Korb: Mit Tomatenbutter gefüllte Brote, Honigmelone in Stücken, fertige Eier- und Gurken-Sandwiches und Käsemuffins. Es war reine Dekadenz – aber auch sehr lecker. Sie spülten mit Tee hinunter, der etwas lauwarm geworden war. Grüner Tee mit Zitrone und einem Hauch Ingwer. Als sie fertig gegessen hatten, waren ihre Körper und Haare trocken.

Josy zauberte aus einer Seitentasche des Korbs eine Flasche mit Sonnenkrem hervor. Sie und Eyna verteilten den Schutz erst bei sich selber auf Armen, Schultern, Beinen und an alle Stellen, die sie selber erreichen konnten, und dann taten sie sich gegenseitig den Gefallen, die unerreichbaren Rückenpartien einzukremen.
„Ich muss mich schon sehr beherrschen“, gestand Eyna, die sich nur mit Mühe selber davon abhielt, ihre Sonnenmilch-glitschigen Finger nicht auch noch über den Rest des liegenden Körpers vor ihr gleiten zu lassen.
Josy grinste sie über die Schulter an: „Zu früh?“
„Zu früh“, bestätigte Eyna. Sie wollte diese Sache mit Josy richtig anfangen.

Sie hatte keine Erklärung dafür. Sie war so sehr in Versuchung, aber sie wollte Josy nicht mit ihrem Begehren bedrängen. Dies hier sollte langsam wachsen. Sie wollte zuerst mit Josy über Vorlieben reden, ihre eigenen und was Josy mochte. Und vor allem, was sie beide nicht mochten. Das war wichtig.

Ein letztes Mal glitten ihre Hände fest über die Trapez- und Rautenmuskeln entlang bis hinunter zum Sägemuskel und strichen zuletzt sacht über die Rippenbogen. Josy quiekte leise auf und zuckte.
„Nicht dort, da bin ich kitzlig“, bat sie. Und Eyna dachte: Genau deswegen halte ich mich zurück, mein Lieb. Ich kenne dich noch nicht gut genug. Sie behielt es im Hinterkopf, Josy nicht an den Rippen zu berühren. Im Geiste legte sie eine No-Go-Liste an.
Josy setzte sich auf. „Nun bin ich dran. Willst du dich hinlegen?“

Eyna wischte ihre kremigen Hände an ihrem Handtuch ab und machte sich bäuchlings auf der Matte lang. Mit keinem Gedanken dachte sie an die Probleme, die sie sonst hatte, wenn es um Anfassen und Berührungen ging. Sie fühlte, wie Josy den kühlen Inhalt der Flasche in einem dünnen Strahl mit ausgestreckter Hand von oben auf ihren Rücken spritzen ließ. Auf Eynas Arm, der vor ihrem Gesicht lag, bildete sich Gänsehaut. Sie konnte sich nicht entscheiden, ob sie diesen Anblick der sich aufstellenden Haare oder das sensationelle Gefühl der kalten Flüssigkeit auf ihrer Rückseite aufregender fand. Josy nahm ihr die Entscheidung ab, als sie nun begann, auf ihrer Rückenpartie mit den Fingern zuerst Figuren zu malen und dann sanft und kühl darüber zu pusten. Um dann mit warmen Handflächen über die weiche Haut zu gleiten. Eyna brummte wohlig.

„Ich bin nicht wirklich eben eingeschlafen?“, ruckte sie hoch und schaute in Josys Gesicht, die neben ihr auf der Seite lag, den Kopf aufgestützt und sie schmunzelnd betrachtete.
„Doch, bist du“, sagte Josy und grinste sie an.
„Du meine Güte, das tut mir leid“, sagte Eyna. „Aber eigentlich zeigt es, wie sehr ich dir inzwischen vertraue, oder?“ Sie drehte sich auf den Rücken, die Arme unter dem Kopf verschränkend. Ihr gefiel der leicht abwesende Ausdruck, der daraufhin in Josys Gesicht erschien.

Josy zupfte einen längeren starken Getreidehalm aus und fing spielerisch an, damit über Eynas Arme zu fahren. Erregend langsam. Eynas Körper begann, sehr wach zu werden und zu reagieren. Als der Halm sich das Schlüsselbein entlang zum Brustbein vorarbeitete, wollte sie die Arme hinter dem Kopf hervor nehmen. Josy schüttelte den Kopf. „Beweg dich nicht“, bat sie.

Und dann glitt der Halm immer tiefer an ihrem Bauch hinunter, kehrte um und fuhr sanfte Achten um ihre Brüste und zog wieder hinunter zum Bauchnabel und wieder hinauf. Kam zurück, umkreiste den Bauchnabel und steuerte den Unterbauch an, in einer geraden Linie und – bog zur Leiste hin ab, bis zum Knie hinunter. Josy ließ den Halm quälend langsam am anderen Bein empor schweben, die Haut nur wenig berührend. Eyna erschauerte nicht nur, wie sie es unter dem Spiel des Halms auf ihrer Haut schon die ganze Zeit zunehmend getan hatte, ihr ganzer Körper begann zu beben.
„Das ist interessant“, kommentierte Josy erstaunt, Eynas gesammelte heftige Körperreaktionen beobachtend und nahm den Halm weg.
Eyna wimmerte unterdrückt. „Ja“, japste sie schließlich außer Atem, „das sollten wir irgendwann mal näher ergründen.“
Fasziniert betrachtete Josy weiterhin Eynas Körper. Mit den Fingern folgte sie an Eynas Bauch feinen weißen Linien, die sich wie Sprünge in einer Glasscheibe unter der Haut zogen. „Was ist das?“ wollte sie wissen.

Eyna nahm nun doch die Hände hinter dem Kopf hervor und stützte sich auf den Ellenbogen ab, um an sich hinab zu sehen, wo Josy ihre langen Finger diese Linien erkunden ließ. „Das sind Schwangerschaftsstreifen.“
Josy hielt inne und sah sie an. „Du hast ein Kind? Wo ist es?“
„Nein.“ Eynas Stimme war betont sachlich. „Ich war nur ein bisschen schwanger. Eine Zeitlang. Und dann einfach gar nicht mehr. Was dann noch drin war, haben sie damals im Krankenhaus in eine Mülltonne gekratzt.“

7. Regenfrau

Zur Mittagszeit war ihnen die Hitze trotz des nahen Wassers doch zu viel geworden. Außerdem musste Josy am nächsten Tag wieder in ihr Büro in der Landeshauptstadt und danach weiter zu dem Projekt, das sie derzeit als Gartenarchitektin betreute, irgendwo hinter Berlin, Eyna hatte sich den Namen nicht gemerkt. Sie waren noch lange im Transporter beisammen gesessen, den Josy in den Schatten der Bäume geparkt hatte, welche den zu Eynas Wohnblock gehörenden Parkplatz umstanden.

„Zum ersten Mal möchte ich eigentlich gar nicht fahren“, bekannte Josy, „ich war sonst immer froh, wieder von hier weg zu können.“
Eyna war unbedacht genug, einzuwerfen: „Das liegt nicht zufällig an einer molligen Blonden, die du von früher kennst?“ Das passierte ihr anscheinend nur, wenn sie sich einer Person nahe fühlte, sie passte einfach nicht mehr auf, was sie von sich preis gab. Sie dachte an eine frühere Freundin, nun Ex-Freundin, der sie persönliche Dinge anvertraut hatte, fehl in der Annahme, sie wäre verschwiegen genug, diese Interna nicht bei nächster Gelegenheit in größerer Runde weiter zu erzählen. Doch Josy schien in vielerlei Hinsicht anders zu sein, als die Leute, die ihr bisher begegnet waren, warum nicht auch hierin.

Josy lachte nicht. „Warum habe ich dich eigentlich damals übersehen?“
Eyna entgegnete ernst: „Weil ich damals noch ein hässliches Entlein war und erst jetzt ein hässlicher Schwan geworden bin…?“ Es war ihre Art, mit komplexen Situationen zu agieren. Ihr Gehirn produzierte, wohl als eine Art Selbstschutz, eine Menge Nonsens bei Stress und unpassenderweise in sehr emotionalen, unerträglichen oder unbequemen Momenten. Es half ihr anscheinend beim Überleben. Und die Fassung zu bewahren, wie gerade jetzt. Josys Geständnis hatte tief in ihr etwas gerührt.
Ein plötzlicher Wind fegte durch die Baumkronen über ihnen.Seltsam, dachte Eyna irritiert, laut Wetterbericht sollte es heute windstill bleiben.

~

Die folgenden Tage wurden schlimm für Eyna. Zwar konnte sie abends mit Josy skypen und zwischendurch tauschten sie immer wieder SMS, aber es war nicht dasselbe wie eine tatsächliche physische Präsenz. Um sich abzulenken, schrieb Eyna an ihrem Roman weiter. Es stellte sich heraus, dass die Story eine Fantasy-Geschichte werden wollte. Eyna saß Stunde um Stunde an ihrem Schreibprogramm.

Nur selten fasste sie zwischendurch den Skizzenblock an. Es erschien ohnehin jedes mal Josys Gesicht darauf, oder Rosenblüten oder Skizzen vom See. Ohne Josy war das Leben anscheinend möglich, kam ihr aber jetzt ziemlich sinnbefreit vor. Eyna verstand sich selber nicht. Eine solche Unruhe hatte sie in dieser Intensität bei all ihren früheren und jetzigen Bekanntschaften nie gespürt.

Nachts war es noch bizarrer. Sie, die mit ihrer Haptophobie nicht mal die Hände anderer Menschen zur Begrüßung anfassen konnte, oder zu nahe neben Personen stehen mochte, wenn sie deren Körpergeruch wahrnehmen musste, sehnte sich nach Josys Berührungen. Sie vermisste ihren leisen Geruch von Sandelholz und Limette und fragte sich, wie Josys Haut schmecken würde (sie trank doch sonst noch nicht mal aus Gefäßen anderer Menschen, geschweige denn würde sie andere mit den Lippen oder gar mit der Zunge berühren wollen).

Statt zu schlafen, saß sie oft nachts auf dem Balkönchen (vor ein paar Tagen hatte sie mit Josy hier gesessen), hatte sich eine dünne elastische Kordel um die Finger gewunden, eine Art Mini-Bondage, um einen Fixpunkt zu erzeugen und daran herum zu spielen (als ließen sich die Finger davon abhalten, sich daran zu erinnern, wie sie am See über den Rücken von Josy gestreichelt hatten). Seit Tagen schon blies der Wind (entgegen der Wettermeldung) böig aus östlichen Richtungen (Berlin lag im Osten und hinter Berlin war Josy gerade), und Eyna stellte sich unsinnigerweise vor, dass einige der Moleküle im Wind möglicherweise mal in Josys Lunge gewesen waren.

An Tag vier ohne Josy, beziehungsweise in der vierten Nacht, saß Eyna regungslos in der Dunkelheit unter einem klaren Halbmond, in eine Kuscheldecke gewickelt auf ihrem Balkon und grübelte. Aus dem Zimmer hinter ihr klang sehr leise Sitarmusik in einer Dauerschleife. Eine gedimmte Lampe über ihrem Schlafsofa spendete spärlich dämmeriges Licht, das kaum heller als das Licht der Sterne über ihr war. Lautlos flog eine Eule heran und setzte sich auf der anderen Seite des Balkon auf die Stange der oberen Abgrenzung. Fast schien es, als wolle sie erschrocken gleich wieder abheben, weil sie anscheinend aus Versehen Eyna übersehen hatte. Aber Eyna rührte sich nicht und die Eule blieb sitzen und schien sie aufmerksam zu mustern.

Bist Regenfrau?“ hörte sie eine Stimme. Die Eule sah ihr direkt in die Augen.
Eyna kicherte. Die Eule erschrak vor dem Geräusch und strich ab. Jetzt höre ich schon Stimmen, dachte Eyna kopfschüttelnd, ich sollte wirklich mal schlafen. Sie stand auf, schloss die Balkontür ganz, weil der Wind nun stärker blies und ging zu Bett. Sie schlief sofort ein und konnte sich an die wirren Träume am nächsten Morgen kaum noch erinnern.

~

Mit einem Kaffee vom Kaliber Hufeisen – so stark, dass metaphorisch nicht einmal ein Hufeisen darin versinken würde – begann Eyna ihren nächsten Schreib-Alltag. Sie war unkonzentriert. Immer wieder entglitten einzelne ungezogene Gedanken zu Josy. Mittlerweile reagierte ihre Haut hypersensorisch auf alle möglichen haptischen Reize, ihre Brüste spannten und sie entdeckte, dass sie bei der momentanen starken Durchblutung ihrer Genitalien an jenen Stellen einen Puls fühlen konnte. Und Feuchtigkeit.

Die Balkontür stand weit offen. Draußen perlte ein leichter Landregen hernieder. War denn für heute Regen in ihrer Region angesagt worden? Verwirrt schaute sie auf ihre Wetter-App. Der Regen hatte etwas verlockendes, einladendes, als würde sie aufgefordert, ihre Körperfeuchte mit der Feuchte des Niederschlags zu vereinen. Nackt im Regen über die Wiesen zu laufen. Sich ins regennasse Gras zu legen, mit Josy, nur den Feuchtigkeitsfilm auf der Haut zwischen ihnen. Verdammte Sehnsucht, dachte Eyna und versuchte ein ums andere mal ihre Fantasien aus dem Kopf zu schütteln. Draußen regnete es stärker.

Wie lange die Elster dort gesessen hatte, konnte Eyna nicht sagen. Vorsichtig krümelte sie etwas Müsli in eine Schale und schob sie vorsichtig in Richtung Balkontür. Die Elster blickte sie schief an. Dann hüpfte sie näher und pickte die Schale leer. Danach hüpfte die Elster zurück in den sicheren Abstand auf den Balkon, blieb aber in dem Bereich, der vor Regen geschützt war und behielt Eyna im Auge.

Diese setze sich wieder an den PC, den Vogel nicht weiter beachtend. Hier wurde sie wenigstens nicht dauernd angequatscht und aus der Konzentration ihres Workflow gerissen. Sie verlor sich in Erinnerungen an Kevins Mutter, der es Freude bereitet hatte, sie bei jeder Gelegenheit in ihrem Schreibzimmer zu stören und beleidigt zu reagieren, wenn sie abwesend und unwirsch reagiert hatte. Ihr eingeschnapptes: ‚Entschuldige, dass ich lebe‘, hatte sie noch immer im Ohr. Schreibkram war in ihren Augen keine richtige Arbeit.

Es hatte nicht einmal etwas genutzt, die Tür zu ihrem Zimmer zu schließen, mit einem großen Zettel in Fettschrift:Nicht Stören! Das ‚Nicht‚ hatte die gesamte Familie geflissentlich überlesen. Es hatte einige Zeit gebraucht, ihnen beizubringen vorher zu klopfen, bevor sie in das Zimmer gebeten wurden. Es hatte geklopft – und sie waren trotzdem eingetreten, ohne ein ‚Herein‘ oder ‚Nicht jetzt‘ abzuwarten. Sie hatten oft deswegen gestritten, Kevin und sie. Dann hatte es ihm später leidgetan und er hatte für sie gekocht. Was bei anderen Menschen Versöhnungssex war, manifestierte sich bei ihnen als Fressorgie. Nach sieben Jahren hatte sie 20 Kilo zugenommen.

Als dann seine Mutter nicht aufhörte, ständig in ihrem Zimmer ‚aufzuräumen‘, hatte es ihr irgendwann gereicht. Sie hatte sich mit dem kümmerlichen Rest ihres Selbst, das in den Jahren mit dieser Familie immer schmaler geworden war, zusammengerafft und war ausgezogen. Sie kicherte, als ihr aufging, dass sie die zunehmende Körperfülle reziprok zum abnehmenden Ego setzte.

Sie wollte sich gerade wieder ihrem Projekt widmen, da hörte sie schon wieder eine Stimme. Eine andere Stimme diesmal, dieselbe Frage:
Bist Regenfrau?“
Niemand außer dem Vogel war hier und der blickte sie nur schräg an und plusterte sein Gefieder auf. Das Radio war aus und der PC war stumm geschaltet. Eyna schüttelte den Kopf. So fing das also an, dachte sie. Verwirrtheit durch Dehydration. Sie grinste schief, als sie sich erinnerte, wo sich derzeit ein Großteil ihrer Körpersäfte befand und beschloss, das innere Defizit mit einer Orangensaftschorle auszugleichen. Und anschließend kalt zu duschen. Sehr kalt.

Auf dem Weg zum Kühlschrank wünschte sie, dass es schön wäre, wenn der Regen nicht so heftig fiele, sonst müsste sie noch die Balkontür schließen, und das wollte sie eigentlich nicht. Sie trank das große Glas auf einmal leer, ohne innezuhalten. Das hatte gut getan und war wohl dringend dran gewesen. Bevor sie ins Bad trat, schaute sie noch einmal in den Regen hinaus, der nur noch sanft vor sich hin sprühte. Geht doch, dachte sie ironisch und ging duschen.
Die Elster war verschwunden.

8. Flucht

Donnerstag, Markttag. Eyna sattelte ihren Drahtesel – sprich: sie hängte Satteltaschen an ihr Fahrrad und fuhr zum Markt auf dem Domplatz. Sie brauchte neuen alten Käse und frisches Gemüse. Sie kürzte den Weg über den Parkplatz vor dem Wohnblock ab. Nur die Hälfte der Parkbuchten war belegt, die Leute aus dem Block waren entweder arbeiten oder im Urlaub. Ganz am Ende stand ein mattschwarzer Kleinbus unter den Bäumen. Es war eigentlich nichts besonders an dem Fahrzeug, außer vielleicht, dass alle Fenster mit Folie verdunkelt waren, was ihr seltsam vorkam, ebenso die zusätzliche überlange Antenne. Auf einem Ast über dem Bus saß eine Elster und keckerte. Es klang sehr ungehalten. Plötzlich fühlte Eyna so etwas wie Bedrohung. Lag der Ursprung des Gefühls bei dem Vogel oder kam er von dem Bus? Eynas Haare stellten sich auf und eine Art Gänsehaut fuhr ihr von der Kopfhaut den Nacken entlang. Ihr war plötzlich sehr unbehaglich.

Sie kam um die Mittagszeit zurück. Sämtliche Amseln der Umgebung begannen auf einmal zu singen, als sie um die letzte Hausecke bog. (Um diese Tageszeit?) Die Elster schimpfte immer noch, oder schon wieder. Eine Wolke verdunkelte den Himmel über ihr. Sie fühlte sich beobachtet. Verstohlen schaute sie sich um, sah aber niemanden. Sie brachte ihr Rad in den Keller und die Einkäufe nach oben in die Küche. Ein Stück des alten Käses knabberte sie als Vorspeise. Als sie eine große Portion Falafel mit Salat und Zaziki zubereitete und einen Teil davon aß, hatte sie die Situation von vorhin fast schon wieder vergessen. Wäre da nicht diese Elster gewesen, die nun auf ihrem Balkon saß und ab und zu ein Keckern von sich gab, während sie Eyna zu beobachten schien.

Sie wunderte sie sich, dass es inzwischen sehr dunkel geworden war, sodass sie tatsächlich erwog, die Lampe über der Küchenzeile anzuknipsen. Dabei war erst früher Nachmittag. Eyna spülte nach dem Essen Pfanne und Geschirr und tat den Rest der Mahlzeit in den Kühlschrank. Dann wollte sie weiter an ihrer Geschichte schreiben und schaltete nun doch das Licht an.
Aber anstatt sich zu setzen, starrte sie eine ganze Weile auf ihren Arbeitsplatz, bis sie merkte, was sie zuvor in der schattigen Wohnung nicht gesehen hatte und sie jetzt im Licht sah und sie störte: die Maus, die sie am Laptop benutzte, lag nicht dort, wo sie liegen sollte. Sie lag auf der Mitte des Mousepads, nicht am oberen Rand. In ihr keimte Misstrauen.

Eyna hatte einige sehr merkwürdige Angewohnheiten, die sie selber ganz normal fand, die bei anderen jedoch regelmäßig mindestens Stirnrunzeln auslösten. So durfte das rote Geschirr nur montags, mittwochs und freitags benutzt werden. Die Teekanne musste immer links auf der Anrichte stehen und der einzige Stuhl in ihrem Raum musste einen bestimmten Winkel und Abstand zum Tisch haben. Alle Dinge in ihrer Wohnung hatten einen festen Platz und wenn diese aus Versehen woanders abgelegt wurden, dann fand Eyna sie nicht so schnell wieder, auch wenn sie meist direkt vor ihrer Nase lagen. Und nun stand dieser Stuhl zu nah am Tisch und die Maus lag zu weit unten.

In der Ferne grummelte es. Es kam ein neues Gewitter auf.

Eyna schüttelte den Kopf. Wer sollte in ihrer Wohnung gewesen sein und warum? Sie setzte sich. Und stand gleich noch einmal auf, um ihre Wohnungstür rund um das Schloss zu begutachten. Nee, sah alles gut aus. Sie konnte keine Einbruchsspuren feststellen. Vielleicht hatte sie sich doch geirrt.

Bis zum Abend hatte sie ihr neues Kapitel fertig. Sie aß ihren Restsalat auf dem Balkon und wunderte sich, dass nun unten Bodennebel aufzog, obwohl sich das kleine Gewitterchen immer noch in der Nähe herumtrieb. Das war sehr merkwürdig. Nebel nach einem Gewitter kannte sie, aber davor und währenddessen, das war zumindest ungewöhnlich.

Danach traf sie sich noch für eine knappe halbe Stunde mit Josy im Skype-Chat. Sie war unkonzentriert und ihre Emotionen waren ambivalent. Sie erzählte Josy kurz und eher nebenbei von ihren Beobachtungen, aber diese wusste auch keinen Rat und wenn sie beunruhigt schien, so konnte sie es gut verbergen. Daher beendete Eyna den Chat ungewöhnlich bald.
Ihr Unterbewusstsein beschäftigte sich immer noch mit den Ungereimtheiten, sie vermisste Josy, dass es beinahe körperlich weh tat, was sich wie ein Ziehen hinter dem Brustbein anfühlte. Die Hände konnte sie wegen des nahen Gewitters vor Schmerzen ohnehin kaum mehr bewegen und dann war da schon wieder dieser Eulen-Vogel am Balkon.

Aus den Wolken wetterleuchtete es. Eyna sah fasziniert in die Erscheinungen und stellte sich vor, dass es in ihrem Kopf gerade ganz genauso zuging. Der Nebel wallte nun bis hoch in den vierten Stock unter ihr und dämpfte die Geräusche der Stadt.

Sie schlief sehr schlecht in dieser Nacht und wachte mit Kopfschmerzen auf. Gewitter und Nebel waren verschwunden, dafür war es geradezu unheimlich schwül geworden. Eyna bekam nur einen schwarzen Tee hinunter, den sie mit Honig genießbar gemacht hatte. Sie trank ihn auf dem Balkon und blickte hinunter zu den Parkplätzen. Der schwarze Transporter stand immer noch dort. In den Bäumen schrien Krähen.

~

Sie beschloss, sich den Tag frei zu nehmen und im Stadtwald spazieren zu gehen. Sie würde morgen an ihrem Roman weiter schreiben. Die Fragmente des bisher geschriebenen hatte sie längst auf den Webspace ihrer Homepage hochgeladen.
Sie musste ohnehin noch bei der Post ein paar Zeichnungen aufgeben, die sie verkauft hatte und außerdem wollte sie bei ihrer Bank noch Bargeld für diesen Monat abheben. Das mit der Logistik lernt sich schnell, wenn eins dafür die fünf Stockwerke dreimal laufen muss, weil etwas vergessen wurde, dachte sie, und ohnehin hasste sie es ineffektiv zu sein. Sie überlegte, ob sie sonst noch etwas erledigen musste, wenn sie schon einmal unterwegs war, aber ihr Kopf war noch immer, oder schon wieder, irgendwie dumpf und nicht zu großartigen Denkleistungen zu bewegen.

Der Wald war die richtige Entscheidung gewesen. Es war kühl dort und grün und es war kaum jemand unterwegs, nur ein paar Jogger und Menschen, die von ihren Hunden durch die Waldwege gezogen wurden, kreuzten ihren Weg. Der breite Pfad gabelte sich und sie überlegte, ob sie dem rechten folgen sollte, der ein Stück am Waldrand und an der Straße dahinter entlang führte, oder dem anderen, der zu den Fischteichen und tiefer in den Wald hinein ging. Zwischen den Bäumen hindurch sah sie die Stadtbahn fahren und am Waldsaum einige parkende Autos. Eins der Wagen dort war ein mattschwarzer Bus.

Über den Bäumen hörte sie nun Flügelschlagen und Rabengekrächz. Ein großer Kolkrabe setzte sich auf einen der unteren Äste, die in den Weg zum Waldrand ragten und hielt dabei die Flügel aufgespannt. Es sah wie eine abwehrende Geste aus. Probehalber ging sie einen Schritt in seine Richtung.
„Norrr“, schnarrte der Vogel und raschelte mit den Flügeln.
Das leise angehängte „Regenfrau“ ignorierte Eyna tunlichst. Schwarzer Bus und seltsamer Rabe waren aufregend genug, für eine dritte mysteriöse Sache hatte sie keinen Platz in ihrem Denken. Darüber konnte sie sich später Gedanken machen.

Eyna nickte dem Vogel zu und ging in den anderen Weg. Der Rabe ließ ein „rok rok rok“ hören und es klang in ihren Ohren irgendwie erleichtert. Dann flog er ihr ein Stück voraus und schien zu warten, dass sie folgte.
Sie kannte sich gut aus in diesem Wald, nahm ein paar kaum erkennbare Tierpfade als Abkürzung, wobei sie sich nicht besonders schlau vorkam, denn „die“ in dem schwarzen Bus wussten ja ohnehin, wo sie wohnte, und machte sich auf den Heimweg.

An ihrem Briefkasten am Eingang klebte eine Nachricht von der alten Frau Lehmann aus dem ersten Stock. Sie hätte ein Paket für sie angenommen. Sie klingelte und Liese Lehmann öffnete sofort, als hätte sie schon hinter der Tür gewartet.Vermutlich hatte sie das sogar, dachte Eyna erheitert, die Lehmannsche saß den lieben langen Tag am Fenster und beobachtete jeden, der ins Haus ging oder es verließ.
„Hat ihr Cousin sie angetroffen?“, wollte sie von Eyna wissen. „der wollte sonst nachher nochmal so um viertel Vier vorbei kommen. So ein netter junger Mann. Aber nicht gut zu Fuß. Als er hörte, dass Sie im 5. Stock wohnen, sah der richtig entsetzt aus. Ich hatte Mitleid und hab das Paket für Sie aufbewahrt.“

Was auch immer viertel Vier bedeutete und wer dieser Cousin sein mochte – Eyna hatte keine Verwandten, von denen sie wusste – Eyna bedankte sich und schaute auf das Paket. Sie hatte nirgendwo etwas bestellt. Kein Absender, merkwürdig. „Ich habe noch Falafel, möchten Sie eine Portion?“, fragte sie und Liese Lehmann nickte begeistert, denn sie kannte Eynas Falafel.

Eyna hatte das Bedürfnis, sich mit einer Kleinigkeit zu revanchieren. Nicht jeder hier im Haus war so nett, Post anzunehmen. Zudem mochte sie die Lehmannsche. Sie tranken des Öfteren zusammen Kaffee. Aber das hatten sie seit einer Weile schon nicht mehr gemacht, fiel ihr auf. Eyna nahm sich vor, am nächsten Tag Kuchen zu backen und mal wieder mit ihrer Nachbarin zu plaudern. Doch jetzt musste sie erst einmal das Paket nach oben und Falafel nach unten schaffen.

Sie sprang in ihre Wohnung hinauf und stellte das Paket erst einmal auf dem kleinen Flurtisch ab. Ein merkwürdiger Geruch war da in ihrer Wohnung. Dem würde sie später nachgehen. Sie kannte den Geruch, konnte ihn aber momentan nicht zuordnen. Zuerst musste sie die Falafel abliefern, dann würde sie nachforschen und sich danach das Paket anschauen.

Eyna sortierte eine Handvoll Falafel in eine längliche Box, tat ein wenig Zaziki auf die andere Seite, pappte einen Deckel darauf und sprang damit die Treppen wieder hinunter. Sie hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, ihre Jacke auszuziehen, oder ihre Tür oben zu schließen, merkte sie, als sie die Stufen hinab lief.
Was soll schon groß passieren in der kurzen Zeit, dachte sie und wollte den Klingelknopf drücken. In diesem Moment erinnerte sich ihr Gehirn an den Geruch und meinte trocken: Das war Gas! – gab diese Information aber nicht an ihre Finger weiter, die nun schon den Schalter drückten.

Es passierte einen Sekundenbruchteil später. War es der zündende Funke der Elektrik gewesen, ein Zeitschalter oder eine Fernzündung – das Resultat war das Gleiche: Funke und ausströmendes Gas vereinten sich in ihrer Wohnung oben in einer Explosion. Die Wohnungstür, die Liese Lehmann im Begriff gewesen war, zu öffnen, flog der armen Frau durch die Druckwelle an den Kopf und katapultierte Eyna hinterher. Sie saßen beide verdutzt aber soweit unverletzt auf dem Po, die Falafelbox zwischen sich und sahen sich an. Staub wallte nun durch das Treppenhaus hinunter und Eyna schob die Tür geistesgegenwärtig mit dem Fuß zu.

Eynas Gehirn bildete einen Krisenstab, der in einer Art mehrspuriger Autobahn etliche Gedankenströme parallel laufen ließ. Was war am Wichtigsten? Liese zu versorgen, die geschockt etwas von Krieg und Erdbeben murmelte und nun eine ziemliche Beule an der Stirn hatte. Eyna half ihr auf und brachte sie in deren Wohnzimmer, wo sie die Beule mit einem Eisbeutel und ihre Nachbarin mit einem Beruhigungstee versorgte, in den sie einen guten Schluck Rum tat. Wenn hier gleich Feuerwehr und Polizei auffuhren, wollte sie die alte Frau wenigstens nicht an Aufregung sterben lassen. Liese nahm die Flasche und kippte sich reichlich nach, bevor sie den Rum selber wieder in den Schrank stellte. Eyna lehnte dankend ab, sie brauchte einen klaren Kopf.

Sie vermutete stark, die Explosion könnte mit dem Paket zu tun haben. Das schwarze Auto, das sie verfolgt hatte, könnte mit dem Gas zu tun haben, kombinierte sie und lag wohl richtig damit, als sie Stimmen im Treppenhaus hörte und durch den Türspion drei oder vier vermummte Gestalten sah, die im Begriff waren, die Stufen empor zu laufen, jedoch innehielten, als in der Ferne schnell näherkommende Einsatz-Sirenen ertönten.
„Verdammt, zu spät!“ fluchte eine der Personen.
„Das kann sie nicht überlebt haben“, sagte die zweite Person.
Die dritte meinte: „Mist, wir sollten doch nachsehen…“
Den Rest verstand Eyna nicht mehr, weil die drei, es waren tatsächlich drei Gestalten, nun zur Tür hinaus rannten und verschwanden. Ihr wurde kalt. Die hatten tatsächlich sie gemeint. Die hatten sie eiskalt abgemurkst. Nein, verbesserte sie sich, sie haben es versucht, aber ich lebe ja noch. Dann grinste sie und dachte: Okay, dann bin ich offiziell tot. Mal sehen, ob sich als Tote rausfinden lässt, warum die hinter mir her sind. Hinter mir her waren, verbesserte sie sich erneut.

Hier konnte sie nicht bleiben, überlegte sie. Spätestens morgen würde in den Nachrichten zu erfahren sein, dass die Feuerwehr keine Leiche gefunden hatte. Bis dahin musste sie ein Versteck gefunden haben. Sie überflog die Dinge, die sie bei sich hatte: Geldbörse mit reichlich Bargeld, Smartphone und die üblichen Sachen, die sie immer bei sich trug, wenn sie außer Haus ging. Wie gut, dass sie vorhin zu schusselig gewesen war, die Jacke ordentlich an die Garderobe zu hängen.

~

Sie blieb bis Einbruch der Dunkelheit in Liese Lehmanns Wohnung. Sie schmiedete Pläne, während Oma Liese, wie sie die alte Frau nun nannte, die ganze Aufregung draußen verschlief. Zunächst musste sie unerkannt aus dem Haus gelangen. Das sollte einfach sein, denn sie hatte sich aus dem riesigen Schrank von Oma Liese einen Trenchcoat, einen Krückstock und einen Hut geliehen. Im Wohnzimmer übte sie eine Weile, wie eine alte Frau zu gehen, bis sie sicher war, dass sie es hinbekommen würde.

Unter dem großen Mantel fiele die Tasche nicht auf, die sie mit ein paar Lebensmitteln voll packte. Oma Liese war noch aus einer Generation, die Lebensmittel für schlechte Zeiten hortete und mit Sicherheit ein halbes Jahr oder länger ohne einzukaufen überleben konnte. Eyna packte trotzdem nicht zu viel ein, sie musste das Teil schließlich noch tragen. Sie hatte überlegt, das Fahrrad stehen zu lassen, aber wenn morgen ohnehin bekannt würde, dass sie überlebt haben konnte, dann war das jetzt auch egal. Zu Fuß würde sie trotz der Verkeidung nicht weit kommen.
Sie würde also doch das Rad nehmen.

Deshalb packte sie noch eine zweite Tüte voll, die sie in den Packtaschen des Rads verstauen würde. Schließlich würde der Fluchtweg lang werden, sie wollte zu den Gewächshäusern der Johanssons und sich dort verstecken, und sie war froh, dass sie nicht bis dorthin laufen musste. Den Stock nahm sie trotzdem mit und verstaute ihn zusammengeklappt bei den Taschen.

Kurz vor Mitternacht war die Feuerwehr abgezogen und im Haus war es ruhig geworden. Eyna riskierte es, ein passendes Ladekabel für ihr Handy einzustecken. Dann fiel ihr ein, was sie in Spionagefilmen gesehen hatte: Sie vermutete, dass ihr eigenes Handy überwacht werden könnte. Sie schaltete die Ortung ab und nahm zusätzlich ein ungenutztes Lehmannsches Handy mit. Oma Liese hatte inzwischen drei ‚Seniorenhandys‘ von ihren Enkeln bekommen, diese und die dazu gehörenden Kabel lagen in der Schublade im Flur, wie sie wusste, Liese hatte oft davon erzählt und Eyna bei der Enrichtung und Handhabung der Technik um Rat gebeten.

Der Wohnblock hatte einen Kellerhinterausgang, aus dem sie so vorsichtig, wie es ihr möglich war, hinaustrat, mit ihrem Fahrrad immer in den tiefen Schatten bleibend. Um diese Zeit waren die meisten Straßenlaternen abgeschaltet und sie konnte unbemerkt, wie sie hoffte, die Siedlung verlassen. Der Geruch nach feuchtem Ruß und Staub verfolgte sie noch eine ganze Weile.

Bevor sie den Wohnblock verließ, hatte sie Josy noch eine kryptische Nachricht zukommen lassen, von Lieses Handy gesendet. „Muss dringend untertauchen. Finde mich dort, wo der Hagel schlug. Zu Keinem ein Wort. Lebensgefahr! Deine mollige B.“
Als Antwort war Minuten später eine Bestätigung eingetroffen, von der Eyna hoffen konnte, dass sie tatsächlich von Josy war: „Habe verstanden. Komme zum Grillen. J.“
Josy würde sie also finden. Sie hatten Ort und Zeit vereinbart. Niemand sonst würde es wissen können, wo und wann sie sich trafen.
Sofern diese Nachricht abgehört worden war. Es blieb ein Restrisiko.

~

Kurz vor der Morgendämmerung traf sie bei den Gewächshäusern der Johanssons ein. Das Rad versteckte sie tief in den Büschen, die wild um den hinteren Teil des weitläufigen Geländes wucherten. Hier war vermutlich der älteste Teil der Anlage und einige der Schuppen waren aus Holz gebaut und halb verfallen. Hier kam sicher niemand vorbei, hoffte sie.

Als sie einige Möglichkeiten erkundet hatte, entschied sie sich für die Hütte am äußersten Rand. Diese hatte einen halben Dachboden, der innen mit einer Leiter erreichbar war und nach allen Seiten Fenster hatte. Ein idealer Ausguck. Sie holte ihre Taschen aus dem Zwischenversteck, brachte sie einzeln hinauf und nahm auch einen Eimer mit, den sie halb mit Torf gefüllt hatte. Schließlich gab es kein Klo hier oben und bis Josy kam, konnte es noch Stunden dauern.

Eyna zog leise die Leiter hinter sich mit auf den Zwischenboden, breitete den Trenchcoat auf einem Haufen Jutesäcken aus und setze sich darauf. Sie biss ein paar mal vom Butterbrot ab, das sie gerne mit dem alten Käse belegt hätte, den sie am Donnerstag gekauft hatte. Der Gedanke war zu viel. Der Käse war weg. Ihre Wohnung war weg. Ihr ganzes Leben war weg. Sie verstaute das angebissene Restbrot, rollte sich zusammen und begann zu weinen, bis sie erschöpft einschlief. Ein Keckern weckte sie auf. Es war früher Nachmittag und eine Elster saß im Fenster. Draußen regnete es.

9. Laborratte

Eyna grübelte vor sich hin. Sie verstand nicht, warum die hinter ihr her waren. Und wer waren „die“ überhaupt? Wollten die sie tatsächlich umbringen, oder war das mit der Gas-Explosion etwa nur ein Unfall gewesen? Sie hatte sich das belauschte Gespräch mit den drei Gestalten im Treppenhaus noch einmal durch den Kopf gehen lassen. Es konnte auch so interpretiert werden, dass sie nur nach ihr sehen wollten – wenn es denn ein Unfall gewesen wäre. Sie wusste einfach zu wenig über die Motive und Hintergründe und verschob die Frage in ihren Hinterkopf.

Und dann war da diese Sache mit den Vögeln. Das war schon ziemlich bizarr, wie die sich verhielten. Eyna hatte erneut ihre Stulle hervorgeholt und biss ab. Die Elster machte einen seltsamen Laut. Ohne darüber nachzudenken, dass sie verstanden hatte, was der Vogel wollte, warf Eyna der Elster ein kleines Stück ihres Brotes zu. Die Elster fing das Bröckchen im Flug.

Okay, dachte sie, mit Vögeln kannte sie sich aus, die waren jetzt nicht so wirklich schwer zu verstehen. In den Schulferien hatten sie ihre Eltern zu Ferien auf dem Bauernhof aufs Land verschickt, so hieß das damals, und sie hatte nach ein paar Wochen dort rege Unterhaltungen mit den Hühnern führen können. Sie sprach seitdem sozusagen Hühnerianisch und das ziemlich fließend. Aber das erklärte noch lange nicht, wieso sie dieses Regenfrau in ihrem Kopf hörte, sobald einer der Vögel, die sie zu beschützen und beobachten schienen, in der Nähe war. Sie konnte dieses Rätsel derzeit nicht auflösen und verschob es auf später.

Sie wartete auf Josy. Eyna überlegte, wann sie mit der Freundin rechnen konnte und vermutete, es würde wohl nach Feierabend sein, wenn hier niemand mehr von den Gärtnernden herumlief. Wie lange arbeiteten die samstags wohl? Sie wusste es nicht. Und auch nicht, wie schnell sich Josy hatte freimachen können, um hierher zu eilen. Frei machen‚ grinste Eyna und gönnte sich ein paar kurze sehr ablenkende Gedanken dazu.

Von ihrem Platz aus hatte sie das Gelände gut im Blick und würde jede Person, die auf diesen Schuppen zukam, sofort sehen. Der Regen hatte allmählich aufgehört, die schweren Wolken über der Gegend waren wohl leer, oder sie trieben sich herum und holten neuen Regen. Eyna nahm einen tiefen Schluck aus ihrer Wasserflasche. Schon halbleer, dachte sie stirnrunzelnd und ihre Blase meldete zeitgleich: Ganz voll. Gut, dass ich an den Eimer gedacht hatte, schmunzelte Eyna in sich hinein und erleichterte sich darüber.

~

Die Elster flog auf und war Minuten später wieder da. Sie schien draußen etwas zu beobachten. Eyna spähte hinaus, konnte aber nichts entdecken. Dafür hörte sie etwas. Die Melodie kannte sie! Bella ciao! Das hatte Josy damals – während der Schulfreizeit – auf der Gitarre gespielt. Die Musik wurde lauter, als die Person, die das laut tönende Smartphone in der Hand hielt, um die Ecke des Gewächshauses unten bog und sich dabei augenscheinlich suchend umblickte.
Josy!

In den Stöckelschuhen und den Sneakers, in denen sie Josy zuletzt gesehen hatte, war es ihr nicht aufgefallen. Aber Josy trug heute Gummistiefel – und Eyna erinnerte sich an den schlurfenden Gang, den Josy in der Schule zur Schau gestellt hatte. Ein wenig schien es ihr, als schlurfte Josy in dem klobigen Schuhwerk und sie hätte wetten können, kleine rosafarbene Herzen in ihren eigenen Augen tanzen zu sehen, hätte sie grad jetzt in einen Spiegel geschaut.

Dann erinnerte sie sich, dass Josy sie suchte und wollte sich bemerkbar machen. Sollte sie rufen? Besser nicht. Sie war sich ziemlich sicher, dass sie beide die einzigen Leute hier waren, aber was, wenn nicht?
Der Vogel war es schließlich, der für die Zusammenführung sorgte. Die Elster flog auf, strich eine Runde um Josys Kopf und als diese mit erstaunten Blicken dem Flug des Vogels zurück zum Schuppenfenster folgte, sah sie Eyna daraus winken. Josy schaltete ihr Handy aus und eilte zur Hütte herüber, ein letztes Bella Ciao erstarb mitten im Refrain. Eyna schob die Leiter über die Kante und kletterte flugs hinunter.

„Umarmung?“ fragte Josy, unsicher, ob Eyna das wollte.
Und Eyna sagte: „Will ich. Aber sowas von!“, und dann drückten sie sich, als hätten sie sich tagelang nicht gesehen, was ja eigentlich auch stimmte.

~

Dann erzählte Eyna, was ihr passiert war und dass sie nicht nur obdachlos war, sondern auch möglicherweise verfolgt wurde.
Sie hatten sich auf Hocker gesetzt, die umgestürzt in einer Ecke unter einem der halb verrotteten Tische gelegen hatten. Sie saßen sich gegenüber, so dicht, dass sich ihre Knie miteinander verflochten und Eyna in einer anderen Situation bestimmt mehr als nur einen flüchtigen Blick auf Josys Beine geworfen hätte, die erst ziemlich weit oben von einem sehr kurzen eleganten Rock bedeckt waren. Die dazu gehörige Kostümjacke hatte Josy geöffnet und den Mantel, den sie zuvor über beidem getragen hatte, lag auf links gekehrt unter ihr auf dem staubigen Hocker. Ihre Locken hatte sie zu einer beinahe unnahbar wirkenden Hochsteckfrisur arrangiert. Die hellgrünen Gummistiefel, auf die flauschige Einhörner gedruckt waren, relativierten den Anblick der leichten Strenge jedoch.

„Du kannst erst mal mit mir mitkommen“, schlug Josy vor. „Wir verkleiden dich als Gärtnerhilfskraft und du wirst unsichtbar auf meiner Baustelle. Dort habe ich noch etwa eine Woche zu tun, dann nehme ich mir frei und wir versuchen herauszufinden, was hinter diesem Anschlag steckt.“
Eyna lächelte. „Ich freue mich ja, dass ich damit in deiner Nähe wäre, aber ob ich fürs Gärtnerische tauge, das ist so eine Sache…“, begann Eyna und wollte eben von ihren gestorbenen Balkonpflanzen und dem Widerstands-Basilikum erzählen, als die Hölle losbrach.

~

Wäre Eyna nicht so glücksduselig wegen Josy gewesen, wäre ihr wohl aufgefallen, dass seit ein paar Minuten Krähen- und Elsterngeschrei zu hören war, erinnerte sie sich im Nachhinein. Eine Horde schwarz gekleideter Vermummter stürmte wortlos in den offenen Schuppen und stürzte sich auf sie und Josy. Etwas stach in ihren Arm. Sie hörte die Elster rufen: Regenfrau! Und Josy rief Eyna! und dann wurde es dunkel um sie.

Sie wurde sie durchgerüttelt. Sie lag auf einer Sitzbank in einem Fahrzeug, das sich bewegte. Jemand hatte ihr einen Sack über den Kopf gestülpt, unter dem hervor sie geschnürte feste Schuhe ihrer Entführer sehen konnte und ein Paar Stiefel mit Einhörnern darauf, in denen Josy steckte. Als sie sich aufrichten wollte, wurde sie erneut gestochen und es wurde schon wieder dunkel um sie.

Als sie das nächste Mal erwachte, verhielt sie sich ruhig. Nicht, dass sie die Coolness dazu gehabt hätte, ihr tat schlicht alles weh und sie wagte nicht, sich zu bewegen. Nicht einmal die Augen, die fest mit den Lidern verklebt zu sein schienen. Sie kannte das, sie hatte das gelegentlich morgens beim Aufwachen. Also lag sie still und versuchte, sich zu orientieren. Sie lag halb aufgerichtet auf etwas Hartem und man hatte ihr Hände und Füße fixiert. Sie war zum Glück zu groggy von der Betäubung, sonst hätte sie spätestens jetzt eine Panik-Attacke bekommen.
Gefesselt zu sein war für sie Horror. Zum Glück hatte man ihr inzwischen die Stoffmaske vom Kopf gezogen, denn das wäre für sie im Wachzustand tatsächlich ein Grund zum Schreien gewesen. Sie versuchte, keine Panik zu empfinden.

In einem Bereich schräg hinter ihr hörte sie eine schneidende Stimme schimpfen. „Was habt ihr euch gedacht, sie dermaßen zu sedieren!? Wie soll ich jetzt…“
Eyna nickte immer mal wieder zwischendurch weg. Und bekam kaum die Hälfte der Schimpftirade mit. Muss wirklich ein geiles Zeug gewesen sein, was die in mich getan hatten, dachte sie.

Erneut wurde sie wach, als jemand etwas unter ihre Lider träufelte. Dann wurden ihr die Augen verbunden. Später hatte sie das Gefühl, Kabel und Sonden an ihrem Körper zu fühlen. Geräte piepsten und summten, irgendwo kratzte eine Nadel über Papier, da war sie sich sicher, schlief aber direkt bei dem Gedanken wieder ein.

Im Dämmerschlaf bekam sie noch mit, wie die Stimme von vorhin (wer war das, wann war das und wie lange her?) Anweisungen gab, sie und Josy zu verlegen, um sie an jenem Ort, dessen Name sie nicht verstanden hatte, genauer zu untersuchen.
Josy!
Eine Energiewelle fuhr durch ihren Körper und sie wurde ein Stückweit wacher.
Sie wurde mit ihrer Liege durch lange Gänge gefahren, irgendwann kam ein zweites Rollen an ihr Ohr und sie hoffte, dass diese zweite Liege zu Josy gehörte. Diesmal gab sie tatsächlich bewusst keinen Mucks von sich und stellte sich betäubt. Aber in ihr brodelte es.

Sie hoben ihre Liege vom Gestell und schoben sie unsanft auf die Ladefläche eines Fahrzeugs. Sie hörte ein Schleifen neben sich und bekam einen Hauch Sandelholz mit Limette in die Nase. Sie hatten also die Liege mit Josy neben ihre geschoben. Hoffentlich ging es Josy gut! Eyna wollte nicht darüber nachdenken, was sie mit den Halunken anstellen würde, wenn sie Josy etwas angetan hätten und tat es dennoch. Den Geräuschen nach, stiegen zwei der Entführer hinten zu ihnen ein, während vorne Fahrer und Beifahrer Platz nahmen. Das Fahrzeug wurde gestartet und sie fuhren los. Den Rollgeräuschen nach aus einer Halle oder Garage, dann über Straßen, und schließlich über holprige Feldwege.

10. Wassergeister

Josy neben ihr stöhnte leise. Einer der Begleiter lachte hässlich und gab der Liege von Josy einen leichten Tritt. Eyna kochte vor Wut. Der Transporter – Eyna vermutete, dass es der schwarze Transporter war, in dem sie lagen – hatte nun angehalten. Erschrockene Rufe waren aus der Fahrkabine zu hören. Heftiger Wind schüttelte den Lieferwagen und ein gewaltiger Donner entlud sich gefühlt direkt über ihnen. Dann prasselte eine Regenwand auf das Fahrzeugdach nieder, sodass sie kein Wort von dem verstand, was nun geschrien wurde.

Die rückwärtigen Türen wurden aufgerissen. Regen prasselte auf ihre Beine. Das Gewitter war tatsächlich genau über ihnen und Blitze schlugen in rascher Folge um sie ein. Faradayscher Käfig, dachte Eyna, hier drin passiert uns nichts, war sich aber nicht ganz sicher, weil die Türen des Autos ja offen standen, der Käfig also nicht komplett geschlossen war. Egal, dachte sie, wenn es uns erwischt, dann wird das Unwetter auch unsere Entführer holen. Hilflos zog sie an ihren gefesselten Gliedmaßen.

„Regenfrau, hör auf mich. Du musst dich beruhigen, sonst sind wir alle in Gefahr. Bitte!“
Ihr Kopf ruckte herum, um zu sehen, wer da gesprochen hatte. Natürlich sah sie nichts, sie hatte immer noch diese verdammte Augenbinde um. Sie heulte auf.
„Nein, nicht wütend sein, Regenfrau. Atmen… langsam, atmen!“, hörte sie die Stimme wieder, die nicht bedrohlich klang. Eyna atmete allmählich ruhiger, ihre Wut verrauchte nach und nach, machte einer vorsichtigen Neugier Platz. Wahrscheinlich war sie nicht in akuter Gefahr.

„Gut so, Regenfrau, ich nehme dir nun die Augenbinde ab. Nicht erschrecken!“
Sie fühlte kühle Hände, die den Knoten hinter ihrem Kopf lösten.
„Bleib ruhig, Regenfrau, ich schnalle deine Fesseln los“, sagte das Wesen vor ihr, dem regennasses Haar ins Gesicht hing. Draußen tobte das Gewitter unverdrossen, Blitze erhellten den Innenraum des Wagens und die sonst stockfinstere Umgebung des Fahrzeugs. Von den sonstigen Insassen des Transporters war nichts zu sehen oder zu hören. Die zierliche Person fummelte an ihren Handschlaufen und öffnete dann die Fußfesseln. Was hatte die nur immer mit Regenfrau, fragte sich Eyna und kam zum Schluss, dass nur sie selbst damit gemeint sein konnte.

Gemeinsam befreiten sie auch Josy von ihren Fesseln, die ein Bild des Jammers bot, so schlaff und hilflos, wie sie dort lag. Eyna zog Josys Oberkörper leicht hoch und nahm sie vorsichtig in den Arm. Josy murmelte: „Eyna?“
„Ich bin da“, sagte Eyna sanft und begann Josy in ihren Armen zu wiegen. Das Gewitter verzog sich allmählich und auch der prasselnde Regen hörte nun auf.

„Aphrodite sei Dank“, murmelte das Wesen neben ihr. „Danke, Regenfrau!“
„Willst du damit sagen, dass ich das mit dem Gewitter war?“, kam Eyna ein Verdacht.
„Oh, wusstest du das nicht? Du bist doch die Regenfrau“, sagte das Wesen verwirrt. „Aber nun komm, wir müssen euch von hier wegbringen. Bevor diese Brut von Hels Pforten wieder auf deine Spur gerät.“
Diese Erklärung machte für Eyna ungefähr soviel Sinn, wie diese Gleichung in theoretischer Physik, die Eyna nie verstanden hatte, aber sie hörte die Dringlichkeit in der Stimme und wollte auf gar keinen Fall erneut in die Hände dieser miesen Verbrecherbande fallen. Es donnerte in der Ferne.
Das Wesen schaute sie missbilligend an: „Nicht! Aufregen!“

Hinter den Bäumen huschten weitere kleine Wesen hervor, ähnlich zierlich wie die Figur vor ihr. Eyna fiel ein, dass sie doch einmal nach einem Namen fragen konnte: „Wie heißt du eigentlich, und was bist du?“
„Du kannst mich Nyx nennen“, antwortete das Wesen, „ich bin eine Nymphe.“
„Ich verstehe“, sagte Eyna und verstand überhaupt nichts.

~

Die Wesen, Nymphen, hatten inzwischen mehrere Ballons installiert, von denen Bänder und Gurte herab hingen. Sie hauchten so etwas wie Glitzer über diese Windbeutel, die einer nach dem anderen abhoben, abwartend schwebten sie über ihnen. Eine zierliche Nymphe hatte sich gemeinsam mit Josy angeschnallt, die immer noch ziemlich neben sich war, und Nyx blieb mit ihrem Luftbeutel, den sie an den von Eyna gekoppelt hatte, in Eynas Nähe.

„Kannst du den Wind bitten, uns in diese Richtung zu wehen?“, bat sie Eyna. Mit der Hand deutete sie über die Bäume.
„Kann ich das?“, fragte Eyna skeptisch. Versuchsweise wünschte sie sich einfach, der Wind würde sie in die angezeigte Richtung wehen. Der Wind tat ihr den Gefallen. „Ich und Aiolos, wir sind per du“, wagte sie ein wenig zu spotten. Der Gott der Winde trieb sie in die Krone einer Eiche und regenfeuchte Blätter durchnässten erneut ihre Waden. Uff, dachte Eyna und versuchte, sich besser zu konzentrieren.

Gemächlich und ohne Spuren zu hinterlassen entschwebten sie. Der schwarze Transporter stand mit offenen Türen unter ihnen auf dem Waldweg und leuchtete aus Scheinwerfern und Innenbeleuchtung vor sich hin. Von dessen Mannschaft war nichts mehr zu sehen. Eyna wollte nicht wissen, was damit passiert war.

Die Ballons glitten lautlos und schwach vor sich hinglitzernd durch die Dunkelheit. Von unten sah es bestimmt aus, wie ein Stück Sternenhimmel, folgerte Eyna. Aber wer schaute schon nachts in den Himmel. Unter ihnen war nur Wald und da war um diese Zeit sicher niemand unterwegs, daher wagte Eyna es, Nyx eine Frage zuzurufen:
„Wie haben Hels Horden – so nanntest du sie doch – uns eigentlich so schnell finden können, weißt du da etwas?“
Nyx antwortete: „Handyortung. Sie haben Josy angepeilt. Und dann brauchten sie nur noch den Fußspuren im Schlamm der Gärtnerei zu folgen.“
„Und was haben die Vögel mit alledem zu tun?“ fragte Eyna.
„Welche Vögel?“ fragte Nyx verwirrt zurück.

Eyna bemühte sich, wach zu bleiben. Sie hatte in den vergangenen Tagen kaum Schlaf bekommen und diese Betäubung war immer noch in ihr. Sie lehnte den Kopf an die straffen Seile. Sie merkte noch, dass ihr die Augen schon wieder zufielen. Den Weg finde ich auch mit geschlossenen Augen, dachte sie, irgendwie belustigt über sich selbst, da sie natürlich überhaupt nicht wusste, wohin die Reise ging.
Und dann war sie eingeschlafen, sanft gewiegt vom Gott der Winde und Aphrodite, der Herrin der Nymphen.

11. Epilog

Schwester Karin trat aus dem Schwesternzimmer, als Josy gerade den langen Flur entlang kam. „Es ist gut, dass Sie da sind, Frau Johansson“, sagte sie zu Josy, „wir holen Ihre Verlobte heute aus dem künstlichen Koma, wie Sie ja wissen. Sie wird gerade allmählich wach.“
Gemeinsam traten sie ins Krankenzimmer. Josy eilte an Eynas Bett und setzte sich auf die Kante. Sie nahm Eynas Hand fest in ihre und spürte leichten Gegendruck.
Schwester Karin begutachtete die andere Hand, in der eine Kanüle steckte, die zu einem Beutel mit transparenter Flüssigkeit führte, den die Krankenschwester soeben austauschte. Dann sprühte sie aus einer bereit stehenden Dose eine Art Schaum in Eynas Mund.
Eyna machte leichte Kaubewegungen und schluckte dankbar die Feuchtigkeit.

Die Pflegekraft rieb Eyna am Oberarm und sagte laut und deutlich: „Frau Wilke, ihre Verlobte ist da. Wollen wir Hallo sagen?“
Eynas Lider zuckten, blieben aber unten. „Wer… s..d… wir? …lobt?“ kam nuschelnd aus ihrem Mund.
Liebes“, sagte Josy mit Nachdruck, „du und ich, wir sind verlobt.“
Sie warf dabei sehr selbstkontrolliert keinen Blick auf die geschäftige Arzthelferin.
Schwester Karin plauderte in munterem Ton weiter: „Ja, Ihre Verlobte war in dieser Woche jeden Abend da, hat Ihnen jeden Tag etwas vorgelesen. Sie hat auch heute wieder etwas Schönes mitgebracht!“ Ihr Blick fiel auf Josys Tasche, aus der ein Buch ragte. Rabenblut 2 (Nikola Hotel). Etwas leiser sagte sie zu Josy: „Reden Sie weiter mit ihr, es hilft beim Wachwerden!“ Dann nickte sie ihr zu und eilte aus dem Raum, zum nächsten Patientenzimmer. Die Station war, wie immer, unterbesetzt.

„Soll ich dir etwas vorlesen oder möchtest du reden?“, fragte Josy.
Eyna versuchte, einen Anwortsatz, den sie vage im Kopf formuliert hatte, ihrem Mund mitzuteilen. Sie wollte Josy fragen, was eigentlich los ist, wo sie war und weshalb und ihr sagen, dass Reden noch nicht ginge und das Denken irgendwie abgekoppelt vom restlichen Körper schien. Sie seufzte. „Lesen“, bat sie. Sie schaffte es, eine Weile der Geschichte und Josys Stimme zu folgen, dann schlief sie wieder ein.

~

Als sie später wieder aufwachte, war sie etwas klarer im Kopf und bekam nun auch die Augen auf. Das Licht über ihrem Krankenbett schien auf die Laken. Josy lag halb auf ihrem Bett, halb saß sie auf einem Stuhl daneben, eine Hand hielt ein Buch umklammert, die andere lag auf Eynas Arm. Eine Locke hatte sich vorwitzig über Josys Gesicht gelegt. Eyna drängte es, diese Locke beiseite zu schieben. Die gehörte da einfach nicht hin. Und sie verbarg zu viel von Josys Gesicht, wie sie fand. Der Arm funktionierte erstaunlicherweise erwartungsgemäß und ihre Finger strichen sanft die Locke aus dem Weg. Josy erwachte von der zarten Berührung.

„Da bist du ja wieder“, sagte sie zu Eyna. Sie griff nach Eynas Hand und küsste ihre Fingerspitzen.
Eyna fragte: „War ich denn weg?“
Josy meinte ernst, als sie sich nun aufrichtete: „Japp, du warst ziemlich weggetreten. Eine ganze Woche, um genau zu sein. Die Heilkundigen hier meinten, es sei besser, wenn sie dich ins künstliche Koma versetzen und dass du sonst Kopfschmerzen aus der Hölle haben würdest, wenn sie es nicht täten. Die hatten gut zu tun, diesen Splitter aus deinem Dickschädel zu schneiden.“

Es brauchte eine kleine Weile, bis diese Informationen sich im Gänsemarsch durch Eynas Gehirnwindungen wagten, dort aber unschlüssig stehen blieben, weil sie sich verlaufen hatten. Wenigstens mein TicToc-produzierendes Areal scheint noch zu funktionieren, dachte Eyna, die wie immer gerne in Bildern dachte. Sie fasste an ihren Kopf und fühlte einen festen Verband. Dahinter fühlte sie eine Leere, eine Abwesenheit von Gewissheit.
„Kannst du mir die letzten Tage mal aufdröseln? Hat man die Agenten geschnappt? Wo sind die Nymphen? Anscheinend habe ich so einiges verpasst“, bat sie Josy. „Der Reihe nach.“

Josy sah sie sehr merkwürdig an, begann aber zu erzählen. Sie war voller Unruhe gewesen, als Eyna sich plötzlich nicht mehr gemeldet hatte. Kein Skype, keine SMS, keine E-Mail beantwortet hatte. Kurzerhand hatte sie sich ein paar Tage frei genommen – das Projekt hinter Berlin war ohnehin so gut wie fertig, sodass sie es ihrer Vertretung überlassen konnte. Sie war sehr erschrocken gewesen, als sie am Wohnblock feststellte, dass Eynas Wohnung komplett durch eine Gasexplosion zerstört worden war.
Eyna nickte. Daran erinnerte sie sich wieder.
Eine reizende, alte Frau aus dem ersten Stock hatte ihr geöffnet, als sie ein paar der Klingelknöpfe gedrückt hatte, um ins Haus zu gelangen, erzählte Josy weiter.
Eyna lächelte. „Die Lehmann“, sagte sie.
Josy nickte. „Ja, so hieß sie. Ich bin sogar bis rauf in dein Stockwerk nach oben gelaufen, aber da war alles abgesperrt, versiegelt. Deine Wohnung ist hin.“

„Die Lehmann hat mich unten abgefangen und mir alles brühwarm erzählt. Die Gastherme war wohl schon seit einer ganzen Weile kaputt, aber durch einen Fehler beim Verteiler wurde der zugesetzte Geruch ein paar Tage lang nicht zugesetzt und das Gas hat sich unbemerkt ansammeln können. Du hast ihr von Agenten und schwarzen Autos, die dich verfolgen, erzählt und sie hat es den Leuten vom Amt erzählt, die nach der Ursache der Explosion geforscht haben. Die haben ihr erklärt, dass es wohl schlimme Halluzinationen bei dir verursacht haben könnte.“

„Aber die Nymphen, die mich befreit haben? Nyx und die anderen?“
Josy stutzte und dann lächelte sie. Sie zeigte auf den Stapel Bücher auf dem Tisch neben dem Bett. Spionageromane, Abenteuergeschichten zumeist, Gedichtbände und Sagenwelt der Antike. „Ich habe dir jeden Abend vorgelesen. Die Stationsärztin meinte, das würdest du trotzdem irgendwie mitbekommen, auch wenn du im Koma liegst.“

„Okay“, sagte Eyna, die nun schon wieder müde und unkonzentriert wurde, „das klingt alles sehr plausibel. Glaube ich. Offensichtlich war fast alles bis zu dieser Explosion noch halbwegs real. Die Agentengeschichte ist halluziniert, das Paket vom Cousin gab es nicht, und die Ereignisse danach nur noch Erfindungen meines komatösen Gehirns. Aber du musst mir noch eine wichtige Frage beantworten: Wann haben wir uns verlobt?“

Josy lachte auf. „Sorry, mein Herz, das war eine Notlüge. Die lassen hier nur Verwandte als Besuch zu. Oder Verlobte eben.“
Josy gähnte und stand auf. „Ich komme morgen wieder“, versprach sie.
An der Tür zögerte sie. „Du hast ja derzeit keine Wohnung mehr – wäre das OK, dass ich dir ein Gästezimmer bei mir an der Gärtnerei einrichte, wenn du hier rauskommst?“
Eyna wurde es warm bei dem Gedanken. „Das wäre ganz zauberhaft. Für eine Weile. Aber können wir das morgen besprechen? Ich kann nicht mehr denken. Und Morgen kannst du mir auch von den Vögeln erzählen, und wie die in diese Geschichte passen.“
Josy fragte verwirrt zurück: „Welche Vögel? Na, ok, dann bis morgen.“

Eyna schloss die Augen, als Josy gegangen war. In ihrem Kopf tüdelten die Gedanken munter umher und spielten Fangen und Verstecken. Regenfrau, hörte sie einen kleinen blauen Gedanken flüstern und sie riss die Augen erneut auf. Sie sah zum Fenster. Eine Eule saß auf dem Fenstersims.

Vielleicht sollte ich einfach meinen Fantasyroman zu ende schreiben und nicht weiter darüber nachdenken, dachte Eyna. Dann drehte sie sich, so gut es mit den Kabeln und Schläuchen ging, auf die Seite und schlief ein.

Draußen begann es leicht zu nieseln.

~ Ende ~

Fortsetzungen

Das bisherige Kapitel 12 (Epilog-2) befindet sich nun zusammen mit einem weiteren Erlebnis der beiden Protas auf einer extra Seite, passwortgeschützt (pw=bdsm).

Danksagung

Dieses ist der womöglich längste und zugleich persönlichste Text, den ich bisher schrieb. Vieles habe ich beschrieben – versucht zu beschreiben, obwohl ich es mir nur unzureichend vorstellen konnte.
Umso mehr freut es mich daher, dass einige meiner Zweifel und ärgsten Verschreiber von kundiger Seite gewissenhaft gegengelesen wurden. Ohne das ausführliche Lektorat des Schreibfischs, @karlabyrinth wäre dieser Text bei Weitem nicht so, wie er jetzt ist. (Danke für die vielen Korrekturen, deine Zeit und deine Mühe!)

Falls nun noch Unsäglichkeiten enthalten sind, die bei Lesenden möglicherweise unangenehme Gefühle hervor rufen könnten, so ist dies allein auf meine ungewollte Unsensibilität zurück zu führen. Und falls ich etwas derartiges übersehen haben sollte, werde ich nach einem konstruktiven Hinweis oder auch nur Wunsch versuchen, Abhilfe zu schaffen und den Text auch nachträglich noch ändern.

Bestenfalls habt ihr beim Lesen jedoch ebensolches Vergnügen, wie ich beim Schreiben, das würde mir sehr gefallen.

Die Autorin

Lebt in einer Beziehung in dörflich-ländlichen Abgeschiedenheit der niedersächsischen Provinz.

Hinweise zum Inhalt (CN)

Queere Charaktere, Transition (hier: geschlechtsangleichende Änderungen), Fat-shaming (Stigmatisierung), Dysphorie, Deadnaming (der abgelegte Name einer trans Person),
Nacktheit, Lesbische Liebe, Sexszenen (zart angedeutete und deutlichere), Genitalien,
Narben, Unfall, Schwangerschaft/Fehlgeburt, Krankenhaus, Koma, Spritzen,
Narzissmus, Beziehungsstreit,
Explosion, Entführung, gefesselt sein, Betäubung, hilflos, Verfolgung
Naturphänomene, Magie, #food (Essen), Alkohol.

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