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Rattarium  

Hic Sunt Homines!

Diese Kurzgeschichte wurde ursprünglich für eine Anthologie (Hic Sunt Dracones) geschrieben, es wurden von den 165 Einsendungen 33 Storys angenommen, meine und 132 andere leider nicht. Daher kann ich sie nun hier veröffentlichen.
Dieser Text wurde in gendergerechter Sprache verfasst.

Kurze Zusammenfassung

In einer Welt, in der Menschen als Fabelwesen gelten und Drachen interaktive Computerwelten entwerfen, kommt es zu einer versehentlichen Überschneidung der Dimensionen.
In einer Zeit in ferner Zukunft, da die Stadt München nur noch Mun heißt und von Drachen, Zwergen und Kobolden bewohnt ist, arbeitet der Halbdrache Nirf an einem Landkarten- und Buchprojekt, das sich irgendwie ganz anders entwickelt, als Nirf es geplant hatte.
Genre: Solarpunk.

CN, Content Notes

Alter, Essen, Nacktheit, Tiere (Fische), Beschreibung von Körperteilen (Füße zum Beispiel, Behaarung), surreale Erlebnisse, Fabelwesen.
Anmerkungen: Es wurden Neopronomen benutzt, sier/sies/siem/sien für den agender Menschen Foo und für den nicht-binären Halbdrachen Nirf es/sein/ihm/es.

Personen:

  • Foo – Mensch, agender
  • Nirf – Halbdrache, nichtbinär
  • Kobolde (nicht näher benannt)
    .

Ort der Handlung:

Die mächtige Drachen-Stadt Mun. In unserer längst vergangenen Welt, dem Anthropozän, hieß die Stadt noch München.
Wir Menschen neigten zu Verniedlichungen.

Audio-Version


Etwa 19 Minuten lang, Dateigröße 11,6 Megabyte, mp3-Download.

Foo

Sier saß am Rand eines Loches im Boden, die Beine über der Aushöhlung baumelnd und summte ein Lied. Es war eine Weise, die sier vielleicht einst gehört hatte und die siem immer dann in den Kopf kam, wenn sier auf diesen Hügel kletterte, um sich schlafen zu legen. Vielleicht war es nicht mal ein Hügel, sondern nur eine Erhebung in der kahlen Fläche, die senkrecht von oben betrachtet genauso unscheinbar aussah, wie der Rest der Umgebung. Zeit spielte keine Rolle, es gab sie schlicht nicht. Einzig das abwechselnde Hell und Dunkel gab so etwas wie einen Tagesrhythmus vor. Sier hatte den Dingen, den wenigen, die es in sies Umgebung gab, Namen gegeben. Loch – das war dieses leere Ding, in dem sies Beine derzeit baumelten. Hügel, Horizont, Lied. Im Text kam ein Name vor. Sier beschloss aus einer Laune heraus, auch einen Namen zu wollen und nannte sich Foo.
Das unbestimmte Licht dimmte und Foo tat, wozu sier hergekommen war: Behände stieß sier sich ab und tauchte in das Loch ein, das siem bis zur Hüfte ging. In der runden, schwarzen Höhlung rollte sier sich gemütlich zusammen, legte die Arme unter sies Kopf, sah noch einmal in den Raum über sich, in dem es nichts zu sehen gab außer langweiliger Leere, gähnte, schloss die Augen und schlief beinahe sofort ein.

~

Nirf

Nirf wohnte schon sehr lange in dieser Stadt Mun. Es war ein sehr alter und sehr gelehrter Drache, der altersmäßig längst über das Eierlegen hinaus war. Es genoss die Freiheit, über seine Zeit bestimmen zu können, ohne anderen Verpflichtungen nachkommen zu müssen. Den heutigen Tag begann Nirf spontan mitten in der Nacht, in den sehr frühen Morgenstunden. Es konnte nicht schlafen, also wanderte es los, mit einem Bewegungsprogramm, das Nirf anstelle eines Nachtschlafs eingefallen war.

Nach dem erfrischenden Morgenspaziergang durch die Gassen der Altstadt mit ihren Drachentürmen und blühenden Vorgärten, währenddessen Nirf über seinem Projekt gebrütet hatte, ging es mit neuen Ideen zurück in sein Labor. Vor der Tür seines Turmes schüttelte es die taufeuchten Schuppen trocken und drückte den Taster, der die Tür freigab. Eigentlich brauchte Nirf keinen Turm mit Landeplattform, auch wenn es den Anblick der von Schnee bedeckten Berge in der Ferne von seinem obersten Turm- und Schlafzimmer aus über alle Maßen genoss. Es konnte nicht fliegen. Einige seiner Ahnen waren Zwerge gewesen. Sie hatten ihm den wundervollen Bart an seinem Reptilienkinn vererbt und die flauschigen, moosgrünen Haare auf seinen Armen, die sich mit glänzenden schwarzgelben Schuppen ablösten, mit denen der Rest seines Körpers bedeckt war. Aber das Zwergenerbe hatte ihm keine Flügel wachsen lassen und auch das Feuerspucken, das ohnehin innerhalb der Stadt Mun verboten war, war Nirf versagt geblieben.

In Gedanken an sein geplantes Projekt versunken, quetschte sich Nirf durch die enge Reinigungs-Schwammschleuse hinter dem Eingang, die ihm die letzten Reste der Feuchtigkeit von den Schuppen wischte, vom Bart bis zur Schwanzspitze. Ärgerlich fauchte es, weil es schon wieder vergessen hatte, dabei die Arme anzulegen – und einige Haare blieben an der Vorrichtung hängen, ausgeziept von den saugenden Schwämmen. Praktischerweise war Nirf nackt unterwegs gewesen, sodass es nur die Wanderstiefel, eine Spezialanfertigung für seine empfindlichen Zwergdrachenfüße, ordentlich auf die Ablage stellen musste.

Der Turm war halb in eine Anhöhe hineingebaut worden, das hieß, der Eingang an der Frontseite lag ebenerdig, die Räume dahinter, tief im Fels, galten als Keller. Darüber gab es auf halber Höhe rückwärtig einen Küchenraum, mit Zugang zu einem terrassierten Kräutergarten, der seitlich durch Mauern vor neugierigen Blicken schützte, begrenzt vom Turm auf der einen Seite und von Felsen der Anhöhe auf der Rückseite. Gegen neugierige Blicke von oben und zu viel Sonnenschein konnte ein Segeltuch zwischen Turm und Berg gespannt werden.
Ein winziger Quell rann zwischen Steinen und Flechten hervor und tiefer unten in einen kleinen Teich. Die inzwischen aufgegangene Sonne schien warm in diese Wohlfühl-Oase. Nirf hatte sich einen Kräuteraufguss und etwas Obst aus dem Küchenraum mitgenommen. Auch wenn Zwergenblut in seinen Adern floss, so war doch der Reptilienanteil in seinem Körper dankbar für die Sonnenstrahlen, die es wärmten. Es würde die Hitze brauchen, wenn es gleich in sein kühles Labor ging, um den Plan auszuführen, den es sich auf der nächtlichen Wanderung überlegt hatte. Es würde einen Roman schreiben! Einen Roman mit einer Landkarte darin. Jeder gute Roman sollte eine Karte beinhalten, dachte Nirf, als es aufstand.

Das benutzte Geschirr ließ es stehen. Die Kobolde des Turmes würden sich darum kümmern. Irgendwann war diese Gruppe in Mun aufgetaucht und Nirf hatte sie in seinem Turm aufgenommen. In die bis dahin leerstehende Turmräume kam wieder Leben. Es war eine nutzbringende Entscheidung für beide Seiten gewesen und es hatte sich einfach so ergeben, dass sie sich nicht nur liebevoll umeinander, sondern auch um es kümmerten. Im Laufe der Zeit hatten die Kobolde nach Absprache immer mehr die Kocherei, Haus- und Gartenarbeit übernommen, Dinge die Nirf nun im Alter zunehmend schwerer fielen. Das Zusammenwohnen klappte erstaunlich gut. Es gab keine Konflikte, nur Zuneigung und gelegentliches gemeinsames Kuscheln. Ansonsten machten alle »ihr Ding«, wie es die Kobolde nannten. Ihre Wohngemeinschaft war eine sehr entspannende Art zu leben.

Nirf betrat das Labor und schaltete die Anlage ein. Die Anzeige an seinem Arbeitsplatz leuchtete grünlich auf, bereit für einen Tag voller aufzuschreibender Abenteuer. Die Wand, die in diesem Raum an die Außenmauer des Turms grenzte, hatte ein hohes schmales Fenster. Von oben schien mildes Tageslicht herein, das den Raum blendfrei erhellte, und der untere Bereich des verstärkten Materials war ein Fenster in die Tiefe des kleinen Teichs, der sich in einer Mulde am Turm gebildet hatte, gespeist vom Quellwasser des Wohnbergs. Ein paar winzige Fische mit übergroßen Augen, Modken vermutlich, kamen neugierig an die transparente Scheibe geschwommen, verloren aber bald das Interesse an dem Drachen und machten wieder ihre Fischdinge. Nirf fragte sich oft, wie sie in den Teich gekommen waren. Aber andererseits war das auch nicht wichtig. Sie waren da und es ging ihnen gut. Wer wen beobachtete, war nicht immer ganz klar, aber das Interesse war zumindest wechselseitig.

Nirf strich durch den handlangen Bart und grübelte, was es bei seinem Projekt zuerst angehen wollte. Die Landkarte oder die Geschichte. Es hatte sich überlegt, eine Geschichte über Fabelwesen zu schreiben. Menschen zum Beispiel. Jederdrache wusste doch, dass es diese Wesen gar nicht gab. Nirf fand sie niedlich und hatte seit jeher eine seltsame Affinität zu den Märchengestalten. Es setzte sich auf das dicke, bequeme Kissen vor seinem Arbeitsplatz, nahm seinen Kristallstift und begann aus einer alten Spielvorlage eine Welt zu kreieren, eine interaktive Welt. Und zwar die elektronische Umsetzung der Art, wie Drachen die Welt sahen: Schon noch das große Ganze überblickend, aber mit Hyperfokus auf nur jeweils den unmittelbaren Teilbereich, der soeben betrachtet wurde.

Nach mehreren Stunden am elektronischen Zeichenboard hatte die Welt Konturen bekommen: Eine Landschaft, nicht unähnlich der Gegend um Mun, sanfte Hügel, ein paar Bäche, ein Wald. Wohntürme einer Siedlung und Menschenwesen würde Nirf später einzeichnen, Morgen vielleicht. Als nächstes wäre die Geschichte dran, um zu wissen, was noch in die Karte gehörte. Aber jetzt gerade brauchte Nirf erst einmal eine Pause. Stöhnend reckte es sich und streckte die vom langen Hocken steif gewordenen Glieder.
Die Kobolde riefen es just in diesem Moment zum Essen. Nirf hatte den verführerischen Duft gebackener Wurzeln in Teighülle schon länger in der Nase gehabt, aber nicht bewusst registriert.
Nun meldete sich sein Körper mit einem überwältigend bohrenden Hungergefühl. Auch sein zweiter Magen war lange schon leer und sein Rachen trocken. Es hatte schon wieder vergessen, ausreichend zu trinken. Ja, es war höchste Zeit, etwas für den Körper zu tun. Nirf schaltete den Arbeitsplatz in Stand-by und ging zu den Kobolden hinauf.

~

Foo

Foo gähnte ausgiebig, entrollte sich und richtete sich auf. Irgendetwas war heute anders. Auch, wenn sier kein Wort für Heute hatte. Bisher war jedes Aufwachen, jeder Tag gleich gewesen. Es gab keine Abweichungen, nie. Aber nun …? Staunend stand sies Mund offen, als sier über den Rand des Lochs blickte. Da war plötzlich Landschaft. Sies Hände griffen in grüne, fingerlange Dinger – das Wort Gras schien dafür einen Sinn zu ergeben. Foo kletterte aus dem Loch und trat hinaus in die Grasebene, wanderte weiter auf nackten Füßen, mit denen sier durch das Grün schritt. Es kitzelte unter den Fußsohlen.
Ein Geräusch lockte Foo näher an etwas heran, dass sier nun Bach nannte. Das fließende Etwas darin: Wasser. Großgrün stand dahinter. Foo fand, dass dies Bäume sein sollten. Baum war ein guter Name dafür. Neugierig wanderte Foo über die ganze Ebene, die sier nie ganz überblicken konnte, sier sah immer nur den Bereich vor sich, in sies Nähe. Sier hatte sich bis zum Abend weit vom vertrauten Schlafloch entfernt. Foo konnte und wollte nicht zurücklaufen, aber mochte sich auch nicht einfach ins Gras legen. Eine Höhle wäre nett, etwas, das sies Körper umschloss. Eine sandige Fläche im Grasland wurde für Foo zum Zeichenbrett.

Es störte sien, dass die Finger sandig wurden, als sier sies Vorstellung von einer überirdischen Höhle in den Boden zeichnete. Ein länglicher, glitzernder Gegenstand lag im Gras neben der Senke. Foo nahm das Teil in die Hand und begann, damit Linien in den Staub zu zeichnen. Der Stift leuchtete unerwartet auf, Linien wuchsen plötzlich vor siem in die Höhe und manifestierten sich zu langen Stäben. Vor Schreck setzte sier sich auf sies Hinterteil. Das war ja krass! Mit diesem Stift konnte Foo der Welt also Dinge hinzufügen, begriff sier, etwas bauen, etwas erschaffen. Foo malte senkrechte, leicht gebogene Pfeiler. Viele Pfeiler bildeten einen Kreis im Boden. Nach oben hin bildeten Stecken ein kegeliges Dach. Mit dem leuchtenden Stift in der Hand trat Foo ein paar Schritte zurück. Wie sollte sier dies nun nennen, denn eine Höhle war das nicht, auch kein Loch. Ein neuer Name musste her. Foo lächelte, als sier eine Bezeichnung dafür einfiel: Dies sollte sies Jurte sein. Es dämmerte und Foo war nun sehr müde.

Zufrieden betrat sier die Jurte durch die Öffnung zwischen den Pfeilern, die sier dafür gelassen hatte, ging noch einmal hinaus und holte einige längere Gräser vom Ufer, einen ganzen Armvoll und verteilte sie als weiche Unterlage auf dem Boden. Foo legte sich darauf und war sehr zufrieden mit sich. Sier schaute aus der Öffnung auf den Bach und den Wald, bis siem die Augen zufielen. Foo schlief tief und fest bis der Himmel über der Welt wieder hell wurde.

~

Nirf

Nirf erwachte ausgeruht. Das Essen mit den quirligen Kobolden hatte sich lange hingezogen. Den Abend hatte es lesend im obersten Turmzimmer verbracht, gelegentlich einen Blick auf die fernen Berge richtend, über denen es stundenlang gewetterleuchtet hatte. Nach und nach waren die Kobolde zum ihm auf das weiche Lager geklettert, obwohl sie doch eigentlich eigene Zimmer hatten und hatten sich an es geschmiegt. Die Wärme der kleinen haarigen Körper und ihre gleichmäßigen Atemzüge hatten auch es schläfrig gemacht. Kurze Zeit später war es mit dem Buch auf dem Bauch eingeschlafen. Am Morgen waren die Kobolde schon wieder irgendwo im Haus verschwunden, hatten es wohl nachts noch liebevoll zugedeckt und sein Buch ordentlich auf die Bank neben dem Bett gelegt.

In der Nasszelle ließ Nirf eisig kaltes Quellwasser über seine Schuppen laufen. Ein ausgeklügelter Mechanismus leitete das Wasser des Berges kontrolliert in eine Duschvorrichtung. Nun sehr wach beeilte Nirf sich, auf die Terrasse zu kommen, um sich in der Morgensonne wieder aufzuwärmen. Die Eiseskälte des Wassers hatte seinen Reptilienkörper steif werden lassen, so kurz das Duschen auch gewesen war. Wohlig brummend saß es eine Weile im Sonnenschein und schlürfte den warmen Kräuteraufguss, den die Kobolde ihm hingestellt hatten. Bergvögel rannten den senkrechten Fels auf und ab, auf der Suche nach Futterwesen, die sich in Spalten versteckt haben mochten.

Mit einer gefüllten Gebäckstange in der Hand, die es auf dem Weg hinunter ins Labor aß, machte sich Nirf zurück an die Arbeit. Die Arbeitsfläche mit der angefangenen Karte erschien, als es den Arbeitsplatz reaktivierte. Nirf wollte nur noch schnell einen Blick darauf werfen, bevor es beginnen wollte, die Geschichte zu konstruieren. Danach würde es wissen, was noch alles in die Landkarte gezeichnet werden musste. Da war schon wieder ein Fleck auf der Fläche, Nirf wischte darüber. Der Fleck blieb. Oh, dachte Nirf, das ist gar kein Fleck, das ist ein Fehler auf der Karte. Es holte sich den Bildausschnitt näher heran. Lange Zeit starrte es auf die Hütte, die es nicht eingezeichnet hatte. Wo zum Ei kam plötzlich diese Hütte her?

Spaßeshalber setzte Nirf ein paar Gartenbeete und Obstbäume neben die Hütte. Es hatte das Gefühl, das würde gut dorthin passen. Der Bach bekam ein paar hübsche bunte Fische, die Ebene Tiere und Insekten und der Himmel Vögel. So ähnlich wurden in den überlieferten Drachengeschichten die Wohnorte der Menschen beschrieben. Grüne sanfte Hügel und Gärten. Dazwischen Wohnhöhlen und Türme. Eigentlich glaubten ja nur frisch geschlüpfte Drachlinge an so etwas wie Menschen, aber Nirf hatte sich seine Fantasie aus Jungdrachentagen bewahrt. Wenn es die Geschichten aufschrieb, war es jedes mal wie eine Reise in eine unbekannte Welt. Und nun baute es erstmalig eine virtuelle Karte dazu. Eine vermutlich fehlerhafte Karte. Aber, wenn die Abweichungen so zauberhafte Dinge hervorbrachten, würde Nirf nichts daran ändern wollen.
Es schob die Karte in den Hintergrund, öffnete ein Schreibprogramm und wollte zu schreiben beginnen, als ihm etwas auffiel, was schon die ganze Zeit an seiner Aufmerksamkeit gekratzt hatte:
Wieso war da plötzlich ein Menschenwesen? Ein Menschenwesen, das Nirf nicht selbst eingezeichnet hatte.

~

Foo

Staunend stand Foo im Garten zwischen den Bäumen, deren Zweige sich übervoll mit Früchten zu Boden neigten. Sies Welt hatte sich schon wieder verändert. Foo hatte den ganzen Tag zu tun, all die neuen Wesen zu benennen. Siem schwirrte der Kopf. Gedankenverloren setzte sier sich an den Bach und kritzelte ziellos mit dem Zeichenstift herum, materialisierte kleine bunte Stangen. Sier warf sie in die Strömung und sah zu, wie sie langsam davontrieben, in diese neblige Ferne, die sien immer stärker zu locken begann.

An einer Seite des Stifts fiel siem ein Regler auf, den sier bisher nicht bemerkt hatte. Foo rastete den Regler ein und stellte fest, dass sier die Radierfunktion des Wunderstifts entdeckt hatte, weil Teile des Bodens vor siem einfach unter der flimmernden Spitze des Kristallstifts verschwanden. In einem ungeahnten Rausch der Zerstörung, der sien seltsamerweise erleichterte, radierte Foo ein großes Loch in den Boden am Bachrand. Das Ufer brach nach einiger Zeit ein und Bachwasser füllte das Loch. Eingeschüchtert ob der Überflutung verstellte Foo die Stiftfunkion erneut zu erschaffen und legte ernüchtert das Werkzeug beiseite. Bachfische und Wasservögel schwammen in den Pool und erkundeten das stehende Gewässer. Ihre Bewegungen lösten sowohl Faszination als auch Beruhigendes in Foo aus, und so saß sier einfach nur da und beobachtete. Irgendwann hatte sier sich satt- und müdegesehen und ging in sies Jurte zum Schlafen.
In dieser Nacht träumte Foo zum ersten Mal.

~

Nirf

Belustigt registrierte Nirf die Änderungen in der Karte. Das Menschenwesen, es beschloss, es Herobrine zu nennen, war sehr kreativ gewesen. Dieser neu entstandene Teich gefiel Nirf. Es zeichnete ein kleines Boot hinein, löschte den Entwurf und kreierte ein größeres, mit Segel und Kajüte, für das es zusätzlich einen Steg in das Wasser malte. Danach widmete Nirf sich endlich der Schreibaufgabe, füllte etliche Seiten seines Menschenmärchens und ging spät, aber zufrieden, schlafen.

~

Foo

Noch bevor es richtig hell wurde, kroch Foo aus der Schlafhütte. Sier sah das Boot. Kletterte vorsichtig hinein. Dachte lange Augenblicke über das Boot, den Traum und die Möglichkeiten nach. Kletterte wieder hinaus, malte sich Körbe, sammelte Obst und Gemüse hinein, holte auch den Stift, schleppte alles ins Boot. Zog es an der Leine am Ufer entlang bis zum Bach und stieg ein. Die Strömung trug es weiter, ohne Ziel einer unbestimmten Ferne entgegen. Foo lächelte.

~

Nirf

Neugierig öffnete Nirf am nächsten Vormittag die Karte. Es war sehr gespannt, was sich diesmal verändert haben würde.
Das Boot war verschwunden.
So sehr Nirf auch die gesamte Karte absuchte, es fand es nicht mehr. Und Herobrine war ebenfalls unauffindbar. War dies je schon einmal in der Spielewelt dokumentiert worden? Dass sich Wesen einfach von selbst in Karten generierten? War das ein Fehler in der Programmierung? Oder einfach nur ein charmanter Zufall? Nirf hätte nicht einmal sagen können, ob es sich alles nur eingebildet hatte. Das Menschlein war und blieb verschwunden.
Einer Eingebung folgend, änderte Nirf den Titel seiner Märchengeschichte in:

Das Geheimnis der Karte – Ein Menschenmärchen.

~ Ende? ~

© Kián KoWananga 8/2021.

Danksagung und Widmung

Ideen, Gegenlesen und Input: skalabyrinth, Schreibfisch.
Ohne mit all den Ideen beworfen worden zu sein, hätte es in mir nicht das Bedürfnis geweckt, die wunderbaren Stichworte zu einer fantastischen Geschichte zu verknüpfen.
Für mehr Flausch in Fantasy-Geschichten.

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