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Rattarium  

Schmetterlinge im Herbst

Leise drehte er den Schlüssel, zog ihn aus dem Tor und schaute noch einmal zufrieden über das Gelände des kleinen Tierheims, das friedlich in der Nachmittagssonne lag. Allen Tieren ging es gut – soweit man das von in Käfigen eingesperrten Lebewesen sagen konnte. Er hatte gereinigt, was nötig war, hatte Auslauf gewährt, wer ihn brauchte und hatte freigiebig Streicheleinheiten verteilt. Die Tiere liebten ihn, sie waren ungewöhnlich ruhig, wenn er in der Nähe war. Das war an den Besuchstagen anders. Wenn Menschen durch die Gänge liefen, um sich die Tiere anzusehen, die ein Zuhause brauchten. Er mochte keine Menschen. Er verstand sie nicht. Bei den Tieren war das anders. Er konnte sie „lesen“. Er wusste einfach, wie es ihnen ging, was sie dachten und was sie brauchten. Und weil die Tiere sich verstanden fühlten, vertrauten sie ihm.

Die Hauptmittagszeit war vorbei, deshalb steuerte er den Imbisswagen am Stadtpark an. Der Ort war abgelegen und das war ihm nur recht. Dass der Imbiss trotzdem gute Geschäfte machte, lag daran, dass in der Nähe ein Gymnasium und eine U-Bahnstation lagen. Und dass Yussuf und Sabine, denen der Küchenwagen gehörte, die besten Falafel-Döner der Stadt machten. Bei dem Gedanken an Essen, meldete sich lautstark sein Magen. Um diese Zeit sollten kaum Gäste da sein und falls doch, würde er sich das Essen einpacken lassen und daheim essen.
Als er jedoch um die letzte Baumgruppe bog, flatterten plötzlich Schmetterlinge und auch Hummeln in seinem Bauch. „Sie“ war da. Der einzige Mensch, der sein Herz schneller schlagen ließ. Ein wenig hatte er schon gehofft, ihr hier zu begegnen. Es war Mittwoch und an diesem Wochentag war sie öfters hier. Mehr wusste er allerdings nicht von ihr.

Er nickte Yussuf zu, als der ihn freundlich fragte: „Wie immer?“ und legte das Geld passend auf den Tresen. Er setzte sich an den zweiten Tisch in den kühlen Schatten, während Yussuf und Sabine ihre fantastischen Döner für ihn zauberten. Aus einem kleinen Radio im Küchenwagen tönte leise orientalische Musik, die er sehr mochte. Während er wartete, wanderte sein Blick versonnen an den Nebentisch.
Die junge Frau war nicht schön im eigentlichen Sinne, nicht wie die geschminkten Möchtegernmodels der Stadt, die er zu oberflächlich fand in ihrem Bestreben nach mehr Schein als Sein – soweit er das mit seiner mangelnden Menschenkenntnis beurteilen konnte. Sie hatte ein markantes Gesicht, wirkte gar etwas burschikos, trotz der langen braunen Haare, die sie heute im Nacken verknotet hatte. Sie las konzentriert in einem Buch, ihren Tee vor ihr auf dem Tisch hatte sie anscheinend vergessen.

Sein Essen wurde ihm von Sabine hingestellt, während sie ihm Guten Appetit wünschte. Wieder nickte er wortlos und begann zu essen. Als er fast fertig war, kamen drei Jugendliche mit ihren Fahrrädern den Parkweg herauf. Sie sahen das Mädchen am Nebentisch, hielten an, stießen sich gegenseitig mit den Ellenbogen in die Rippen und plusterten sich auf. Genervt und inzwischen ein wenig ängstlich packte die junge Frau ihr Buch in ihren Rucksack und schnauzte die Bengel an, sie in Ruhe zu lassen. Ihre Stimme klang verzerrt am Ende, ein wenig zittrig. Er hört deutlich, wie unwohl sie sich fühlte. Das schien die Halbstarken nur noch mehr anzuspornen und sie verstellten ihr den Weg, als sie gehen wollte. Sabine und Yussuf waren nun besorgt aus dem Imbiss gestiegen und versuchten die Jungen zur Räson zu bringen, vergeblich.

Er steckte beinahe wütend den letzten Bissen in den Mund und versuchte, sich zu beherrschen, als er nun aufstand und sich laut räusperte, weil er etwas sagen wollte und nicht wusste, was er sagen sollte. Die drei hatten ihn im Schatten bisher nicht bemerkt und drehten sich feixend um. Dann aber wurden sie sehr still und sahen nach oben in sein Gesicht. Seine Zweimeterfünf, die breiten Schultern und der grimmige Blick taten ein Übriges und sie hatten es plötzlich sehr eilig, fortzukommen und radelten hastig davon. Erleichtert atmete er auf. Er hätte nicht gewusst, was er hätte tun sollte, wären die nicht gegangen. Die beiden Köche nickten erleichtert der Frau und ihm zu und verschwanden wieder im Wagen.

„Danke“ rief die Frau zu ihnen hinüber, umklammerte ihren Rucksack und blickte forschend zu ihm auf. Sie fragt sich wohl gerade, ob sie mir trauen kann, dachte der Mann traurig und wollte sich schon abwenden. „Ich heiße Karen“, sagte sie plötzlich hastig, als wäre sie zu einem Entschluss gekommen. „Danke, dass du mir geholfen hast!“
Er zuckte mit den Schultern und wusste nicht wohin mit seinen Händen, mit seinem Blick. Was sollte er nun sagen. „Ähh…äh… Andrea“, stammelte er endlich. Sie hob fragend die Augenbrauen, überlegte kurz und fragte zurück: „Italiener?“
Erleichtert nickte er, froh darüber, es nicht extra erklären zu müssen, dass sein Name in Italien ein gebräuchlicher Männername war. Er sah auf seine Schuhe.
Karen runzelte nun wieder die Stirn und blickte den Weg hinunter, den die drei Pöbeler genommen hatten. Er führte durch den Wald. Dann fragte sie Andrea:
„Ich muss da auch lang. Würdest du… mich begleiten wollen?“
Er verstand ihre Bedenken. Sie war nicht zierlich oder so, jedoch drei gegen eine war ein unfaires Verhältnis. Es war aufregend, fand er. So nahe war er ihr noch nie gewesen.
Er räusperte sich erneut, suchte nach Worten, fand keine und deshalb nickte er einfach wieder. Das schien ihr jedoch zu genügen.

Schweigend machten sie sich auf den Weg. Es fühlte sich nicht an, als müsste er etwas sagen, es war keine unbehagliche Stille. Es tat gut, nicht reden zu müssen. Und eigentlich hatte er das noch nie erlebt, dass er mit einem Menschen gemeinsam schweigen konnte. Heute war sein Glückstag, dachte er – und sie, Karen, war etwas ganz Besonderes. Ein kleines ungewohntes Lächeln kitzelte seine Mundwinkel.

„Hier wohne ich“, rissen ihn dann doch ihre gesprochene Worte aus seinem unwirklichen Zustand. Sie waren vor einem bunt gestrichenen Haus stehen geblieben. An den Balkonen rankten Blumen empor und schienen in ihrer Farbenpracht mit der bunten Fassade zu wetteifern. Konnte ein Haus sympathisch sein? Er fand, das war die einzig treffende Beschreibung für dieses Bauwerk. Ja, das Haus war sympathisch.

Andrea hatte kaum auf den Weg geachtet und suchte nun kurz nach Anhaltspunkten zur Orientierung. Ah, dort hinten war der Wasserturm, ein Baudenkmal der Stadt und sein Wegweiser heim, denn er wohnt gar nicht weit von hier. Und nun wusste er auch, wo „sie“ wohnte. Karen. Er sagte es laut noch einmal: „Karen.“ Einatmen. „Kommst du klar?“
Sie nickte ihn lächelnd an. Was für ein warmes Lächeln sie doch hatte! Für ihn. Eines, wovon ihm die Knie weich wurden. In seinem Bauch war eine neue Generation Schmetterlinge geschlüpft, ihre Flügel flatterten schnell und synchron mit seinem Herzschlag. So ein Lächeln war das. Und vielleicht waren es die Glückshormone, die ihn nun verwegen fragen ließen:
„Bist du nächste Woche wieder am Imbiss?“ Erschrocken sah er sie an. Ihre Augen funkelten vergnügt, als sie seine Unsicherheit bemerkte.
„Ja klar“, antwortete sie freundlich und sagte weiter: „und wenn es dir nichts ausmacht, könntest du mich wieder heim begleiten?“
Er hatte sich doch nicht verhört?
Er nickte glücklich und ging, weil es nichts weiter zu sagen gab. Und weil Karen längst das Haus betreten hatte und er nur noch die inzwischen wieder geschlossene Tür anstarrte, ohne sie tatsächlich zu wahrzunehmen. Zumindest glaubte er zu gehen, obwohl es sich nicht so anfühlte. Er schwebte ein Stück weit über dem Boden und wusste später kaum noch, wie er eigentlich nach Hause gekommen war.

Der nächste Mittwoch kam, sie aßen zusammen, tranken Yussufs Spezial-Chai mit Kardamom und später gingen nebeneinander zu dem sympathischen Haus, in dem Karen wohnte. Und am Mittwoch darauf taten sie es wieder. Und dann wurde es zu einem festen Bestandteil seines Lebens in diesem Spätsommer. Sie redeten – ja, tatsächlich, mit ihr konnte er reden, erzählte ihr Geschichten, die er mit den Tieren in seinem Job erlebte. Und sie kamen sich soweit näher, dass Karen ihn eines Tages vor ihrer Tür fragte: „Willst du am Samstagabend vorbeikommen? Ich mache Pizza. Magst du überhaupt Pizza?“
„Ja und Ja“, sagte er grinsend. Sie lächelte: „Dann sei um sieben da“, und ging ins Haus. Und wieder trugen ihn die Schmetterlinge heim. Und flatterten in den nächsten beiden Tagen und besonders in den langen Nächten in seinen Eingeweiden. Karen, flüsterte dann und wann ihren Namen und freute sich.

Samstagvormittag. Was sollte er anziehen? Sollte er etwas mitbringen? Er ging einkaufen. Blumen. Hoffentlich hielten die bis zum Abend. Er kam an einem Juweliergeschäft vorbei und hatte plötzlich sehr seltsame Ideen. Er und Karen. Das wäre doch verrückt. Sie schien ihn zu mögen. Aber was, wenn nicht, oder etwa doch? Vielleicht war es möglich… Die Schmetterlinge tanzten im Kopf und hatten Gesellschaft von Hummeln bekommen. Er betrat den Laden, zeigte auf den Ring in der Auslage und kaufte ihn.

Die Stunden bis zur ausgemachten Zeit schienen fast nicht vergehen zu wollen und doch war es irgendwann soweit. Er hatte eine Frage formuliert, umformuliert, wieder und wieder aufgesagt und fand nun, er sei soweit, sie zu stellen. Die Frage begann mit „Willst du….“

Kurz vor 19:00 Uhr stand er an dem bunten Haus und klingelte. Er wartete eine Minute und klingelte wieder. Doch erst beim dritten Klingeln öffnete sich die Tür. Eine völlig verheulte Karen stand im Hausflur, sein erwartungsfrohes Lächeln erstarb.
„Soll ich wieder gehen?“ fragte er behutsam.
Karen schluchzte. „Nein, bitte nicht, komm ‚rein. Entschuldige! Mischa ist weg!“ sagte sie zur Erklärung, die für nur noch mehr verwirrend war.

Sie betraten die Wohnung. Es war von innen genauso blumig und gemütlich wie von außen. „Das ist mein Zimmer“, schniefte Karen, „und da drüben ist das von Mischa. Und hier“, deutete sie auf den Wohnbereich, „ist unser Wohnzimmer.“
Das zu sagen hatte den Rest ihrer Fassung gekostet und sie sank auf das Sofa vor ihr und heulte hemmungslos. Ratlos legte Andrea die Blumen beiseite und setzte sich zu ihr. Hilflos streichelte er ihr über den Rücken. Zwischen den Schluchzern konnte er halbwegs heraushören, aber nicht wirklich verstehen, dass er der eigentliche Grund für den Heulkrampf war, beziehungsweise sein Name, und dass Mischa deshalb in einem Eifersuchtsanfall das Haus verlassen hatte.

Die Schmetterlinge verwandelten sich in Betonbrocken und zogen ihn in einen emotionalen Abgrund.
Wer war Mischa?
Stunden später hatte sich Karen ausgeweint und war auf dem Sofa eingenickt. Leise stellte er die Blumen in der Küche in eine leere Konservendose. Er wollte nicht in den Schränken nach einer Vase suchen, das gehörte sich nicht. Auf dem Herd fand er die fertige, doch nun kalte Pizza und nahm sich hungrig ein Stück.
Wenn Karen sich etwas beruhigt hatte, konnte er sie dann immer noch fragen? Oder lieber Morgen, oder irgendwann, oder nie? Es war ja schon spät heute. Fast Mitternacht. Aber Mischa…, fragte er sich wieder, wer war eigentlich Mischa? Ja – sie hatte ihm ein- oder zweimal von Mischa erzählt. Ach, hätte er nur besser zugehört. Er saß lange am Küchentisch sah ab und an zu Karen hinüber, bewachte ihren Schlaf und grübelte ergebnislos.

Es würde bald dämmern. Steif vom langen Sitzen stand auf, reckte sich und ging leise wieder ins Wohnzimmer. Sollte er warten, bis Karen erwachte? Oder vielleicht war es doch besser, er ginge nun. Unschlüssig stand er an der Tür der Wohnung und drehte sich noch einmal um. Er warf einen letzten besorgten Blick auf Karen, doch die schien nun ruhig zu schlafen. Da wurde hinter ihm hektisch ein Schlüssel in der Wohnungstür gedreht und die Tür wurde aufgerissen. Herein stürmte eine junge Frau. Andrea hinter der offenen Tür bemerkte sie erst gar nicht.
„Karen!“, rief die Frau, „Karen es tut mir so leid. Ich habe nicht das Recht, über deine Freunde zu bestimmen. Verzeih mir, bitte!“
Karen blinzelte verschlafen und sprang mit einem erstickt klingenden Laut auf die Frau zu. „Du bist wieder da!“ und dann lagen sich die beiden in den Armen. Andrea bewegte sich um das Türblatt herum und wollte gehen. Hier störte er nur.
Doch Karen bemerkte ihn und rief: „Andrea, warte!“
Die Frau, die sie in den Armen hatte, dreht sich nun auch um und bekam große Augen. „Das ist Andrea?! Das ist doch ein Mann!?“
„Aber Mischa, habe ich dir das denn nicht gesagt? Er ist Italiener.“
Und nun war es an Andrea, fassungslos zu fragen: „Mischa Das ist Mischa?“
Plötzlich verstand er. Verstand alles, was er zuvor nicht gesehen hatte – oder nicht hatte sehen wollen…
Nur er hörte das leise Klirren, mit dem die kleinen, plötzlich gefrorenen Schmetterlinge seiner Zukunftspläne am Boden seiner Hoffnungen zerschellen.
„Es ist noch Pizza in der Küche“, murmelte er ungehört, zu den Frauen, die seine Anwesenheit völlig vergessen hatten, die sich leidenschaftlich küssten und hielten und nur noch Augen für ihr jeweiliges Gegenüber hatten. Wie betäubt zog er die Tür hinter sich zu und ging.

Auf dem Weg nach Hause nahm er den langen Weg durch die grauen Straßen der verschlafenen Stadt und und nicht, wie sonst außen herum durch den einsamen Park, dessen Bäume sich nun langsam herbstlich bunt zu färben begannen. Er wollte keine Farben sehen, in ihm war alles grau. An einem Sonntagmorgen in dieser Provinzstadt war die Möglichkeit, Menschen zu begegnen, sehr gering. Der Tag dämmerte heran und die Straßenlaternen verlöschten. Als er an einem Schaufenster vorbei ging, blieb er stehen, hob er den Blick und sah zur Seite in sein verzerrtes Spiegelbild im Zwielicht.
Dann lachte er laut und bitter auf, eine Krähe durch das Geräusch aufscheuchend, die dort auf einem Kabel über seinem Kopf gesessen hatte. „Du dummer Narr“, sagte er in das faltige Gesicht des alten Mannes, der ihm aus der spiegelnden Glasscheibe ansah, „Du alter dummer Narr. Was hast du dir nur gedacht?“

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