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Rattarium  

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Bottled

9.00 Uhr. „Hallo! Ich bin die Neue“. Händeschütteln. Namen werden genannt und gleich wieder vergessen. „Hier ist Ihr Kittel. Kommen Sie, Ich zeige ihnen ihren Arbeitsplatz. Verlaufen Sie sich nicht.“
10:00 Uhr. Enge Räume. War ich hier schon einmal? Hier bin ich fertig.
13:00 Uhr.Pause jetzt. Nein, der linke Gang. Ein winziger Innenhof. Eine Pflanze – hier im kleinen Patio? Ein Benjamin, glaube ich. Oh! Ein Nashornkäfer! Krabbelt behäbig schwarzglänzend die dürren Äste entlang. Im nächsten Moment sind nur noch Chintinsplitter übrig.
Ein Tier duckt sich tiefer in die Blätter. Sieht mich an aus beweglichen Chamäleon-Augen. Schuldbewusst? Echsenaugen in einem Kuschelteddykörper, Hände wie ein Koala. Was bist du denn für einer, denke ich. Sage ich laut: Nashornkäfer sind selten. Wieso hast du den kaputt gemacht? Das Tier antwortet! Mit rauher Stimme mault es: “Ich doch nicht!“ und versucht die kleine Pfote, an der noch Käferpanzerteile kleben, an seinem braunen Fell abzuwischen. Du kannst reden, sage ich zu ihm. Tiere können nicht reden so wie wir. „Tschuldigung,“ mault der Kleine, „bin wohl etwas heiser. Halsschmerzen“.
Entschließe mich, das Wesen zu Tierarzt zu bringen. Mein neuer Freund ist nicht begeistert. „Mach das nicht“, warnt er krächzend.
Beim Tierarzt. Der Mann wartet. Ich will ihm den pelzigen Patienten geben, doch ich halte nur eine Plastikfigur in den Händen. Kaltes Plastik, kein Fell – nur gepresster Kunststoff, die Augen starr, keine Stimme. Ein unbelebtes Spielzeug. „Ich habe mich geirrt, verzeihen Sie“ sage ich und eile aus der Praxis. „Siehst du!“ brummt das seltsame Tier auf meinem Arm und scheint trotz seiner Halsschmerzen sehr zufrieden aber auch irgendwie beleidigt, als ich es wieder in seinen Fikus hänge. Ich gehe wieder zurück an meine Arbeit und versuche mich in den verzweigten Räumen zurechtzufinden.
17:00 Uhr. Feierabend. Hänge den Kittel in den Spind. Jacke, der rote Rucksack. Schuhe? Es stehen keine dort. Seltsam. Behalte meine Gummistiefel an. Trete aus der Tür. Gehe hinüber zum Parkplatz. Hier ist jetzt eine Art Flohmarkt. Nur noch drei, vier Reihen Autos ganz hinten an der Mauer. Wo habe ich das Auto heute morgen hingestellt? Ich kam doch mit dem Wagen? Ich erinnere mich nicht. In der Jackentasche der Autoschlüssel. Oder parkte ich in einer Nebenstraße?
Gehe zurück zum Haus. Dort fragen? Nein, zu peinlich. Hinter dem Haus ist eine riesige freie Fläche. Bauplatz. Stadtwüste. Sandhaufen. Dahinter ein Busbahnhof. Rutsche auf meinen Stiefeln die Dünenhänge hinunter. Das macht Spaß. Ein paar Meter neben mir surft ein Mann die gleiche Düne. Typ unrasierter Südländer. Fühle mich unbehaglich. Am Hangende lauern spitze grüne Flaschenscherben auf meine Sohlen. Spüre den Druck an der Sohle und die Blicke des Mannes. Er kommt näher. Ich muss hier weg.
Die Busse. Wohin fahren die? Gehe an den Haltestellen entlang bis zur Hauptstraße. Alles fremd hier. Wo ist mein Auto? Setze mich auf den Damm an der Straße. Ziehe die Jacke aus. Überlege. Der Mann könnte mich abholen. Oder doch den Bus nehmen?
An der Haltestelle sehe ich zwei Kolleginnen. Ob die Rat wissen? Ich greife meinen Rucksack und eile zu ihnen. „Ruf doch zuhause an“, meint die Rothaarige, deren Namen ich vergessen habe. Ich krame im offenen Rucksack nach meinem Handy. Ach, das wird in der Jacke sein. Ich lasse die Tasche stehen und gehe die paar Meter zum Wall. Die Jacke liegt nicht mehr da. Ich drehe mich um und sehe die beiden in ihren Bus steigen. Den Rucksack sehe ich nicht.
Zwischen Busbahnhof und dem Park/Marktplatz liegt meine Firma. Licht brennt in der Eingangshalle. Durch die Scheiben sehe ich meinen Chefs. Ich trete ein. „Wer sind Sie? Was wollen Sie? Nein, wir kennen Sie nicht. Seien Sie nicht albern, Sie arbeiten hier nicht. Gehen Sie!“ Nicht weinen, nur nicht weinen. Ich will doch nur heim. Wo ist mein Auto. Wo bin ich? Wer bin ich? Nein, ich kann mich nicht ausweisen. Ich weiß nicht wo meine Tasche ist. Weg. Alles ist weg. Alles weg! Alles.

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