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Fredeke (2)

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Gästabetare (Gastarbeiter)

Fredeke stammte aus Djursdala am Juttern-See im schwedischen Småland, wo als letzte Verwandte ihre Mutter wohnte – wenn sie noch lebte. Ihre drei Geschwister waren glatt verhungert. Oder erfroren. Oder beides. Es war so ein langer, dunkler Winter gewesen. Der Vater war danach verzweifelt nach Amerika gegangen. Hatte einen einzigen Brief geschrieben, schreiben lassen. Der Pfarrer hatte ihn vorgelesen. Vater war in einer Stadt im Staat Iowa, den Namen konnte der Lehrer nicht mehr entziffern, die Ecke des Briefes war von Ratten angefressen worden. Wenn selbst die Ratten nichts mehr fanden, wovon sollten dann die Menschen leben?

Vom Vater hörten sie danach nichts mehr, und so hatte die Mutter die 16-jährige Fredeke mit dem Werber gehen lassen, auf drei Jahre in die Fremde. Im Süden, in Deutschland, suchten sie Arbeitskräfte. Sie wussten nicht, dass sich das Mädel hätte registrieren lassen müssen, um länger als ein Jahr bleiben zu dürfen, danach hatte sie automatisch die schwedische Staatbürgerschaft verloren. Der Arbeitsvermittler, der es hätte wissen sollen, hatte es ‚vergessen‘ zu erwähnen, und im Lübecker Hafen hatte er die nordländischen Passagiere auf den Märkten dargeboten wie – ja, das Vieh wurde nicht anders behandelt. Irgendwie war Fredeke dann hier im Dorf Ovensen gelandet. Harte Arbeit und schlechte Behandlung, aber wenigstens regelmäßig zu essen, Handgeld, und übers Jahr zu Pfingsten einen Rock, Schuhe und zwei Hemden.

Kärlek (Die Liebe)

Und sie hatte die Liebe entdeckt. Ihre Liebe. Ihren Hennig. Sohn des Nachbarn Hauwers. Das Butterfass schmatzte seinen Namen: Hennig, Hennig. „Hennig, Hennig“, rumpelte das Waschbrett und die Immen summten: Hennig Hauwersss, Hauwersss. Zurück nach Småland? Ja, später. Wenn sie Fredeke Hauwers hieß, der Mutter den stattlichen Gemahl präsentieren konnte. Ihren schönen Hennig mit den unanständig langen Wimpern, das Haar so schwarz wie Schuhwichse, die Augen grün wie die Fjorde im August. Und seine Hände – so sanft wie die eines Melkers. Hennig wollte sie aus der Knechtschaft beim Müller befreien, wollte sie zu seiner Frau machen, das hatte er ihr versprochen. Jede Nacht, in der sie sich heimlich treffen konnten, schwor er es ihr über das Kreuz.

Und nun würde er sie heiraten müssen. Bevor die Rundungen ihres Leibes offenkundig wurden, und der Müller sie womöglich in Schimpf und Schande vom Hof jagen würde. Heute Nacht, an ihrem heimlichen Treffpunkt bei der Scheune, da würde sie es ihrem Hennig gestehen. Und er würde sie küssen und drücken und … . Sie beugte sich tiefer über die Handarbeit, damit die Haube das Strahlen ihrer Augen versteckte und die roten Wangen sie nicht verrieten.

Endlich wurde es dunkel. Fredeke gähnte, stellte ordentlich das Stickzeug beiseite, verabschiedete sich von der Müllerin, die ganz klein und grau am Ofen saß, so geworden war in all den Jahren unter dem tyrannischen Müller, und ging zu ihrer Kammer. Doch an der Treppe trat Karl, der älteste Sohn des Müllers, aus dem Schatten, stellte sich ihr grinsend in den Weg und drängte sie an das Geländer. Dieses Auflauern war sein Ritual, seine Art zu spielen – in etwa wie Katzen mit Mäusen zu spielen pflegten, und Fredeke war es mehr als leid. Sie hatte neulich nachts unbedacht Hennig davon erzählt. Der war darüber so wütend geworden, dass sie ihn kaum beruhigen konnte. Er hatte ihr versprechen müssen, sich nicht unglücklich zu machen – mit einem Kuss besiegelt und beim Namen seiner toten Mutter – bald hätte das alles ja ein Ende, das sei es nicht wert. Doch bei ihrem letzten Treffen hatte er ihr ein sehr kleines, sehr spitzes Messer geschenkt – den Griff ebenso liebe- wie kunstvoll geschnitzt – gleichermaßen Werkzeug für ihre Handarbeiten und Waffe zu ihrem Schutze. Eben dieses Messerchen spürte Karl nun plötzlich an seinen Rippen, spitz und drohend, zum Zustechen bereit wie eine Wespe auf dem letzten Stück Apfelkuchen. „Fass mich nie wieder an!“ zischte Fredeke ihm ins Gesicht, tauchte dem Verblüfften unter dem Arm hindurch, huschte in ihre Kammer und legte den Riegel um.

Dieser frechen Hergelaufenen würde er es zeigen, das schwor sich Karl Orsbedreier. Doch jetzt noch nicht. Später – wenn er aus dem Wald zurück war – der Vater hatte ihm befohlen, einen Sonntagsbraten aus des Junkers Forst zu holen. Das musste zuerst erledigt werden, wollte er nicht den Jähzorn des Alten auf sich ziehen. „Aber dann, dann knöpfe ich mir die kleine Schwedin vor!
Karl grinste, was bei ihm dem Fletschen eines hungrigen Wolfes glich, zog die Branntweinflasche und das Bündel mit der Flinte aus der Kleidertruhe und trat vor die Tür. Dort warteten schon die drei Müllergehilfen. Er nickte ihnen zu und führte sie Richtung Wald.

 

Fredeke wartete ungeduldig, bis der Mond aufgegangen war, warf sich das schafwollene Tuch um und ging Richtung Schweinestall. Wenn sie jemand sah, würde sie sagen, sie müsse zum Abort. Der lag ja genau neben dem Stall, das würde nicht auffallen. An der Ecke sah sie sich noch einmal um – alles ruhig, nur das Wasser im Mühlgraben rauschte – und dann eilte sie den Pfad zum Holze entlang, zu der Lichtung am Heuschober, ihrem Liebsten, ihrer Zukunft entgegen.

Ihr Schritt stockte, als sie den Schuss hörte. Stimmen im Wald. Schreie, Rufen. Dann kamen Leute den Pfad von der Waldscheune herauf. Sie schob sich seitlich in das tiefere Dunkel des Mondschattens einiger Bäume und lugte vorsichtig und voller Ahnungen durch Laublücken der Büsche, um einen Blick von denen zu erhaschen, die genug Lärm verursachten, das Schlagen ihres Herzens zu übertönen, das ihr mindestens so verräterisch laut in den Ohren dröhnte, wie das Rad der Mühle bei Mahlbetrieb. Müllers Karl führte die kleine Gruppe an, ein paar andere Burschen vom Müllerhof folgten ihm. “‘Die waren wieder wildern‚, dachte Fredeke bei sich. Sie trugen etwas Großes, Dunkles in ihrer Mitte – oder sie schleiften es. Ein Reh? Doch nein, war das kein Reh. Das war ein Mensch. Das war – „HENNIG“ – sie schrie es gellend heraus mit dem Entsetzen der plötzlichen Erkenntnis in ihrer Stimme, und stürzte aus ihrem Versteck.

Doch da war Karl schon heran, stellte sich zwischen sie und ihren Geliebten, der sich ihrer und seiner nicht bewusst war und wie ein Schlachtschwein am Haken zwischen den Gesellen hing. Karl packte sie grob bei den Armen: „Da habe ich wohl den richtigen Bock getroffen, du Hure!“ Fredeke wusste nicht, was sie mehr anwiderte, sein Branntweinatem, oder die höhnisch gepressten Worte. Roh beiseite gestoßen, geschlagen, besiegt, willenlos, als wäre das Projektil – Blutgefäße, Muskelfasern und Knochenmasse zerfetzend – auch durch ihren Körper gedrungen, blieb sie kraftlos auf dem sandig-roten Weg liegen, der getränkt war von Blut, das aus dem waidwunden Hennig geströmt war, währenddessen die Männer die Mühle erreichten, den angeschossenen Jungen wie einen Sack Kartoffeln in die Kornkammer warfen und die Tür verriegelten.

– Ende Teil 2 –

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