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Findelschwein3

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3. Mehr Schweinereien

Früh am nächsten Morgen fuhr ich mit dem Ferkel zum Tierarzt. Zum Glück hatte der Sprechstunde an diesem Sonnabend. Er bescheinigte dem Schwein eine gute Gesundheit und gab einige Hinweise zu seiner Fütterung. Weiter meinte er noch, das Ferkel sei ungefähr 2 oder 3 Monate alt und sollte noch für ca. 3 Wochen seine Milch bekommen, aber es könnte auch schon mit fester Nahrung bekannt gemacht werden. Er versprach mir, sich umzuhören, ob einer der Bauern ein Ferkel vermisst. Aber ihm war auf Anhieb keiner bekannt, der schwarze Schweine züchtete. Wobei er nicht einmal ganz genau die Rasse bestimmen konnte, er meinte, es könnte sich vielleicht um eine Sattelschwein-Mutation handeln.
Was immer das auch heißen mochte.

Dem Schwein war es ziemlich egal, welcher Rasse es angehörte. Es hatte erstaunlich ruhig die Untersuchungen und Impfungen über sich ergehen lassen, aber nun wurde es ungeduldig. Zur Sicherheit hatte ich ihm ein altes Hundegeschirr mit Leine angelegt, damit ich ihn nicht die ganze Zeit schleppen musste. Auf dem Rückweg fuhr ich schnell noch Einkaufen und beim Landhandel vorbei, um mich mit Futter für die nächsten Tage einzudecken, denn wie es aussah, würde Kara noch eine Weile bei uns bleiben. Zum Glück hatte ich Artus mit im Wagen, der den kleinen Kerl mit seinem Körper wärmte, während ich einkaufte. Es war höchste Zeit, dass wir zurück ins Warme kamen.

Zuhause wartete Rieke schon mit einer fertigen Flasche auf uns. Sie hatte vom Bauern nebenan bereits die Milch geholt und sich auch sonst um alles gekümmert. Sie war mit ihren 13 Jahren eine echte Unterstützung. Das Schwein stürzte sich auf die Nahrung, als hätte es seit Stunden nichts zu fressen bekommen. Eigentlich hatte das ja auch nicht.

Inzwischen machte ich mir Gedanken. Das Schwein konnte nicht auf Dauer unser Bad blockieren. Für eine Weile würde es dort übernachten, es war der einzige Raum mit geheiztem Boden. Aber wenn es sich frei im Haus bewegen sollte, dann mussten wir es erziehen. Dass er recht clever war, hatte Kara schon bewiesen, und schließlich hatten sogar unsere Katzen die Regeln begriffen, ganz zu schweigen von Artus, der ohnehin fast Gedanken lesen konnte.

Rieke brachte die Flasche in die Küche und ich hockte mich zum Schwein. Beim Einkaufen hatte ich spontan eine Tüte Katzen-Milchdrops mitgenommen und vorhin in meine Tasche gesteckt. Ich holte sie hervor, öffnete und lies Kara schnuppern und einen probieren. Sein lautes Schmatzen und sein Grunzen sprachen für sich. Überhaupt schien dieses Tier ständig zu ‚reden‘. Die Geräuschpalette reichte von Grunzen über Quieken zu Geräuschen, die ich nicht benennen konnte.

Gut, die Drops schmeckten ihm, also zum ernsten Teil unserer Übung. Ich gab ihm weitere zwei oder drei Leckerli und sagte dabei jedes Mal in freudigem Tonfall seinen Namen und das Wort ‚ Komm‘, damit sich eine positive Verknüpfung dazu herstellte. Rieke gesellte sich wieder zu uns und auch sie bekam einige Drops in die Hand gedrückt. Ich brauchte ihr nichts zu erklären, sie kannte dieses Prozedere bereits von anderen Gelegenheiten und nickte mir zu.

Jetzt rief ich Kara beim Namen und sofort wandte er sich von Rieke zu mir bekam seine Belohnung. Dann war wieder Rieke an der Reihe: „Kara, KOMM“ zu rufen. Ein paar Mal noch ließen wir das Ferkel die Übung wiederholen dann war Schluss, genug für heute Vormittag. Wir würden das alle paar Stunden üben.
Mein letzter Milch-Drops ging für einen Versuch drauf. Als Kara zu mir getrabt kam, lies ich den Drops in der geschlossenen Faust. Kara konnte ihn riechen, kam aber nicht heran. Ich hob die Faust, die bisher vor seiner Nase war, über seinen Kopf. Automatisch ging sein kleiner Rüssel mit nach oben und sein Hinterteil nach unten. Perfekt. „Baaaav, SITZ“ lobte ich das sitzende Schwein und belohnte es. Dann ließ ich Kara an meinen geöffneten Händen schnuppern, um zu zeigen, dass ich keine Drops mehr hatte. Er ging bei Rieke nachsehen, hatte aber auch bei ihr kein Glück mehr. Leise vor sich hin quiekend und grummelnd machte er schnell noch seine Pfütze auf die Zeitung und verschwand dann im Schweinebett. Wir hörten kurz darauf leise Schnarchtöne. Ein erstaunlich gelehriges Tier.

Doch schon eine Stunde später war der Schweinebraten wieder wach und ich hörte ihn im Bad mit dem Ball kämpfen, den Rieke dort für Kara bereitgelegt hatte. Dieses Kind dachte wirklich mit. Das Telefon klingelte mich aus meiner Gedankenwelt, Bernd war dran: „Marion, ich wollte nur kurz Bescheid sagen, dass es heute später wird.“ Diese Anrufe gehörten fast schon zur täglichen Routine, als Polizist hat man eben nicht immer Dienst nach Stempeluhr. Ich wusste das, aber würde mich wohl nie daran gewöhnen.

Nach dem Mittagessen fuhr ich mit meiner Nachbarin Julia zur Dorf-Bücherei, um alles Wissenswerte über Schweine nachzulesen. Julia hatte den Schlüssel für die Räume. Sie war früher Lehrerin gewesen und hatte sich nach ihrer Pensionierung weiterhin um die Bibliothek gekümmert. Julia war eine gute Freundin. Sie gehörte schon fast zur Familie. Sie lebte allein in dem kleinen Fachwerkhaus neben uns, ihr Mann war vor Jahren tödlich verunglückt und Kinder hatte sie nie gehabt. Artus bewachte ihr Haus gleich mit, für ihn gehörte Julia auch zu unserem Rudel. Sie fotografierte nebenbei und meine Tiere waren für sie schon oft lohnende Objekte gewesen. Ihre Bilder verkaufte sie mit gutem Erfolg an Kalenderhersteller und Zeitschriftenverlage.

Ich schmunzelte immer noch über ihr verdutztes Gesicht von vorhin, als ich bei ihr wegen des Schlüssels klingelte und von unserem neuesten Tier erzählte. Sie hatte sich kurz entschlossen Jacke und Kamera gegriffen und kam mit zu uns herüber. Leider schlief unser junger Gast schon wieder, deshalb aßen wir schnell eine Kleinigkeit und fuhren dann los.

„Du wirst das Ferkel wohl nicht im Tierheim abliefern?“ fragte sie rein rhetorisch. Sie kannte mich sehr genau. Im Tierheim hätte keiner richtig Zeit gehabt, sich um das Baby zu kümmern und wer weiß, ob die dort auf Schweine eingerichtet waren. „Warum gibst du es nicht dem Harms, der hat doch Schweine, oder?“ Ich parkte den Kombi vor dem Schulgebäude, wo auch die Bücherei untergebracht war. Wir sahen uns an. Und zur gleichen Zeit schüttelten wir die Köpfe. „Ich weiß“ sagte sie lachend „du willst nicht, dass es geschlachtet wird.“ Sie kannte mich wirklich gut.

Wir fanden tatsächlich einige Bücher über Schweinehaltung und ich machte mir Notizen. Bisher hatten wir alles richtig gemacht, nur wie man ein Schwein in der Wohnung hält, war nicht zu erfahren. Typisch, die wirklich wichtigen Sachen fand man nie in Büchern.
Julia liebte Tiere, hatte aber keine eigenen, doch sie verstand mich. Ich war ihr dankbar, dass sie nicht fragte ‚Was willst du denn mit einem Schwein?‘ oder ‚Hast du dir mal überlegt, wie es weitergeht, wenn das Tier größer wird?‘. Was hätte ich ihr auch antworten sollen. Ich plante nie soweit voraus, denn meistens kommt es doch alles anders, das hatte mich das Leben gelehrt.

Wir hatten herausgefunden, dass Schweine Süßes lieben.
Das die Bücher recht hatten, fanden wir bestätigt, als wir wieder das Haus betraten. Artus hatte wohl seinen schweinischen Freund besuchen wollen und hatte die Badezimmertür aufgemacht. Artus bekam alle Türen auf. Und dann hatten das Ferkel und er die Küche erkundet. Vielleicht hätte ich die Tüten mit den Einkäufen nicht auf den Fußboden stehen lassen sollen. Vielleicht hätte ich zumindest die Tüte mit den Schokokeksen wegräumen sollen.

Julia und ich standen fassungslos vor dem Anblick des Chaos, der sich uns bot: die Einkäufe lagen über dem gesamten Fußboden verstreut, einige Tüten waren angeknabbert, und ein sehr schuld bewusster Artus drückte sich eilig an uns vorbei ins Freie. Endlich bemerkte uns auch das Schwein und fröhlich kam es auf uns zu galoppiert, um uns voller Wiedersehensfreude mit seinen Schokorüssel die Hosenbeine zu stempeln.
„Schweinerei!“ dachte ich.

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