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Rattarium  

Ein ganz großer Wurf

Story als Hörbuch

Kapitelüberschriften

Text: Ein sexy Millionär in tödlicher Gefahr. Sie müssen sich entscheiden, Ladies! Wollen Sie mich retten?, das ist die Beschreibung des gefährlichen Badboys Chris im Datingportal. Widerlich. May ist blind, und weiß doch nur zu gut, was sein 'sexy' Auftreten bewirkt. Die Beziehung mit Chris war toxisch und hatte dramatische Folgen, bis heute. Doch das weiß die Nachbarin Elena nicht, ein ganz normales Mädchen, die für den mysteriösen Fremden schwärmen wird, ihm all ihre alten Familiengeheimnisse anvertrauen wird, sich für ihn aufgeben wird, wie May vor ihr. Doch dann kommt alles ganz anders. Elena ist eine starke Frau, die weiß, was sie will - May. Und auf einmal ist das Leben des Badboys auf den Kopf gestellt. Als Aufarbeitungsstrategie planen sie ihm 'Das Kapital' an den Kopf zu werfen - mehrfach. Werden sie es schaffen?  'Ein ganz großer Wurf!' - Irgendein Kritiker  'Ein großartiges Buch, gute Wahl!' - Irgendein Prominenter  'Lesen Sie dieses Buch!' - Irgendeine Zeitung.

  1. Brot und Salz
  2. Flashback
  3. Peitsche und Zuckerguss
  4. Das Kapital
  5. Das Ende ist ein Neuanfang
  6. Warnungen zum Inhalt (CN), über diese Story, Nachtrag, Danksagung.

May hatte ihren Blindenstock bereits unten an der Haustür zusammen geklappt – sie brauchte ihn in der vertrauten Umgebung nicht. Eigentlich brauchte sie ihn ohnehin nur selten, sie war nicht völlig blind, konnte allerdings nur schwer Dinge erkennen, die weiter weg waren. Und weiter weg bedeutete in ihrem Fall: weiter als 30 Zentimeter. Es ersparte jedoch im Umgang mit unbekannten Personen so viel an Diskussion und Erklärungen, wenn diese davon ausgingen, dass ihr das Etikett „Komplett Blind“ anhaftete.

Gewohnt forsch schritt sie die Treppe zu ihrer Wohnung im ersten Stock empor, auch wenn ihre Augen vom Wechsel der Helligkeit draußen und dem dämmerigen Treppenhaus nun einige Zeit brauchen würden, um sich umzustellen.
Unten an der Tür rief jemand „Achtung!“ Im Gehen schaute sie sich unwillkürlich um und fragte sich, ob sie gemeint war. Der Umzugskarton stand mitten im Hausflur. Sie blieb mit dem Fuß an der Kiste hängen, die sie sonst bemerkt hätte. Der gefaltete Langstock, den die bis eben in der Hand gehalten hatte, fiel dabei klappernd zu Boden. Sie stolperte einer Person regelrecht in die Arme und wurde so vor einem Sturz bewahrt. „Oh, riecht dieser Mensch interessant“, dachte May – völlig unpassend für diese Situation.

„Hoppla“, sagte eine junge, fröhliche Stimme, die zu den Armen gehörte, die sie hielten, bis sie wieder im Gleichgewicht war und sich aufrichtete. Vor ihr stand eine junge Person, die sie schemenhaft sah. Die Augen hatten sich noch nicht an die Lichtverhältnisse angepasst. Das dunkle Haar war vermutlich sehr kurz oder sehr eng anliegend als Zopf, das konnte sie noch nicht genau erkennen. Ihr Gegenüber trug eine Latzhose, deren einer Träger über der nackten Schulter verrutscht war. May widerstand tapfer dem Drang, hinüber zu greifen und den Träger zu richten. So etwas kam nicht immer gut bei Leuten an, wie sie durch langjährige Erfahrungen nun wusste.

Die Person also bückte sich und hielt May den Klappstock hin, den sie eben aufgesammelt hatte. Sie hatte tatsächlich sehr kurzes Haar, à la Sinéad O’Connor, als sie Nothin compares gesungen hatte, wie May nun endlich erkannte und sich ermahnte, nicht mit den Gedanken abzuschweifen. May hörte ein hissendes Geräusch, ein scharfes Einziehen der Luft durch die geschlossenen Zähne bei geöffneten Lippen, das Leute meist machten, wenn sie etwas im Begriff waren zu tun, es aber im selben Moment als unpassend einschätzten. Meist sagten sie danach Oups, oder so etwas.
Die Person sagte: „Entschuldigung, darf ich Ihnen den Stock in die Hand legen?“
„May“, sagte May, völlig überrumpelt von der respektvollen Anfrage. Die meisten Menschen fassten sie ungefragt an, weil sie „der armen blinden Frau“ ja nur helfen wollten. Sie räusperte sich, streckte ihre Hand aus, nahm den Stock an und sagte dann fest:
„Ja, vielen Dank! Auch, dass Sie das fragen. Ein wenig sehe ich schon noch Konturen und einigermaßen gut Dinge in der Nähe, so im Armlängenumkreis. Und… ich heiße May van Toren. Ich wohne hier.“
Sie deutete auf die Tür zu ihrer Linken.
Gegenüber blitzen weiße Zähne auf. Das Gesicht, das vorher vermutlich besorgt ausgesehen hatte, schien sich zu entspannen und ein breites Lächeln erschien.
„Ich heiße Elena“, sagte die Person freundlich, „und ich wohne auch hier. Also, seit heute. Ich ziehe gerade ein.“

Brot und Salz

Zwei Tage später. Elena schien sich in der Wohnung gegenüber nun soweit eingerichtet zu haben. Jedenfalls hoffte das May, als sie gegen 11:00 Uhr vormittags mit Brot und Salz vor Elenas Tür stand. Sie wollte nicht aufdringlich erscheinen. Elena öffnete und strahlte sie an, als sie May erkannte. May wollte lediglich an der Tür ihr Präsent überreichen, aber Elena bat sie in ihre Wohnung.
„Ich hatte heute noch kein Frühstück“, meinte sie, „da könnten wir doch jetzt hier zusammen essen, wenn es Ihnen recht ist?“
„Warum eigentlich nicht?“, dachte May und folgte Elena.
Diese achtete darauf, dass May diesmal unbeschadet ihren Weg fand und räumte beinahe beiläufig einen Stuhl beiseite oder warnte kurz vor einer Kiste, die noch unausgepackt im Esszimmer stand. Es war einfach nur aufmerksam und fühlte sich für May überhaupt nicht so an, als ob Elena ihr nicht zutrauen würde, selbst auf sich aufpassen zu können. May hatte sich selten so wenig unwohl bei einer Person gefühlt, die sie ja eigentlich gar nicht kannte.

Elena drehte die Musik, die aus einem kleinen Stereo-Turm auf der Anrichte schallte, soweit leise, dass sie sich immer noch gut dabei unterhalten konnten. Sie hatte May gefragt, ob sie ganz ausschalten sollte, aber May hatte verneint. Musik störte sie eigentlich nie. Der Stapel mit CDs, der neben der Anlage lag, waren ein breiter Mix aus Punk, Klassik, Blues und Jazz, erklärte Elena, die ihren fragenden Blick richtig interpretiert hatte. „Metallica, The Unforgiven„, identifizierte May den Song, der nun spielte und ihre Nachbarin wurde ihr gleich noch eine Spur sympathischer, sie hatten anscheinend einen ähnlichen Musikgeschmack. Sie setzte sich entspannt an den Küchentisch und schnitt das Brot mit dem Messer auf, das Elena zusammen mit anderem Geschirr dorthin legte.

Elena holte aus einem der Schränke zwei Becher, schenkte ihnen Tee ein, den sie kurz zuvor aufgebrüht hatte und stellte Mays Tasse so hin, dass sie den Henkel sofort mit der linken Hand greifen konnte. Elena hatte also bereits gesehen, dass sie Linkshänderin war. Das war bemerkenswert, schon allein, dass jemand es überhaupt bemerkte und dann, dass sie es berücksichtigte.
Sie setzten sich nebeneinander an den schmalen Tisch – diese Küche war ebenso beengt, wie ihre eigene, dachte May und schalt sich, weil sie davon ausgehen konnte, dass die Wohnungen in diesem Block alle die gleichen Grundmaße hatten, hier eben spiegelverkehrt. Sie aßen das knusprige Brot, das May erst vorhin aus dem Ofen gezogen hatte, schmierten Elenas selbst gemachtes Hummus darauf und aßen kleine süße Tomaten dazu.

May saß an der Fensterseite, das Licht der Vormittagssonne beleuchtete Elenas Gesicht, das sie in der Helligkeit nun relativ gut erkennen konnte. Sie bewunderte Elenas Schur-Frisur, die ihre Kopfform betonte. Es sah sehr attraktiv aus, fand sie. May selber hatte kastanienrote Locken, die heute von einem Stirnreif aus den Augen gehalten wurden und seitlich bis auf die Schultern fielen. Sie überlegte, wie sie selber wohl mit einem Undercut aussehen mochte und fasste sich unbewusst an die eigenen Schläfen. Elena grinste, als hätte sie Mays Gedanken gelesen. Und dann sagte sie, das Du benutzend – und es klang ganz selbstverständlich: „Du bist sehr schön. Und sieh dir nur diese Haare an. Ich mag die Farbe und die Fülle sehr. Es sieht toll aus!“ Es klang ehrlich bewundernd und May fühlte sich auf einmal sehr wertgeschätzt. Dieses Gefühl hatte sie seit sehr langer Zeit nicht mehr verspürt. Es tat gut.

Sie redeten, sie lachten, sie räumten gemeinsam den Frühstückstisch auf, als würden sie sich seit Jahren gut kennen. Elena überschlug, sie würde noch den Rest der Woche für das Ausräumen der letzten Umzugskisten brauchen. Besonders die Kisten mit den Büchern wären zeitraubend. May fragte, ob sie die Bände nach Autor, Genre oder Farben einsortieren würde und wunderte sich, dass Elena sich nicht über ihre Frage wunderte, sondern kicherte und dann gespielt ernst antwortete, sie würde tatsächlich gerne in dieser Reihenfolge sortieren.

Sie gingen hinüber ins Wohnzimmer. Hier standen wirklich noch etliche unausgepackte Kisten vor den noch leeren Regalen. Einige Regalbretter standen angelehnt in der Ecke und warteten darauf, von Elena eingebaut zu werden. Ein großer Tisch mit zwei Monitoren darauf und zwei Computern darunter ließ May neugierig fragen, wozu Elena sie nutzen würde.
„Ich mache Webdesign, erstelle Homepages… Internetkram, alles, was anfällt“, antwortete diese.
Das fand May interessant. Das würde sie sich in den nächsten Tage genauer erklären lassen. Sie wollte mehr über Elena, von Elena erfahren.
May versprach, am nächsten Morgen wieder vorbei zu schauen, um beim Ausräumen und Einsortieren der Bücherregale zu helfen. Sie freute sich sehr darauf, sie mochte Bücher, wenngleich sie nun elektronische Lesegeräte vorzog, bei denen sie die Schrift um etliches größer und für sie lesbar einstellen konnte.

Flashback

Am nächsten Tag hatten sie gemeinsam die Regale gefüllt – sortiert nach Autor, Genre und Farbe, wie sie immer wieder kichernd betonten. Es sah schon sehr sophisticated aus. Zur Mittagszeit machten sie eine kurze Pause, waren hinüber in Mays Wohnung gegangen, hatten Gemüsecurry gegessen, das May schon am Vorabend vorbereitet hatte. Elena warf einen sehnsüchtigen Blick auf die Video-Sammlung und den übergroßen Bildschirm in Mays Wohnzimmer.
„Ich habe schon ewig keine Filme mehr geschaut“, meinte sie. „In der WG, in der ich bis vor ein paar Tagen noch wohnte, gab es nur den einen Monitor und meist haben die anderen Krimis geschaut, die mich nicht interessieren. Ich hab dann oft in meinem Zimmer am Computer Serien gestreamt. Aber dieser kinogroße Bildschirm hier ist ja der Hammer!“
„Ist kein Problem“, meinte May. „Wir können uns jederzeit verabreden und hier Filme schauen. Warum ich nicht ins Kino gehe und dieser Bildschirm so absurd groß ist, kannst du dir ja denken“, lachte sie.
Elena strahlte und fragte: „Zwei Fragen: Chips oder Popcorn? Und Wann?“

Sie gingen zurück in Elenas Wohnung, um die letzte Kiste zu leeren und die Bücher einzuräumen. Es waren durchweg politische Bände: unter anderem Das Kommunistische Manifest, die Mao-Bibel, das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, Die verlorene Ehre der Katarina Blum – und ein dicker Wälzer von Karl Marx, der auf 800 Seiten das Kapital verdammte.

Dann fragte May, ob ihr Elena zeigen mochte, was sie an den Bildschirmen anstellte. Sie zogen sich zwei Stühle an den Arbeitstisch und steckten die Köpfe zusammen. Elena zeigte ihr, wie sie Webseiten „unten drunter“ gestaltete, welchen HTML-Editor sie nutzte, welche Funktionen sie gerne einbaute und wie sie ihren Server eingerichtet hatte. Warum Barrierefreiheit für die Webseiten wichtig ist, musste sie gerade May natürlich nicht erklären. May war fasziniert. Ihre eigene PC-Anlage, mit der sie für ein Verlagshaus Übersetzungen schrieb, hatte sie völlig anders aufgebaut und konzipiert und nutzte andere Software. Mitten in die spannende Unterhaltung hinein, klingelte Elenas Telefon.
„Ein Kunde“, wisperte sie May zu und vertiefte sich in das Gespräch.

May stand auf und holte aus der Küche zwei Gläser mit Wasser für sie beide. Elena nickte ihr dankbar zu, während sie gleichzeitig telefonierte und etwas in die Tastatur eingab. Endlich war das Telefonat beendet.
„Sekunde, ich muss das mal eben hochladen“, sagte sie zu May.
Und dann fluchte sie leise, während sie tippte und Daten eingab: „So eine Krampe! Ist zwar ein Kunde und von dem Job hier kann ich mindestens eine Monatsmiete bezahlen, aber so eine vertrackte Vogelkacke noch eins, ist der arrogant und herablassend! Und dabei sieht er so verdammt gut aus und reich ist er anscheinend auch.“
May kicherte, als sie ihre Nachbarin so vor sich hin schimpfen hörte.
„Was meinst du, sollte ich sein Angebot annehmen und ihn heiraten? Dann müsste ich solche albernen Webseiten nicht mehr machen. Dabei stehe ich nicht mal auf Männer.“ Elena sah bei diesen Worten kurz zu May hinüber, die nun wieder neben ihr saß, aber die hob nur grinsend ihre Schultern.

Elena lud die fertige Arbeit hoch und holte sie auf den Bildschirm.
Und May stockte der Atem.
Das Gesicht, das fast den gesamten Bildschirm ausfüllte, kannte sie.
Und sie hasste es.

Ein sexy Millionär in tödlicher Gefahr. Sie müssen sich entscheiden, Ladies! Wollen Sie mich retten?“ lief nun in großen Lettern von rechts nach links über das Bild.

Elena hatte aus den Augenwinkeln gesehen, wie sich May plötzlich versteifte und nun blass und starr auf die Homepage starrte.

„Du kennst den Mann!?“, stellte sie fest.

Peitsche und Zuckerguss

May nickte. „Dieses Arschloch hat mein Leben zerstört“, sagte sie tonlos.
Elena sagte nichts, sah sie nur aufmerksam an, ob sie weiter sprechen würde. May fühlte sich nicht gedrängt. Hätte Elena nachgebohrt, hätte sie vielleicht alles abgewiegelt, wie sonst auch, und gesagt dass doch eigentlich nichts Schlimmes passiert war, damals. Und es ihr gut ginge.
Es ging ihr überhaupt nicht gut.
Stockend begann sie zu erzählen – und als wäre ein Damm gebrochen, sprudelte endlich alles aus ihr heraus, bis sie meinte, keine Wörter mehr zu haben.

Als sie fertig erzählt hatte, begann sie am ganzen Körper zu zittern. Elena, die neben ihr saß, nahm sie fest in die Arme und May begann leise zu weinen, weinte und weinte. Mit den ausgesprochenen Wörtern war sie endlich das Gedankengift losgeworden, nun spülten die Tränen die letzten Reste aus ihr heraus.

„Ich bin so müde“, murmelte May schließlich in Elenas Schulter.
„Möchtest du hier schlafen?“, fragte Elena leise.
May schüttelte den Kopf, sie wollte nur noch in ihr Bett. Aber nicht allein, sie wollte… sie hob den Kopf. Elena sah sie aufmerksam an und sehr liebevoll. Sie wischte mit dem Daumen über die Tränenspuren in Mays Gesicht und strich ihr dann eine Locke hinter das Ohr. Elenas Hand glitt zart an Mays Hals entlang und blieb warm und irgendwie unschlüssig auf ihrer Schulter liegen.
„Kommst du mit rüber?“, fragte May. „Ich mag nicht alleine sein, nicht hiernach.“
Die Antwort blieb einen Atemzug lang aus, als hätte Elena nicht mit dieser Frage gerechnet. Beinahe ungläubig sah sie May an. Dann nickte Elena langsam und zog sie noch einmal fest an sich.

Und als wollten sie und May sich nie wieder loslassen, standen sie Arm in Arm auf und gingen in Mays Wohnung hinüber. Selbst beim Aufschließen der Wohnungstür hielten sie Körperkontakt. May kam es vor, als sei Elenas Hand ihr Anker in dem Nebel, der ihr das Denken erschwerte. Sie konnte nur noch fühlen und sie ließ Elenas Hand nicht los.

Sie schaffte es noch, die Schuhe abzustreifen, als sie eintraten in das Dunkel des Flurs. May brauchte kein Licht, und Elena hielt ihre Hand und folgte ihr blind. Sie gingen ohne Umwege in ihr Schlafzimmer, der aufgehende Mond schien durch das Fenster herein und tauchte den Raum in ein angenehm dämmeriges Licht.
May kroch angezogen auf ihr Bett und zog dabei Elena, deren Hand sie immer noch hielt, neben sich. Sie lagen sich gegenüber, einander zugewandt. Und dann näherte sich Elena ihrem Gesicht, und ihr Mund fragte, und May hatte noch nie eine Frau geküsst und sie wusste, gleich würde sie geküsst werden, wenn sie das auch wollte, und ja, sie wollte, und küsste zurück.

Das Kapital

Sie hatten nicht sehr viel Schlaf bekommen in dieser Nacht. May und Elena waren am nächsten Morgen sowohl euphorisch als auch müde. Sie duschten sich gemeinsam wach, in Mays Badezimmer und fanden heraus, wie sich trockene Haut von nasser beim Erkunden ihrer Körperlandschaften unterschied. Sie saßen anschließend in Handtücher gewickelt dicht nebeneinander in Mays Küche, bei einem Frühstück, das sie sich aus den Resten vom Vortags-Chili gebastelt hatten und tranken Tee.
Sie schwiegen, aber es war keine unangenehme Stille, wie sie entsteht, wenn Leute sich nichts zu sagen haben, aber krampfhaft nach einem Gesprächsthema suchen. Es war ein einvernehmliches Schweigen und es fühlte sich gut an.
Elena sagte schließlich: „Ich möchte nicht gehen, aber ich muss gleich noch einige Auftragssachen abarbeiten.“
Kurze Zeit später war sie gegangen. Sie würde heute Abend zum Film-Schauen vorbei kommen, hatten sie verabredet.

May rubbelte die Haare trocken und zog sich im Schlafzimmer an. Der Raum roch noch leicht nach Elena, fand sie und ihr fiel ein, das nach der sympathischen Stimme neulich im Hausflur – war es tatsächlich erst ein paar Tage her? – ihr dies als erstes aufgefallen war. Nein, korrigierte sie sich schmunzelnd, zuerst hatte sie die Arme gespürt, die sie bei ihrem Stolpern aufgefangen hatten. Und ihr war, als würde sie diese noch immer an ihrem Körper fühlen … und die Hände, die so… May schüttelte die Erinnerung ab. Dafür war später noch Gelegenheit.

May schaltete das Radio an, während sie die Tassen spülte. Drei Takte später verklang die Musik und in den Lokalnachrichten wurde der neueste Tratsch erzählt. Sie horchte auf, als der Name Chris van Toren fiel, der sich anscheinend mit einem ihr unbekannten Filmsternchen verloben wollte. Eine weitere Person, die er zugrunde richten würde, dachte sie bitter. Aber eigentlich ging sie das gar nichts mehr an.
Sie wollte ihn aus ihrem Kopf heraus haben, zu lange hatte er ihr unterbewusstes Denken bestimmt. Und sie hatte alles in sich hinein gefressen – bis gestern. Der Ausbruch hatte gut getan, fand sie. Sie wollte all den seelischen Druck, der sich angesammelte hatte, irgendwie loswerden.

Sie begann, diesen Satz an ihrem PC in ihr Tagebuch zu schreiben und schrieb statt ‚Druck‘ das Wort ‚Dreck‘. Sie schmunzelte nun doch und stellte sich vor, wie sie den Dreck zusammenschob, mit beiden Händen zu einem schmutzigen Schneeball formte und ihn Chris an den Kopf warf. Bis er merkte, dass er mit seinem Geld nicht alles kaufen konnte.
Symbolisch würde sie damit ihre Situation, an der sie nicht Schuld gewesen war, wie sie nun wusste, auf ihn zurückwerfen können. Es würde helfen, ihr Trauma endgültig aufzuarbeiten.

In ihr reifte eine Idee. Aber das wollte sie mit Elena besprechen. Sie schickte ihr eine E-Mail.

Bereits mittags trafen sich die beiden Frauen wieder. Bis zum Abend war es nun doch zu lange hin, fanden sie. Allein die paar Stunden, die sie seit morgens getrennt waren, kamen ihnen wie Ewigkeiten vor. Sie ließen sich aus zeitlichen Gründen Pizza liefern, denn es gab etliches zu besprechen.

Elena hatte inzwischen auch aus anderen Quellen von der Verlobung gehört. Sie war drauf und dran, den Auftrag von Chris abzulehnen.
„Warte noch damit“, bat May sie und berichtete von ihren Überlegungen. Elena begeisterte sich sofort für die Idee. Und dann schmiedeten sie abstruse Pläne, die sie verwarfen und konkretere Pläne, die durchführbar waren und schließlich hatten sie eine Strategie für May konzipiert, wie sie dem Badboy Chris symbolisch sein Kapital an den Kopf werfen konnten.
Elena hatte die Idee des Werfens aufgegriffen und in wenigen Stunden ein einfaches Game entwickelt, bei der Dinge geworfen werden konnten. Bei dem Begriff ‚Kapital‘ hatten beide sofort an den Wälzer denken müssen, den sie am Vortag in das Bücherregal eingeräumt hatten.

Sie grinsten sich verschwörerisch an. Revenge is a dish best served cold, sang eine Stimme im Radio – sie wollten keine Rache ausüben, nur ein Trauma aufarbeiten und ein angeknackstes Selbstwertgefühl richten. Aber dies würde auch jede Menge Spaß machen, dessen waren sie sich sicher.

Das Ende ist ein Neuanfang

Sie spielten den ganzen Nachmittag, und May gelang es zunehmend besser, das flitzende Grafikmännchen, das entfernt an Chris erinnerte, mit dem Kapital-Buch zu bewerfen. Es machte ihr Freude und erleichterte tatsächlich, wie May feststellte. Umso mehr, da bei diesem Spiel tatsächlich niemand ernsthaft zu Schaden kam.

Dann hatte Elena eine Idee, die eigentlich zu absurd war, um zu funktionieren. Warum es dennoch ein Ereignis in den Internetmedien werden sollte, bleibt wohl eines dieser Geheimnisse, die niemand voraussehen kann, geschweige denn, sie steuern. Sie würden dieses Spiel, das sie mit May entwickelt hatte, auch anderen Menschen zur Verfügung stellen und ganz legal zum Download anbieten.

Eine Woche später. Elena öffnete die Homepage und zeigte May, was sie dort installiert hatte:
The Game of Throws and Blahs
(Das Spiel von Wurf und Frust)
Der Introtext lautete:
Ich bin ein Kapitalist und ein Badboy. Ich brauche Kapital. Bewerft mich mit Kapital, jederzeit. Wer mich trifft, bekommt eine Überraschung.
Machen Sie sich bewusst, dass das System schlecht ist, nicht Sie, und bewerfen Sie die Missetäter*innen solange mit dem Kapital, bis es ein Umdenken gibt.
Darunter waren Angaben über Wurfgegenstände, Punkte und Spielebenen aufgeführt. Es sah sehr ansprechend und verlockend aus. Das pixelige Grafikmännchen, das nur noch entfernt an Chris erinnerte, hüpfte wie ein Moorhuhn über den Bildschirm und in der Endphase konnten dicke Bücher mit der Aufschrift Kapital nach ihm geworfen werden.

Elena nutzte ihre Internetkontakte, um das Spiel, das sie nun online gestellt hatte, bekannt zu machen und open source zu verbreiten. Es ging innerhalb kürzester Zeit viral. Es wurde allein in der ersten Woche sechs Millionen Mal heruntergeladen.

Elena bekam eine Menge lukrativer Angebote und konnte darauf verzichten, ungeliebte Arbeiten anzunehmen. Wenn Geld übrig war, spendete sie es anonym an Hilfs-Organisationen und Frauenhäuser.
May hatte ihre traumatischen Erlebnisse inzwischen in einer Therapie aufgearbeitet. Sie konnte wieder vertrauen. Und sie konnte wieder lieben. Wie es mit ihr und Elena weiter ging – das würden sie gemeinsam herausfinden. Die Zukunft war noch weit entfernt. Und jeder Tag gemeinsam war ein Wunder für sich.

Hintergündiges

CN: Missbrauch (Psychoterror), Verrat, Lesbische Liebe, Sex, LGBTQ, Kapitalismus, Behinderung, Essen (#food).

Diese Geschichte ist quasi aus Versehen entstanden.
In einem Twitterbeitrag von buecherbombe alias
@antje_bremer wurde mittels Klappentext-Bullshit-Bingo gefragt, welche hohlen Phrasen und Formulierungen in Klappentexten Lesende dazu bewegen würden, ein Buch genervt wieder wegzulegen.
Und dann hat @karlabyrinth einen Covertext verfasst (um zu zeigen, dass ein Buch nicht nach dem Klappentext beurteilt werden sollte und der Inhalt positiv überraschen kann), der mich spontan zu dieser Story inspiriert hat und wir haben die Story zusammen gesponnen (Sensitivity reading und Korrekturen by karlabyrinth).

Nachtrag

7. Juni 2020: Inzwischen hat auch karlabyrinth seren Text dazu fertig, der mit 116 PDF-Seiten ein richtiger Roman geworden ist:
Die Haptik der Wände (www.karlabyrinth.org/stories/).
Es ist ein unglaublich gutes Werk geworden, das sey sich da erdacht hat, mit der gesamten Palette an Gefühlen, sehr nerdig und klug, witzig, vielschichtig und sowohl erotisch als auch romantisch. Eine richtige Herzgeschichte, die zu lesen ich wärmstens empfehle! Sey wird die Novelle noch einlesen, ich wollte dies hier bereits als Ankündigung und Anregung vermerken, denn auch die Hörfassungen serer Texte sind bemerkenswert.

Danke an alle Beteiligten, es hat ziemlich Spaß gemacht, dies hier zu schreiben.

Und ein Hinweis in eigener Sache: vieles kann ich nur authentisch schreiben, wenn ich es selber erlebt habe. In diesem Text ist einiges, was ich nur versucht habe, ähnlich zu empfinden. Daher kann es sein, dass ich manches fehlinterpretierte und dadurch den Lesenden ein schlechtes Gefühl gebe. Dies ist auf keinen Fall beabsichtigt. Der Text soll Freude bereiten, weiter nichts. Schreibt mir bitte, wenn euch etwas stören sollte, was ich übersehen haben könnte.

Audiofassung

Die Story, von mir eingelesen, etwa 24 Minuten Hörbuch.

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