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Rattarium  

Der Weg zu mir

Aufdruck T-Shirt: My Gender Is Cute Darf ich das?
In meinem Alter?
Und immer wieder: Was bin ich?
Wieso jetzt?
Außerdem kann das doch gar nicht sein.
Ich hätte das doch eher merken müssen, oder?
Andere wissen das doch schon als Kind.
Und nun erinnere ich mich. Stück für Stück.
Langsam, ganz langsam weichen all die Verdrängungen.

Natürlich wusste ich es nicht, als ich Kind war. Ich hatte damals keinen Namen dafür. Ich lebte in einer binären, heteronormativen Welt.
Ich war jedoch nicht normativ, nie.
Es ist, als ob ich mit Beginn der Pubertät einen Teil meiner Persönlichkeit weggesperrt hätte. Die einstudierte Rolle war so perfekt, dass ich sie mir selber geglaubt habe. Das bisschen Unbehagen, wenn ich mal wieder in keine Kategorie passte (Sarkasmus), ich konnte es nicht benennen, was mich gestört hat, habe mich angepasst. OK, ich habe es versucht, es passte aber nie.
Diesen Teil wieder entdeckt zu haben, ihn zulassen zu können, ist eine Erleichterung, die kaum mit Worten zu beschreiben ist. Es fühlt sich an, als sei ich nun wieder ganz.

Mir fiel eben eine metaphorische Beschreibung dafür ein: Als wäre ich ein Rind, dem in frühen Jahren die Hörner ausgebrannt wurden. Nun sind mir wieder welche gewachsen. Für andere vielleicht unsichtbar, und doch sind da welche, ich trage sie aufrecht und mit Stolz. Ich bin wieder vollständig. Ich bin immer noch ich und doch endlich auch wieder der andere, der ich eigentlich schon immer gewesen bin.

Meine früheste Erinnerung ist mit fünf Jahren, als ich zu einer großen Familienfeier in ein dünnes Kleidchen gezwungen wurde, während ich lieber Hosen angezogen hätte. Gummistiefel, Hosen, auf Bäume klettern, durchs Moor stromern, auf der Suche nach Abenteuern, das war meine Welt, als ich Kind war.
Wie oft hörte ich, an mir sei ein Junge verloren gegangen, würde mich benehmen wie ein Gassenjunge. Selbst zu meiner Konfirmation, bei der alle Mädchen Röcke und Kleider trugen, hatte ich eine lange schwarze Samthose an. Ich hatte Kleider, ja. Heute weiß ich, dass ich versuchte, einem Bild zu entsprechen, das ich niemals ausfüllen konnte. Ich ging in die Oper mit Hochsteckfrisur, Highheels und langem Rock, es fühlte sich so unglaublich falsch an. Mich auf Feiern in Kleidern zu bewegen, mich zu schminken, fühlte sich immer nach Verkleiden an. Das war nicht ich, das war Kostüm. Ich rauchte Pfeife, hatte einen Schlips und trug ihn zu einer Latzhose. Ich kann auf Fingern pfeifen und im Stehen pinkeln. Oft wurde ich deshalb als junger Mann angesprochen. Auch heute noch passiert es mir dauernd am Telefon, dass man mich mit Guten Tag, Herr W. begrüßt. Es sind nur Spitzen, alles aufzuzählen würde ein Buch füllen.
Wie hatte ich das alles nur vergessen/verdrängen können?

Selbst als sich Bekannte, die meine Geschichten lasen, wunderten, warum ich zunehmend aus der Sicht von eher männlichen Personen schrieb; selbst als ich mir eine imaginäre „Girlfriend“-Freundin erträumte; selbst als ich meine sexuelle Orientierung infrage stellte – ich realisierte nicht, was mein Problem sein könnte.
Mit der Erkenntnis, queer zu sein, kam der mentale Zusammenbruch. Nein, nicht nur einer, es waren schon noch ein paar, emotional sehr heftige Abstürze.
War mein bisheriges Leben eine einzige Lüge? Was bin ich?
Langsam erforschte und probierte ich aus, ich zu sein, gestand mir meine Art zu, wie ich mich beim Gehen bewegte. Das war der erste Schritt, im wahrsten Sinn des Wortes. Diese Erleichterung bereits, mich allein bei dieser Kleinigkeit nicht mehr verstellen zu wollen oder zu müssen.

Mit meinem Körper verbindet mich eine Hassliebe. Nun darf er Dinge tun, die ich bisher vehement verboten hatte. Frauen rasieren sich die Beine. Ich nicht mehr. Es fühlt sich gut an. Auch die Haare am Kinn dürfen nun wachsen (yay, Bart! yay Nassrasur!). Meine Stimme darf so tief klingen, wie sie sich nun einmal anhört. Der Hebel wurde im Kopf umgelegt.

Nach außen hin hat sich also nicht so viel geändert (siehe die Metapher vom Rind und unsichtbaren Hörnern). Mein Umfeld hatte mich seit meiner Kindheit in Teilen meist so akzeptiert wie ich war (auch wenn ich mich selber nicht immer erkannt hatte), deshalb war der Druck, im berüchtigten falschen Körper zu stecken, kaum vorhanden.

Ich schrieb, es hätte sich nicht viel geändert – und doch ist nun alles anders. Ich bin bei meiner engeren Familie ge-outet. Trage mit pride mein T-Shirt mit Aufdruck: My Gender is Cute oder Are you a boy or girl – sometimes. Habe ein völlig anderes Körpergefühl. Auch wenn ich mich manchmal noch wundere, wen ich da im Spiegelbild sehe – wenn ich mit geschlossenen Augen in mich hineinhorche, dann ist da ein anderer Mensch. Der Körper hat andere Umrisse, ich bin jemand anderes, und doch nichts weniger als ganz und gar ich selbst.

Eins ist sicher: ich bin keine Frau! War ich nie.
Ich bin aber auch kein Mann, nicht im eigentlichen Sinne, wenn auch zu großen Teilen. Es ist ein Kaleidoskop von etlichen Geschlechtszuständen, die zudem oft wechseln, genderfluid sind. Mein Pronomen ist nicht länger sie/ihr sondern „em“, wie im englischen „me“ für „mich“.
Mein Geburtsname ist zwar ein anderer, aber ich bin Kián KoWananga.
Und egal, wie ich für euch aussehe: Mein Geschlecht ist nicht-binär.

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