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Rattarium  

Neoterra

Work in Progress (#WiP) 22. Oktober 2020: Eine Idee, aus einer Traumsequenz heraus, will hier aufgeschrieben werden. Ich hoffe, ich kann die Story kurz halten.
Nachtrag Januar 2021: Die Figuren sind nicht mit einer Kurzgeschichte einverstanden. Sie wollen, dass ich die Story weiterspinne.

TW: Triggerwarnungen

Tiere (Hunde, )

Inhalte

Es kommen vor:
Diversität,

Genderqueernes (mit verschiedenen Pronomina)

Diese unvollständige Liste wird fortgeführt (und später in anständige Listenform gebracht), wenn es notwendig wird, denn noch stehe ich ganz am Anfang der Geschichte. Die Liste kann auch später noch jederzeit bearbeitet werden. Dasselbe gilt für den Text.

Vorwort

Grundgedanke dieser Story ist die unaufgeregte Erzählung über diverse Personen, die in der realen Welt leider immer noch als Außenseiter betrachtet werden, sei es, weil sie eine Behinderung haben, ‚anders‘ aussehen, alt sind, arm, dick oder queer sind oder sonstwie aus dem Rahmen fallen, den die bisherigen Klischees in Mainstream-Büchern und Filmen vorgeben. In meinem Traum hat das alles keine Rolle gespielt.
Ich bin aufgewacht und habe später am Tag den Prolog geschrieben. Ich würde mir so sehr wünschen, dass dies die Realität wäre. Sie ist es nicht. Mein (womöglich überheblicher) Anspruch ist es, darüber eine kurze Novelle zu schreiben – und dass Rücksicht, Respekt und Verständnis die Regel in unserer Welt werden.

Personen-Glossar

Luca Rheì, em (Fotograf und Illustrator, schwarze Haare, dunkelblaue Augen.)
Sally Frank, er (Rezeption, muskulös, Rollstuhl, langes kastanienbraunes Haar.)
Herbert Müller, sie (meist). (CEO, Dreitagebart, trägt gerne elegante Kleider)
Olga Henke-Debebe, they (CEO, trägt gerne Hosenanzüge)
Dogge (namens Öhrchen)
Julia, sie (Leitung Fertigung und Versand, kurze blaue Haare, mollig, fröhlich)
Murat, er (Facility Manager, graue Haare, wortkarg), Zelt.
Sam, Noah (Polyam) und Lara – schlafen auf dem Heuboden
.
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Basti, Zelt
Jona, Zelt
Janine und Mandy (frisch verliebt), Doppelzelt
.
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Bisher stehen hier nur Stichpunkte bei den Personen, mehr als Gedankenstütze für mich selber gedacht. Das wird zum Ende des Projekts noch ausgebaut und geändert.

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Kapitel-Übersicht

  1. Prolog, Das Bewerbungsgespräch
  2. Ans Meer
  3. Der Workshop

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Das Bewerbungsgespräch

Die Person an der Anmeldung nahm Lucas Daten auf.
Notierte Namen, Anliegen. „Zu wem wollen Sie?“
Luca antwortete, ems Mappe mit den Unterlagen nervös vor sich ablegend: „Mein Name ist Luca Rheì. Ich habe ein Vorstellungsgespräch, ich soll mich gegen 10:00 Uhr in der Personalabteilung melden.“
Unauffällig sah Luca auf die Uhr, die an der Wand der Eingangshalle hing. Zehn Minuten vor der Zeit, das war hoffentlich akzeptabel. Ems Blick fiel auf ein großes Schild auf der Tischplatte, es wies Besuchende darauf hin, dass in diesem Unternehmen Händeschütteln verpönt sei. Alle Achtung, dachte Luca angenehm überrascht.
Hinter dem Tresen, nach dem Abgleich einer Liste, ein bestätigendes Nicken. „Richtig, Sie werden erwartet. Aha, so wird das also ausgesprochen – Rhe-i. Gut zu wissen. Bitte nehmen Sie noch einen Moment Platz, Sie werden gleich abgeholt. Dort drüben, bitte.“
Die Person deutete mit einem unverbindlichen Lächeln den Gang hinunter, wo in einer Nische drei Sessel unter einer Birkenfeige standen. Luca dankte und wollte sich abwenden, als die Person doch noch eine Frage hatte: „Oups, fast vergessen, wie ist bitte Ihr bevorzugtes Pronomen?“
Überrascht antwortete Luca: „Ich … oh … em, bitte.“
Eine solche Frage war em bei Vorstellungsgesprächen noch nie gestellt worden.

Schon auf dem Weg zur Sitzgruppe hörte Luca, wie hinter dem Tresen telefoniert wurde. Ems Pronomen schien tatsächlich keine große Sache zu sein. Das machte em das Unternehmen direkt sympathisch. „… Rhe-i, richtig, mit gap zwischen den Vokalen. Ja, ist schon da. Em wartet in der Ficus-Ecke.“
Den Geräuschen nach wurde hinter dem Tresen nun ein Drucker bedient.

Luca hatte sich gerade in einen der äußeren Sessel gesetzt, bereit, mindestens eine halbe Stunde warten zu müssen, wie em es von anderen Bewerbungen her gewohnt war, als die Person hinter dem Tresen hervor und auf die Sitzecke zu rollte. Oha, dachte Luca, das mit dem Rollstuhl habe ich übersehen, und ärgerte sich, dass em so unaufmerksam gewesen war. Im ersten Impuls wollte Luca aus erlernter Höflichkeit wieder aufstehen, besann sich aber und blieb leicht vorgebeugt sitzen, auf Augenhöhe.
Jetzt konnte sich Luca auch auf das neongrüne Namensschild an der Brust der Empfangsperson konzentrieren: Sally Frank, Reception, pronoun: er.
Sally hatte einen ähnlichen Anhänger in einer anderen Farbe auf den Knien, den er nun, als er Luca erreicht hatte, mit einem entschuldigenden Lächeln an Luca aushändigte. „Sorry, das Schild hatte ich auch vergessen. Erster Tag nach dem Urlaub, meine Routinen sind wohl noch nicht wieder routiniert.“
Luca lächelte zurück, grinste breiter ob des Wortspiels, nahm dankend das orangefarbene Schild und las die schwarze Schrift darauf:
Luca Rheì, Guest, pronoun: em.

Luca klipste sich das Besucherschild an ems Hemdtasche. Das Hemd war in einem dunkel schimmernden Blauton gehalten, der an das Meer bei Dämmerung erinnerte. Es passte gut zu Lucas schwarzen Haaren und den dunkelblauen Augen. Sally sah fast ertappt aus, als Luca wieder hochsah, er hatte eine Spur zu lange gezögert, seinen Rollstuhl zu wenden, um Luca zu betrachten. Nun wendete er doch, nickte Luca über die Schulter zu und rollte gekonnt um die Ecke seines Arbeitsplatzes.
Luca sah ihm nach. Em bemerkte erst jetzt, dass die kastanienbraunen Haare Sallys in einem Zopf streng nach hinten gebunden waren. Frontal hatte es wie eine nach hinten frisierte Kurzhaarfrisur ausgesehen. Unter dem eng anliegenden T-Shirt zeichneten sich kräftige Muskeln ab. Vermutlich macht Sally Kraftsport, dachte Luca verträumt.

Luca wurde aus ems Betrachtung gezogen, als sich im Gang auf der anderen Seite des Empfangs eine Fahrstuhltür öffnete. Zwei Personen stiegen aus, eine in einem grauen Kostümkleid, die andere im hellblauen Nadelstreifen-Anzug. Beide begrüßten Sally. Es sah für Luca sehr vertraut aus. Em mochte die Atmosphäre. Sally deutete in Lucas Richtung. Aha, dachte em, die beiden sind tatsächlich meinetwegen hier. Luca wunderte sich und war nun zum zweiten Mal positiv überrascht. Es war Punkt 10:00 Uhr. Hier gab es anscheinend keine psychologischen Spielchen, keine strategische Wartezeit, um Bewerbende mürbe zu machen, wie em es so oft woanders erlebt hatte.

Die beiden Personen kamen miteinander plaudernd auf Lucas Nische zu. Em entschied sich, aufzustehen. Em hielt sich mit beiden Händen an ems Bewerbungsmappe fest, um nicht doch auf die Idee zu kommen, die Hand reichen zu wollen. Em selber mochte es überhaupt nicht, die Hand geben zu müssen, doch war das Verhalten so sehr verinnerlicht, dass em es manchmal doch passierte, wenn em jemand zuerst die Hand hinhielt, dass em zugriff.

Gespannt wartete em darauf, welche der beiden Menschen sich als Führungskraft des Unternehmens vorstellen würde. Die Person im Kleid redete zuerst. „Hallo, Luca – ich darf Sie doch beim Vornamen nennen?“
Lucas Entscheidung wurde abgewartet, em war einverstanden. Erleichtert registrierte em, dass das Handgeben tatsächlich aktiv nicht gemacht wurde.
Die Person im Kleid fuhr fort, in dem sie auf ihr Namensschild deutete: „Mein Name ist Herbert Müller, Herbert reicht, Pronomen sie, aber das wechselt manchmal. Und das“, Herbert deutete auf die Schwarze Person im Anzug neben sich, „das ist Olga Henke-Debebe.“
Luca beugte sich vor, um das Namensschild zu lesen.
Olga bevorzugte das Pronomen they.

Einen Augenblick musterten sie sich alle gegenseitig. Herbert war groß, sehr hellhäutig, dezent geschminkt – und das dunkelgraue Kostümkleid stand ihr ausgezeichnet, wie Luca fand. Ihre langen blonden Haare waren raffiniert zu einer Hochfrisur aufgesteckt.
Olga war fast ebenso groß wie Herbert, hatte einen sehr dunklen, fast schwarzen Teint und in den Augen unter den Braids, die mit einem hellblauen Tuch aus der Stirn gebunden waren, im selben Farbton wie der elegante Hosenanzug, blitzte so etwas wie Irony auf. Theire Mundwinkel zogen sich unter ems bewundernder Musterung belustigt nach oben.

They betrachtete em ebenfalls von oben nah unten. Em merkte, wie vor Aufregung das Blut in ems Wangen schoss, em stand nicht gern im Mittelpunkt. Lucas Haut hatte einen hellen Bronzeton, ein Erbe ems italienisch-arabischen Vorfahren. Er wusste, wie sehr dunkle Farben ems Hautton schmeichelten und trug daher bei wichtigen Anlässen wie diesem bevorzugt Schwarz und Dunkelblau. Die verspielt wirkenden weißen Sneakers mit Drachenmotiv passten allerdings nur in ems eigenes Wohlfühlbild. Olga hob amüsiert, jedoch nicht abwertend, eine Augenbraue.

„Wir teilen uns die CEO-Aufgaben, paritätisch“, sagte Olga. Their Lächeln erhellte den Raum, als they fortfuhr: „Zwei Personen auf einem bezahlten Posten – wir teilen auch das CEO-Gehalt.“ Olga schien gerne zu lachen, vermutete Luca. Die beiden CEOs waren em sofort sympathisch.

Herbert rieb sich über ihren blonden Dreitagebart. „Wollen wir ins Besprechungszimmer gehen, da ist es gemütlicher, als hier im Gang zu stehen.“ Sie deutete mit der Hand vage den Gang hinunter und ging auf ihren hochgeschnürten Highheels ein paar Schritte in die angedeutete Richtung.

Luca wusste selber nicht, warum em noch einmal zu Sally hinübersah. Dieser machte mit dem Daumen eine aufmunternde Geste. Erstaunlicherweise half em das tatsächlich, die Nervosität ein wenig einzudämmen. Die Dreiergruppe entfernte sich vom Empfangstresen durch eine automatisch öffnende Tür. Olga ging voran und wartete, bis Luca und Herbert zu them aufschlossen. Olga und Herbert nahmen Luca in die Mitte. Sie kamen an etlichen Büros vorbei, deren Türen offen standen oder große Fenster zum Flur besaßen. Luca konnte im Vorbeigehen sehen, dass in fast jedem Raum Hunde waren. Entspannt schlafend auf Kissen unter dem Schreibtisch oder aufmerksam in den Flur blickend, um Vorbeigehende zu mustern.

Das Besprechungszimmer lag am Ende des Gangs gegenüber einer geöffneten Tür zu einem begrünten Innenhof mit Blumen. Eine riesige kuhfleckige Dogge erhob sich von der sonnen-beschienenen Rasenfläche und kam schwanzwedelnd auf die Drei zu. Spätestens jetzt wurde Luca klar, warum in der Mail mit der Einladung zu diesem Termin, explizit gefragt worden war, ob em eventuell Angst vor Hunden oder etwaige Allergien in dieser Richtung hätte. Em hatte jedoch gedacht, die Frage hinge mit den Produkten, Hunde-Assesoirs, Tierbedarf und Outdoorkleidung, zusammen, die dieses Unternehmen herstellte. Luca liebte Hunde – und unwillkürlich schlich sich ein bewunderndes Lächeln in ems Gesicht, als das wundervoll elegante Tier auf em zukam.

Etwas in der Haltung des Hundes sagte Luca jedoch, em solle nun besser stehen bleiben. Auf die beiden CEOs achtete em dabei nicht mehr. Olga und Herbert hielten sich bewusst im Hintergrund und beobachteten interessiert ems Reaktionen. Luca ließ sich unbeeindruckt beschnuppern und behielt ems Hände respektvoll bei sich. Die wenigsten Hunde mögen es, von oben greifend am Kopf angefasst zu werden, wusste em. Die Dogge hatte ihre Inspektion beendet und em als ungefährlich eingestuft. Selbstbewusst ging der Hund voraus zum Besprechungsraum.

Herbert trat, sich räuspernd, neben em. „Ich glaube, Öhrchen mag Sie, Luca. Das spricht für em, nicht wahr, Olga?“ Sie blinzelte them zu.
In Olgas Augen blitzte Schalk auf. They nickte lächelnd, ging auf das verbale Spiel ein und sagte gespielt dramatisch: „Ich stimme zu. Wir haben da leider schon einige unschöne Sachen erlebt.“

Irritiert sah Luca them an. „Unschön?“, platzte em grinsend heraus, bevor em sich zurückhalten konnte, „Sie meinen, die Reste jener, die bei Öhrchen durchfielen, liegen verscharrt im Garten dort drüben?“
Luca deutete auf die Beete des Innenhofs. Olga nickte mit nun unlesbarer Miene langsam und sehr ernst. Luca wurde es heiß. Hätte em nicht ein einziges Mal den Mund halten können? Mit ems Humor kamen wenige Menschen klar. Hatte em die beiden falsch verstanden, war das gar nicht witzig gemeint gewesen? War die Chance auf eine Anstellung im Betrieb mit diesem faux pas vertan, noch bevor das Vorstellungsgespräch überhaupt richtig begonnen hatte?

Herbert jedoch begann plötzlich laut zu kichern und Olga fiel schmunzelnd ein: „Der war gut! Ich glaube, Sie werden prima in unser Team passen, Luca!“

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Ans Meer

Kalenderblatt mit Bild von Seestern am Strand.

Ein Seestern lag am Strand, angespült von Wellen. Versonnen blickte Luca auf das Kalenderblatt des Monats Juli. Einen realen Kalender zu haben, zusätzlich zu den digitalen, die em besaß, machte das Büro etwas heimeliger. Außerdem mochte em die künstlerischen Bilder daraus, drei davon hingen schon eingerahmt an der ansonsten kahlen Wand in ems Büro. Sorgfältig hatte Luca in den letzten drei Monaten Tag für Tag im Wandkalender abgehakt. Heute würde es sich endgültig entscheiden, ob Luca in dieser Firma eine feste Anstellung bekam. Ems Probezeit endete.
Lucas rechtes Knie und Hacken tippten nervös einen unbestimmten Rhythmus unter dem Tisch, während em am PC an der Fertigstellung der Bilderserie für die vierteljährliche Zeitschrift arbeitete. Ungewollt schlichen sich Bedenken in ems Kopf: „Wenn die mich nicht übernehmen, war das wohl meine letzte Arbeit hier.“

Die halb angelehnte Bürotür wurde rigoros aufgestoßen und Öhrchen betrat den Raum.
„Dein Selbstbewusstsein möchte ich haben“, sagte Luca zu der Dogge. Öhrchen neigte den Kopf zur Seite und sah em kurz fragend an. Mit einem leisen Wuffen drehte sich das Tier wieder zur Tür, schaute noch einmal zu Luca und schritt gemächlich in den Flur, wo Öhrchen wartend stehen bieb. Luca wusste nicht genau, was Öhrchen von em wollte, folgte aber sicherheitshalber in den Gang. Spielen war es wohl nicht, denn der Hundeball, der vor der offenen Tür zum Garten lag, wurde vom Hund nicht beachtet. Öhrchen ging, mit Luca im Schlepptau, zu Sallys Arbeitsplatz.

„Oh gut“, sagte Sally, als er die beiden bemerkte, „Öhrchen hat dich ja schon geholt. Ich wollte dir gerade Bescheid geben, dass Olga dich in theirem Büro sprechen möchte.“ Öhrchen hatte beschlossen, nun eine Pause von der Anstrengung zu brauchen und warf sich theatralisch schnaufend neben Sallys Rollstuhl auf die Seite.
„Wenn they mich persönlich sehen will, kann das nur eins bedeuten, Sally. Wünsch mir Glück“, bat Luca.
Am liebsten hätte Luca die Treppe nach oben genommen, das hätte etwas von ems Nervosität genommen. Andererseits wollte Luca einen guten Eindruck machen, und nicht außer Puste oben ankommen. Als ob so etwas nach drei Monaten Probezeit ausschlaggebend wäre, dachte em realistisch. Em nahm trotzdm lieber den Aufzug in den vierten Stock.

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Vor Olgas Tür atmete Luca einmal tief durch, dann klopfte em. Olga öffnete, ein Telefon am Ohr, und winkte Luca, auf einem Sessel in der Sitzecke des Büros Platz zu nehmen. Vergeblich versuchte em, wegzuhören. „Ja, so um zehn bis 15, genau weiß ich das jetzt noch nicht. Eine Woche wäre …“, kurz lauschte they auf die Stimme im Telefon, „zwei Wochen sogar? Wie großartig! Fein, Morten, dann sehen wir uns am achten, prima. Tak und Farvell.“
Olga legte das Telefon auf theiren Schreibtisch ab, nahm eine Mappe auf, strahlte Luca an und kam zu em herüber. „Darf ich Sie etwas fragen, Luca? Sind Sie gerne am Meer?“
Luca blinzelte verwirrt.
„Oh, und bevor Sie antworten, könnten Sie bitte den Arbeitsvertrag unterschreiben? Hier und hier auch noch einmal. Lesen Sie gerne noch einmal drüber, wenn Sie möchten.“
They setzte sich em gegenüber in den anderen vorhandenen Sessel.

„Arbeitsvertrag? Heißt das … ?“
„Ja“, sagte Olga mit einem warmen Lächeln. „Willkommen in der Familie Luca Rheì.“
Luca las den Vertrag durch, unterschrieb, nahm ems Ausführung an sich, gab den anderen Teil an Olga zurück und sagte dann, die Meeresfrage beantwortend: „Ja. Warum?“
„Wir machen die Firma dicht.“
Luca schaute entgeistert.
Olga fuhr sowohl unbeirrt als auch beschwichtigend fort: „Betriebsferien, meine ich, während nur eine wechselnde Notbesetzung hierbleibt. Im Sommer ist ohnehin nichts los in der Branche. Da hat es sich eingebürgert, mit ein paar Leuten aus der Firma so ein gruppendynamisches Kennlernding durchzuführen. Einen Workshop, wenn Sie so wollen. Aber eigentlich ist es schon auch Urlaub. Ein Freund von mir hat einen Hof in der Nähe der jütländischen Westküste. Er lässt uns für Kostgeld dort wohnen – wenn wir ein wenig mit den Tieren helfen.“
„Aha. Ich habe Fragen“, meinte Luca. „Wie komme ich dahin? Äh, wohin eigentlich? Wann? Und was sollte ich sonst noch dazu wissen?“

Olga schaute auf die Uhr. „Sie müssen sich erstens nicht gleich entscheiden, sagen Sie mir morgen Bescheid, ob Sie Zeit und Lust haben, SMS reicht. Ich muss leider gleich zu einem Termin.“
They überlegte kurz, während they em zur Tür geleitete, dann hellte sich thems Miene auf: „Sie haben sich doch ein wenig mit Sally angefreundet, nicht wahr? Der war schon ein paar mal mit und wird auch nächsten Monat dabei sein. Am besten fragen Sie ihn nach allen Details. Er kann Ihnen am Besten weiterhelfen, vermute ich.“
Olga schob Luca zur Tür hinaus und schloss die Tür.
Verwirrt stand Luca im Gang und fragte sich, ob es ein „zweitens“ gegeben haben könnte, wenn Olga nicht so unter Zeitdruck gestanden hätte.

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Als die Treppenhaustür em unten ins Erdgeschoss spuckte, hielt Luca grinsend die Hand hoch, mit dem Arbeitsvertrag winkend, um Sally zu informieren. Doch anscheinend wusste bereits die gesamte Belegschaft Bescheid. Beifall klatschend und grinsend standen ein paar der Mitarbeitenden an Sallys Tresen, Sally pustete in eine Party-Tröte und etliche der begleitenden Bürohunde begannen, angesteckt von der Aufgeregtheit ihrer Menschen, bellend um die Beine zu laufen. Sally scheuchte bald alle, Menschen wie Hunde, zurück in ihre Büros und stellte das Bin-gleich-zurück-Schild auf den Tresen.

Er bückte sich kurz unter den Tisch und kam mit einem Blumenkübel auf den Knien, in der eine große Pflanze wucherte, vorsichtig um die Tischkante gerollt. Das riesige Gewächs verdeckte Sallys Gesicht und ragte noch ein gutes Stück über dessen Kopf hinaus. Der Kübel schwankte bedenklich.
„Ich trage den Kübel, wenn du mich zu deinem Büro schiebst“, bot er Luca an, „jetzt, wo du fest angestellt bist, braucht dein Zimmer etwas mehr home-feeling!“

„Einverstanden“, sagte Luca zu dem Gewächs, hinter dem sich Sally verbarg. „Dafür erzählst du mir alles über Mortens Bauernhof.“ Luca schob sich den zusammengerollten Arbeitsvertrag vorne ins Hemd, um beide Hände zum Schieben frei zu haben.
Sally neigte das Gewächs gefährlich schräg beiseite, als er Luca ansah und einige der Tonperlen rollten dabei aus dem Kübel auf den Teppich.
„Echt jetzt? They hat dich eingeladen? Das ist ja großartig! Klar kriegst du dazu Infos von mir!“
Luca hatte alle Tonkugeln eingesammelt und zurück in den Kübel geworfen. Em richtete sich auf, packte Saly fest an den Schultern an, denn der Rollstuhl hatte keine Griffe und wisperte an Sallys Ohr: „Festhalten!“
Sally umklammerte gehorsam den Kübel.
Es war nicht das erste Mal, dass sie so den Gang hinunter jagten. Aber heute war Luca doch etwas vorsichtiger und vor allem langsamer als sonst, weil das Großgrün ihre Sicht behinderte und sie wollten niemanden aus Versehen umfahren.

Das Gewächs bekam einen Platz auf einem Regal neben dem Bürofenster und Luca füllte nach Sallys Anweisung Wasser auf. Die Hydrokultur müsse nun nur noch alle paar Wochen auf ihren Flüssigkeitsstand kontrolliert werden, beteuerte er. Luca goss Tee aus einer Thermoskanne in zwei Becher. Em reichte Sally sein Getränk, setzte sich selbst mit einem Becher auf den Fußboden und lehnte sich gegen den Schreibtisch.
Zur Abwechslung musste em nun hochschauen, wenn em mit Sally sprach und fand das nur fair. Irgendwann hatte Sally beiläufig erwähnt gehabt, dass es sehr anstrengend sei, zu allen Stehenden hochzuschauen und Luca hatte seither bei ihren Treffen darauf geachtet, dass Sally seinen Nacken entspannen durfte. Inzwischen war es zwischen ihnen selbstverständlich geworden.

Sally stellte den Timer seines Smartphones auf fünf Minuten. Länger wollte er den Empfang nicht allein lassen.
„Was möchtest du wissen?“, fragte er Luca.
„Füll mir bitte meine Wissenslücken zwischen Betriebsferien und Mortens Hof“, meinte Luca, „mehr weiß ich nämlich bis jetzt noch nicht.
Gespannt betrachtete em Sallys Gesicht und die vielen bezaubernden Sommersprossen rund um seine Nase.

Sally trank nachdenklich einen Schluck und schien seine Gedanken zu sammeln. „Das hat vor ein paar Jahren begonnen, als spontane Hilfsaktion. Olgas Freund Morten hatte kurzzeitige gesundheitliche Probleme und Olga hatte einfach gefragt, ob Leute aus der Firma Lust hätten, für eine Woche auf einem Bauernhof auszuhelfen. Sie sind mit dem Firmenbus zu Acht hochgefahren. Nach der Woche, als sie wieder hier waren, war die Stimmung innerhalb dieser Gruppe viel gelöster, vertrauensvoller. Die Leute waren irgendwie selbstbewusster. Im nächsten Jahr haben sie die Aktion mit ein paar anderen wiederholt. Inzwischen ist es zu einer Tradition geworden, im August mit etwa einem dutzend Leuten eine Woche oder länger dort diesen Workshop zu machen.“

„Wo ist denn dieser Hof?“, fragte Luca. „Und falls ich teilnehme, wie käme ich dahin? Gibt es eine Bahnverbindung? Ich bin nicht motorisiert.“
Sally schüttelte verneinend den Kopf und antwortete: „Das ist sehr abgelegen, keine direkte Verbindung, du wärst zwei Tage unterwegs. An der dänischen Westküste. Etwas über vier Stunden Fahrt mit dem PKW. Einige werden den Firmenbus nehmen.“ Fragend sah Sally zu Luca. „Wenn du magst, könntest du mit mir fahren …? Wir wären dann zu dritt. Und vermutlich nehme ich Öhrchen mit.“

Luca stellte den nun leeren Teebecher neben sich ab und nahm ems Smartphone zur Hand. Em öffnete den Terminkalender.
„Olga sagte etwas vom achten. Meinte they den 8. August?“
Sally bestätigte.
„Hmmm“, machte Luca, „im August habe ich keine fixen Termine, die sich nicht verschieben ließen, das sollte klappen.“ Er lächelte zu Sally hinauf. „Ich würde sehr gerne mit dir fahren.“

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Der Workshop

Herbert sah irgendwie verloren aus, als sie in der Morgensonne auf dem Firmenparkplatz dem abfahrenden Bus hinterherwinkte. Sie würde mit einigen wenigen Mitarbeitenden den Notbetrieb des Unternehmens aufrechterhalten, während das Dutzend, das am Workshop teilnahm, auf einer Farm in Dänemarks Dünen weilte. Olga fuhr den Firmenbus mit acht besetzen Plätzen vom Hof und hupte einmal kurz zum Abschied. Sally saß am Steuer seines Hochdachkombi und folgte dem Bus. Sie würden nicht zwingend in Kolonne fahren, hatten sie verabredet. Die Fahrt wäre somit viel entspannender, als wenn ständig darauf geachtet werden müsste, das andere Fahrzeug nicht aus den Augen zu verlieren.

Luca hatte auf dem Beifahrersitz Platz genommen und drehte sich zur Rückbank um. Dort saßen Julia und Murat. Em fragte sich, ob die beiden auch so aufgeregt waren, wie em selbst. Wie zur Antwort auf ems Gedanken rief Julia fröhlich: „Wir fahren ans Meer, ich fasse es nicht! Es geht wirklich los. Dänemark, wir kommen!“ Ihr Lachen war ansteckend, wie immer und Luca lächelte zurück. Murat, wortkarg, auch wie immer, schmunzelte nur in sich hinein. Öhrchen hatten sie aus Platzmangel im Betrieb gelassen, Herbert würde sich solange um die Dogge kümmern. Obwohl das Auto räumlich viel Stauraum bot, war es doch mit Gepäck von vier Leuten zu voll, um qualfrei auch noch das große Tier mitnehmen zu können.

Sally folgte der zuvor einprogrammierten Route auf dem Navigationsgerät. Wichtig war vor allem, unterwegs Rastplätze anfahren zu können, auf denen es Möglichkeiten gab, den Akku des Elektrofahrzeugs nachzuladen. Er schaltete am Autoradio auf Speichermedium und bat Luca, die Nummer 12 aufzurufen. Als sie auf die Autobahn einbogen, hatten sie das Lied „On the Road Again“ von Canned Heat bereits zum dritten mal spielen lassen und sangen lauthals mit. Sogar Murat brummte den Refrain vor sich hin. Danach stellte Sally die Musik leiser, weil er sich auf den Verkehr konzentrieren wollte, obwohl nicht viele Fahrzeuge unterwegs waren. Ab und zu unterbrachen Verkehrsmeldungen die nun fortlaufenden Musikstücke, aber ihre Strecke war zu dieser frühen Stunde erfreulich verkehrsarm.

Luca freute sich darauf, in der kommenden Woche, die Teilnehmenden besser kennen zu lernen. Julia zum Beispiel. Em kannte die kleine Frau mit den kurzen blauen Haaren, die sich selbstironisch entweder als mollig oder untergroß bezeichnete, bisher eigentlich nur vom Sehen. Sie leitete die Fertigung und den Versand, Abteilungen, mit denen Luca sonst nichts zu tun hatte. Sie und Luca waren sich höchstens ab und an in der Kantine über den Weg gelaufen und hatten selten ein paar, zudem belanglose, Sätze getauscht. Wann immer sie sich begegnet waren – immer hatte Julias fröhliches Lachen allen in ihrer Umgebung Freude bereitet. Ja, Luca wollte sie ganz unbedingt näher kennenlernen.

Über Murat hatte Luca von Sally schon die unglaublichsten Dinge gehört. Offiziell war der ruhige Alte einst als Reinigungskraft eingestellt worden. Als es aufgefallen war, dass er stillschweigend alle Dinge im Haus reparierte und instand hielt, war ihm eine Gehaltserhöhung angeboten worden und sein Posten wurde zum „Facility Manager“ umgeschrieben. Murat hatte genickt, den Vertrag unterschrieben und doch weiterhin Papierkörbe geleert. Meist fegte er den Hof und summte leise Melodien. Sobald es irgendein technisches Problem gab, war Murat zur Stelle und wenig später das Problem beseitigt. Sally behauptete, Murat könne zaubern.

~

Sie kamen knapp eine Stunde später auf dem Hof an, als der Firmenbus. Murat hatte, als er ausgestiegen war, als erster sein Gepäck aus dem Kofferraum genommen und ohne, dass es die anderen bewusst mitbekommen hatten, auch Sallys Rollstuhl aufgebaut und neben die Fahrertür gestellt. Als die übrige Fahrgemeinschaft noch dabei war auszusteigen, baute Murat bereits in der Nähe, aber etwas abseits von den anderen bereits stehenden Zelten, sein eigenes Zelt auf.
„Siehste“, sagte Sally grinsend zu Luca, der sich steif von der Fahrt die Glieder streckte, „das meinte ich, wenn ich sage, Murat kann zaubern. Oder hast du mitbekommen, wann er den Rolli hier hingestellt hat?“ Sein Blick fiel auf das Ladekabel am Fahrzeug. „Oder wann er das Kabel eingesteckt hat?“
Luca schüttelte den Kopf.
„Wo werden wir schlafen?“, fragte em und sah sich neugierig um.
Das große Haupthaus, vor deren Ostseite sie geparkt hatten, war weiß gestrichen und Fenster, die em bei der Anfahrt unter dem First gesehen hatte, verhießen ein Obergeschoss. Rechts hinter dem Haus schien ein sichtbarer Giebel auf mindestens ein weiteres Gebäude hinzudeuten, das die Nordseite abschirmte. Ein breiter gepflasterter Pfad führte dorthin. Luca vermutete dort Stallungen, da doch von Versorgung von Tieren die Rede gewesen war.

Sally grinste immer noch. Er sagte, während er sich in seinen Rollstuhl hangelte: „Wartet ab, es wird euch umhauen!“
In diesem Moment kam ein blonder Hüne auf sie zu. Er zog einen vierrädrigen gummibereiften Handkarren hinter sich her.
„Morten!“, rief Sally strahlend aus.
Über Mortens Gesicht zog ein warmes Lächeln. Er sah aus, wie der typische Skandinavier, fand Luca. Mit dem geflochtenen roten Kinn-Bart, dem seitlich geschorenen Kopf und seiner ganzen Erscheinung könnte er in jedem Wikingerfilm sofort eine Rolle bekommen. Der Hüne war em auf den ersten Blick sympathisch.
„Hej! Sally!“ grüßte Morten zurück. „Nice to have you here again!“
Sally stellte Luca und Julia vor, die zum ersten Mal dabei waren.
Morten sagte zu ihnen: „Ich spreche nicht gut deutsch, verstehe aber gut.“
Julia antwortete: „Kein Problem, Morten, ich spreche dafür kaum ein Wort dänisch und ich fürchte, verstehe es noch weniger. Danke, dass wir hier sein dürfen.“
Dann lachte sie auf ihre ansteckende Art und Morten, Sally und Luca fielen unwillkürlich mit ein.

„Sally, willst du dein altes Zimmer wieder haben“, fragte Morten, aber es klang wie eine Feststellung. „Die anderen haben alle Quartier.“ Sally nickte lächelnd zur Bestätigung.
Dann schaute Morten zu Julia und Luca. „Zusammen?“
Julia und Luca nickten ebenfalls. Das hatten sie im Voraus so abgesprochen. Aber viel mehr hatte ihnen Sally nicht verraten.
„Okay“, sagte Sally. „Dann wollen wir mal den Karren beladen.“
Er rollte zur hinteren Autotür, angelte sich seine Tasche und seine Gehhilfen und packte sie auf den Handkarren. Luca und Julia stapelten ihr Gepäck dazu, plus einiger Sachen, die sie für einen langen Aufenthalt mitgenommen hatten. Einen Teil davon, die Lebensmittel, würden sie später in den Küchenbereich bringen. Morten zog den Wagen, die anderen folgten ihm.

Drei der am Workshop teilnehmenden, Sam, Noah und Lara hatten sich Feldbetten auf dem Heuboden der ausgeräumten Scheune aufgestellt, Basti und Jona schliefen vor dem Haus in ihren mitgebrachten Zelten. Janine und Mandy hatten ihr Doppelzelt etwas abseits davon aufgebaut. Sie waren frisch verliebt, wusste Sally zu berichten, der alle privaten Details aller Mitarbeitenden zu kennen schien. Auch Murat hatte ja sein Zelt etwas entfernter von den anderen aufgeschlagen, begründete dies mit seniler Bettflucht, weil er beispielsweise niemanden stören wolle, wenn er schon bei Sonnenaufgang wach wäre.

Der Weg führte zwischen Haus und Scheune entlang und gabelte sich dort. Mortens breite Schultern verdeckten den Blick, der erst frei wurde, als Morten dem Knick im Weg hinter das Haus folgte. Sally wendete dort seinen Rollstuhl, um den Blick auf den Gesichtern von Julia und Luca einzufangen, die nun mit staunend geöffneten Mündern stehen geblieben waren.
„Krass, oder?“, feixte Sally, mit einem Arm eine umfassende Geste über die Anlage deutend.

An der Südseite der Scheune waren Büsche zwischen Rhododendren gepflanzt. Davor zog sich neben einer abgetrennten Teich-Zone, in der Fische lebten, ein Schwimm-Pool über die gesamte beeindruckende Länge hin. Ein paar Obstbäume spendeten Schatten. Dazwischen blühten üppig alle möglichen Blumen in Beeten. Ein flaches Gebäude grenzte die gegenüber liegende Seite ein. Dort lehnte Morten breit lächelnd an der Doppeltür und sah zu ihnen hinüber.
„Tadaa“, machte Sally, „unser Domizil für die nächsten Tage, das Poolhaus!“
Julia sagte: „wow“ und Luca konnte dem nur zustimmen.

~

Morten lud das Gepäck vom Wagen und fuhr in einem Bogen um die immer noch Staunenden herum. „Essen in einer Stunde in der Halle“, informierte er.
Sally winkte Julia und Luca zu sich. „Kommt, lasst uns reingehen und die Sachen verstauen. Und schauen, wer wo schläft.“

Das sogenannte Poolhaus war ein Dreibett-Appartment mit großem Bad und einer Miniküche. Im Vorraum, der zugleich als eine Art Wohnzimmer diente, stand ein Sofa, daneben ein heller Tisch mit drei Stühlen. Gleich hinter dem Eingang links war ein Regal angebracht, in dem gefaltete Handtücher lagen. Stangen und Haken ergänzten die Vorrichtung. An der Ostwand war eine kleine Kücheneinrichtung, mit Kühlschrank, zwei Kochplatten und einer winzigen Spüle. Hier konnten kalte Getränke aufbewahrt, oder Tee gekocht werden. Ein Toaster und eine Mikrowelle komplettierten die Ausstattung. Das würde reichen, zumal in der großen Küche im Haupthaus gekocht werden würde.
Rechts von der Tür befand sich eine Garderobe, an der Schuhe und Jacken aufbewahrt werden konnten. An der Westseite sorgte ein Fenster für Tageslicht. Schräg gegenüber des Eingangs ging es in den Schlafraum, von dem links um die Ecke eine Tür zum Bad abzweigte.

In der Südwest-Ecke des Zimmers standen zwei Betten, die somit ein L bildeten, die Fußseiten aneinander. Julia wünschte sich das Bett unter dem Fenster. Sally hatte seine Reisetasche auf dem Bett nahe der Tür zum Bad abgestellt, das quer zu dem von Julia ausgesuchten stieß, mit zwei Nachtschränken dazwischen. Das Ensemble bildete mit dem dritten Bett halbwegs eine U-Form. Fragend schaute Sally zu Luca: „Ist das Okay, wenn ich dieses Bett für mich requiriere?“
Luca nickte zustimmend und legte sich probehalber in das übrige Bett, die Füße über der Bettkante: „Hier habe ich einen schönen Blick nach draußen, das gefällt mir.“
Vor dem Fenster stand ein großer Kirschbaum mit halbwegs roten Früchten. Stare, die aufgeschreckt von den Aktivitäten im Haus aufgeflogen waren, kamen nun zurück, ihre metallisch schnarrenden Rufe schienen zu erzählen, dass jetzt wieder alles sicher sei. Die Laubbäume halten die Südseite des Poolhauses kühl, überlegte Luca. Em entspannte einen wohltuenden Moment im Liegen. Die Fahrt war zwar nicht sonderlich lang gewesen und sie hatten auch Pausen gemacht, aber einfach nur flach zu liegen und diesen Baum anzusehen war gerade so eine Wohltat.

Kurz darauf schwang em sich seufzend doch vom Bett und ging hinüber zum Bad. Neugierig sah em sich um. Es gab einen Waschtisch, dahinter eine Toilette, gegenüber eine offene Duschecke. Kurz überlegte em, wie oft sie um das Haus herum die Richtung gewechselt hatten und verortete den Raum an der Ostseite des Poolhauses, angebaut an die Westseite des Haupthauses. Es machte Sinn, dachte Luca, somit sind die Wege für alles Anschlüsse kurz gehalten. Oberlichter an der Südseite brachten Helligkeit ins Bad. Anschließend holte em die restlichen Sachen, die noch vor der Tür standen, herein und verteilte sie entsprechend.

~

Ein heller dengelnder Ton erklang vom Haupthaus her.
„Mittagsmahl“ erklärte Sally.
Das Trio hatte sich soweit eingerichtet, es sprach nichts gegen eine Ess-Pause. Sie schnappten sich die Kartons und Tüten mit den Dingen, die sie für die Gemeinschaftsküche mitgebracht hatten. Vor dem Poolhaus deutete Sally nach links: „Dort um die Ecke ist eine Außendusche. Und ein paar Sonnenliegen sollten da auch stehen. Nach dem Essen haben wir hoffentlich ein wenig Luft, um das hier urlaubsmäßig zu würdigen. Danach beginnt der Workshop, vermute ich. Mal sehen, was sich Morten und Olga ausgedacht haben.“

Sie betraten das Haupthaus durch den Hinter-Eingang, der sich gleich neben dem Poolhaus befand. Luca war überrascht, wie kühl es innerhalb des Gebäudes war und fragte Sally nach der Ursache. Em vermutete eine wirkungsvolle Klima-Anlage.
„Nee“, lachte Sally, „das sind die meterdicken Lehmwände, die halten im Sommer die Hitze draußen und im Winter die Wärme drin.“
Sie stellte die Kartons in der Küche ab und setzten sich zu den anderen an den Tisch. Aus einem riesigen Topf, in dem in einer Brühe Gemüsestücken und Melboller schwammen, nahmen sich alle eine Kelle voll in ihre Teller. Dazu gab es kleine Brötchen, die Morten am Morgen gebacken hatte.

Noch während des Nachtischs sah Luca wie Olga und Morten sich anschauten und Morten einige Zettel zu Olga hinüberschob, die er sich aus der Brusttasche seiner Latzhose gezogen hatte. Olga warf einen Blick auf die Bögen, nickte und zückte einen Stift. They schien immer irgendwo einen Schreibstift am Körper zu tragen, selbst hier, dachte Luca.

„Es geht um die Einteilung. Wir haben Pferde, Rinder, Federvieh, Küchendienst und Reparaturen. Den Küchendienst haben für diese Woche und zwar für die gesamte Woche Sam, Noah und Lara übernommen.“ They nickte in Richtung der drei. „Sagt ruhig Bescheid, wenn ihr Unterstützung braucht.“
Olga fuhr fort, in dem sie kurz Arbeitsbeschreibungen der angesprochenen Themen gab. Dann wurde gelost, wer welche Arbeiten ausführen würde. Julia würde beim Reparaturteam koordinieren, zusammen mit Murat. Janine und Mandy machten lange Gesichter, weil sie den Begriff „Federvieh“ gezogen hatten. Auch Luca war nicht glücklich. Auf seinem Zettel stand: Pferde. Pferde machten em Angst, wenn es keinen Zaun zwischen em und den Tieren gab.

„Ist es OK, wenn ich meine Aufgabe mit Janine und Mandy tausche?“, fragte Luca. Em sah dabei nacheinander Olga und die beiden Mädchen an. Olga nickte zustimmend und Janine und Mandy freuten sich lauthals, denn sie waren beide ganz in Pferde vernarrt.
„Mit Pferden komme ich so gar nicht klar. Danke, dass ihr das übernehmt“, sagte Luca, „mit Vögeln kenne ich mich tatsächlich besser aus.“
Am Tisch war es schlagartig sehr still geworden. Alles sahen Luca an. Was habe ich Falsches gesagt, durchfuhr es em. Dann wurde es em bewusst und em sagte: „Oh.“
Sally machte seltsam grunzende Geräusche, um das unangebrachte Lachen hinunter zu schlucken. Lucy kicherte leise vor sich hin. Luca sagte: „Ihr dürft ruhig lachen, das Wortspiel mit ‚Vögeln‘ war zwar unbeabsichtigt, aber doch irgendwie witzig.“ Nun grinste em breit und die anderen grinsten zurück. Plötzlich war eine entspannt verschwörerische Atmosphäre im Raum, als hätten alle ein lustiges Geheimnis, das sie verband. Luca bemerkte, dass Olga sich in theirem Stuhl zurückgelehnt hatte und die Tischrunde aufmerksam und lächelnd betrachtete.

„Mittagspause!“, rief Sally laut und fröhlich in die Runde. Zu Julia und Luca gewandt: „Wer zuerst am Pool ist!“, wendete und flitzte los. Er war schon dabei, ein Handtuch und sich selber auf einer Liege abzulegen als Luca und Julia dazu kamen. Sein T-Shirt hatte er abgestreift und legte es sich als Kopfkissen unter den Nacken. Luca konnte nun zum ersten Mal sehen, dass Sally in der Tat einen sehr muskulösen Oberkörper hatte. Bewundernswert, dachte em. Ems eigener Körper war eher vom Typ Bürofigur, weich und untrainiert. Em fand das völlig in Ordnung. Luca fühlte sich wohl in ems Haut.

Julia und Luca gingen kurz ins Poolhaus, um ebenfalls Handtücher zu holen. Ein Stapel blauer Kleidung lag auf dem Sofa. Julia hob eines der Teile hoch, das sich dabei entfaltete. „Oh, schau mal, ein Overall für dich“. Sie drückte Luca den Arbeitsanzug in die Hand, nachdem sie das Teil prüfend mit abschätzendem Blick an Lucas Schultern gehalten hatte.
Sie nahm auch das andere Kleidungsstück, hielt es sich an und meinte: „Ok, die Beine müsste ich wohl umkrempeln.“ Sie prüfte die Ärmellänge. „Die Ärmel wohl auch. Alles andere sollte passen.“
Sie kicherte.

Sie legten die Arbeitskittel auf ihren Betten ab, zogen sich aus und Badezeug an und legten sich zu Sally den Halbschatten. Der war inzwischen fest eingeschlafen. Kein Wunder, hatte er doch die ganze Fahrt am Steuer gesessen, dachte Luca, stand kurze Zeit später wieder auf und zog seine Liege zu einer Stelle, die von Sonne beschienen war. Ein paar Minuten auf dem Bauch und und weitere Minuten auf dem Rücken liegend war em so aufgeheizt von der Mittagssonne, dass em doch wieder aufstand, sich kurz unter die Außendusche stellte und dann tropfend zum Pool schlenderte. Em setzte sich auf den Beckenrand und ließ die Beine ins kühle Wasser baumeln.

Wenig später glitt em ganz hinein. Luca tauchte unter. Sonnenstrahlen fielen durch die Wasserschichten und tanzten auf den Fliesen am Boden. Em schwamm hinüber zu der abgetrennten Fläche des Teichs, in dem Fische zwischen Wasserpflanzen sich ihres Fischlebens freuten. Zumindest vermutete Luca, dass sie nicht unglücklich waren. Scheu waren sie jedenfalls nicht, denn sie schwammen heran und nibbelten an Lucas Fingern, die em ihnen ohne hastige Bewegungen hinhielt. Es fühlte sich sonderbar an, wenn die kleinen Mäuler kurz an Hautstellen saugten. Vorsichtig zog Luca seine Hand aus dem Fischbecken. Em würde Morten fragen, ob em auch die Betreuung der Fische übernehmen durfte.
Das Wasser im Schwimmteich verlockte zur Bewegung. Ein paar Mal schwamm Luca die gesamte Länge auf und ab, bevor em sich wieder aus dem Wasser zog und seufzend vor Wohlbehagen auf der warmen Liege lang machte. Die nasse Badehose hängte em zum Trocken über das Fußende.
Eine Viertelstunde später klingelte der Alarm an Sally Smartphone. Es war Zeit sich um die Tiere zu kümmern.

~

to be continued …

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