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Findelschwein4

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4. Adventszeit

Geistesgegenwärtig hatte Julia ihre Camera hervorgeholt und ein paar Bilder geschossen. Dann aber half sie mir, Kara wieder ins Bad zu sperren und diesmal schloss ich die Tür ab. Gemeinsam räumten wir in der Küche auf. Als wir fertig waren ging Julia heim und ich unter die Dusche. Das heißt, ich wollte gehen, aber die Zwillinge blockierten das Bad oben, sie wollten später auf eine Party. Dass es bei mir im Laufe der Jahre immer länger dauerte, bis ich mich geschminkt hatte – schließlich konnte ich mir keinen eigenen Stuckateur leisten – das war einigermaßen verständlich, aber wieso 17-Jährige Stunden damit verbrachten, wollte mir nicht ganz einleuchten. Resigniert nahm ich meine Sachen und ging hinunter, um im Schweinestall zu duschen. Kara schlief tief und fest nach all seiner ‚Arbeit‘. Ich zog mich aus und stellte mich unter den warmen Strahl. Ah, das tat gut.

Ich war gerade dabei, mir den Schaum aus den Haaren zu spülen, als ich einen Luftzug spürte. Sehen konnte ich nichts, ich hatte die Augen geschlossen, damit ich keine Seife hineinbekam. Ich lauschte, hörte aber nichts, außer dem Prasseln des Wassers. Meine Nackenhaare stellten sich auf. Ich musste an Hitchcock denken und die Dusch-Szene mit dem Messer und der schrecklichen Musik. Im nächsten Moment berührte etwas Warmes mein Bein…
Es dauerte einige Zeit, bis ich realisiert hatte, dass ich mit einem Schwein unter der Dusche stand.
In den nächsten Wochen hatte ich also Gesellschaft, wenn ich die Dusche im Erdgeschoss benutzte. Kara liebte Wasser und genoss diesen Luxus, bis er Monate später einfach zu groß für die Kabine geworden war.

Die nächsten Tage waren noch sehr aufregend, sowohl für Kara, als auch für uns. Aber irgendwann wird aus allem Neuen Alltag und wir gewöhnten uns Tag für Tag mehr aneinander. Kara war sehr lernbegierig und Rieke und ich wetteiferten darin, ihm immer neue mehr oder weniger nützliche Dinge beizubringen. Schwieriger war es, ihm einiges abzugewöhnen, da konnte Kara stur sein, wie ein Schwein. Dass wir Lebensmittel nicht herumstehen lassen durften, hatten wir ja schon gelernt, aber dass der Müll auch gesichert werden musste, war eine weitere sehr üble Erfahrung. Zum Glück war Kara vom ersten Tag an stubenrein und benutze seine Zeitungen und später dann eine Ecke im Garten. Schweine sind eigentlich sehr reinliche Tiere.

In unserem Esszimmer hatten wir unter anderem Grünzeug auch eine Palme zu stehen. Ich weiß gar nicht mehr, wer uns damals dieses Pflänzchen schenkte, aber im Laufe der Jahre war aus dem zarten Setzling ein botanischer Gigant geworden. Sein ebenso gigantischer Blumenkübel stand auf einem Rollwagen, damit wir ihn in der warmen Jahreszeit raus auf die Terrasse rollen konnten. Es war Erde in dem Kübel. Schweine lieben Erde. Es war ihnen geradezu ein Bedürfnis, mit dem Rüssel in der Erde zu wühlen. In der freien Natur machte das womöglich Sinn, aber in unserem Kübel lebten mit Sicherheit weder Würmer noch anderes Getier, dass sich auszugraben lohnte. Nur um ganz sicher zu sein, ging Kara der Sache auf den Grund. Im wahrsten Sinne des Wortes. Ich wollte ja ohnehin seit längerem mal die Erde im Kübel wechseln. Zur Ablenkung schaffte ich einen Berg Tücher in sein Wohnklo und versteckte diverse Leckerchen im dem Haufen. Das Schwein war beschäftigt. Es war glücklich. Ich war glücklich.

Irgendwie entwickelte sich aus diesem Erlebnis ein Spiel: wir ersannen immer neue Verstecke für das Ferkel, dass mit seiner ausgezeichneten Nase Leckerchen oder Spielzeug in Schubladen oder unter Schränken finden musste. An etwas wärmeren Tagen ging ich mit dem Schwein kurze Spaziergänge machen. Nach den ersten erstaunten Begegnungen hatte sich das Interesse im Dorf gelegt und wir wurden zu einem vertrauten Anblick, die Frau mit dem schwarzen Schweinchen an der Leine, der blonde Labrador und eine unserer Katzen, die uns ebenfalls begleitete. Der ausgeprägte Geruchssinn unseres Schweinchens brachte mich auf eine Idee. An einem sonnigen Nachmittag im Dezember band ich Kara und Artus an einem Baum am Feldweg fest. Vor den Augen der beiden ging ich etwa 20 Meter in das abgeerntete Feld hinein, zog möglichst umständlich und auffällig die Tüte mit den Leckerli aus der Tasche und legte einige davon am Ende der Fährte ab. Dann ging zurück zu den Tieren.

Artus war zwar aufgeregt, aber da er kein Fährtengeschirr umhatte, wusste er, dass die Fähre nicht für ihn war. Ich machte Kara los und lies ihn am Boden schnuppern. Er orientierte sich kurz und folgte dann zielstrebig der Spur. In diesem Moment ahnte ich, was für Möglichkeiten sich für das Schwein eröffneten mochten. Es benahm sich, wie ein Hund, also würde es auch behandelt werden, wie ein Hund. Von den Tag an begann ich Kara in die Geheimnisse und Aufgaben eines Begleithundes einzuführen.

Es war also Ende Dezember geworden und Weihnachten rückte immer näher. Die Zwillinge hatten das Haus geschmückt, das war wieder etwas, dass Rieke und mir völlig abging. Zwei Tage vor Heilig Abend begannen die Ferien, und auch Bernd hatte endlich Urlaub. Langsam legte sich die Hektik der Vorweihnachtszeit. Bernd hatte einen kleinen Tannenbaum besorgt, den er am Morgen des Heilig Abend im Wohnzimmer aufstellte und mit seinen Mädchen zusammen in einen Christbaum verwandelte.
Bei uns im Haus wurde Weihnachten schon seit Jahren nach nordischer Tradition gefeiert, dass heißt, die Geschenke wurden erst am 1.Weihnachtstag ausgepackt. Eine weitere Familien Tradition war das Kartoffelpuffer-Essen am 24. Dezember. Auch die Tiere bekamen diesmal etwas ab, ich hatte dazu eine kleine Menge ungesalzene Puffer gebacken.. Julia kam wie jedes Jahr auch herüber und zusammen hatten wir jede Menge Spaß an unserem lebenden Schweinebraten, der sehr erstaunt schien, dass plötzlich ein Tannenbaum in unserem Wohnzimmer wuchs. Erfahrung macht klug und zur Nacht wurde das Wohnzimmer abgeschlossen. Es wäre ja gar nicht auszudenken, was mit dem Raum passiert wäre, hätte man Kara dort die ‚wilde Sau‘ spielen lassen. 😉

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