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Findelschwein

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1. Schwein gehabt

Die Scheinwerfer des Viehtransporters versuchten vergeblich den dichten November-Nebel zu zerteilen. Es dämmerte bereits, war jedoch den ganzen Tag über nicht richtig hell gewesen und so ging das trübe Grau fast schon am Nachmittag in Nacht über. „November und Nebel“ dachte der Mann am Steuer, „nur noch diese Ladung Ferkel zur Mästerei bringen und es ist Wochenende.“

An der nächsten Ecke bog der Fahrer von der Landstraße auf die Kreisstraße ein. Nur noch wenige Kilometer bis zum Mastbetrieb und nach dem Ausladen wäre endlich Feierabend. „Eine kann ich noch“ dachte er und griff zum Päckchen Zigaretten auf dem Nebensitz. Als er wieder hochsah, war da dieses Auto mitten auf der Straße. Er bremste den LKW ab und kam fast zum Halten. Der Wagen vor ihm wollte links abbiegen, musste aber noch den Gegenverkehr durchlassen. Solange wollte der LKW-Fahrer nicht warten und versuchte vorsichtig rechts an dem Auto vorbei zu manövrieren. Vielleicht hätte er doch lieber warten sollen. Als er mit den Rädern auf den Seitenstreifen geriet, sackten diese tief ein. Der Regen der vergangenen Tage hatte den Grünstreifen aufgeweicht. Der Lkw bekam Schlagseite und kippte dann wie in Zeitlupe zur Seite. Kurz bevor sich der Mann den Kopf anschlug hörte er noch die verängstigte Ladung hinter ihm in Panik toben.

Es dauerte eine Stunde, bis die Feuerwehr alle Tiere wieder eingefangen hatte und in einem vom Mastbetrieb herbeigerufenen Ersatztransporter verstaut hatte. Sowohl die Ferkel als auch der Fahrer hatten den Unfall bis auf ein paar Beulen unverletzt überstanden. Die Unfallstelle wurde gesichert, morgen würde ein Kranwagen den LKW wieder auf die Straße ziehen und nur noch der auf der Seite liegenden Viehtransporter erinnerte an das Drama vom Nachmittag.

Von alledem hatte ich nicht viel mitbekommen, außer der Sirene für die Feuerwehr. Ich brauchte nicht auf die Uhr zu sehen, zwei Minuten nach dem letzten Heulton startete der erste Zug, gefolgt von einem zweiten, beide Richtung dorfauswärts fahrend. Wir hatten die schnellste Wehr der umliegenden Dörfer. Ich war gerade dabei, meinen Hund ins Auto zu verfrachten, um irgendwo draußen in der Feldmark eine lange Runde zu drehen, bevor es richtig dunkel wurde. Ich fuhr runter zum Wäldchen am Fluss und lief dort mit ‚Artus‘ den Feldweg entlang. Es wurde dann doch eine längere Tour. An der kleinen Holzbrücke verschnauften wir beide. Artus stürzte gleich runter zum Ufer, um seinen Durst zu stillen, um ich lehnte oben am Geländer um die Landschaft um mich herum zu bewundern. Der Nebel lag schwer auf den umliegenden Wiesen, ich konnte geradezu spüren, wie er aus dem Fluss heraufkroch. Von den Bäumen des Bruchs waren nur die Wipfel noch schemenhaft auszumachen und alle Geräusche waren irgendwie verfremdet und gedämpft.

Das Verhalten des Hundes riss mich aus meinen Betrachtungen. Irgendetwas unter der Brücke schien ihn zu beunruhigen und sein Blick zu mir herauf sprach Bände. Seufzend suchte ich mir einen halbwegs sicheren Abstieg und warf einen Blick in das Halbdunkel unter der Brücke. Zwei Augen, starr vor Angst sahen mich an. Zweifellos ein Tier. Ich befahl Artus ins Platz und ging vorsichtig näher an das Tier heran. Ein Ferkel! Kohlrabenschwarz von der Schnauze bis zum Kringelschwänzchen. Zitternd und außer Atem schnaufend, presste es sich an den feuchten Boden und mein Herz schmolz dahin. „Armer Bursche“ dachte ich und „Armer Bursche“ sagte ich leise zu dem Häufchen Unglück vor mir. Ich überlegte ‚hier draußen kann der kleine Kerl nicht bleiben, er würde die kühle Nacht nicht überleben. Und überhaupt, wo kam dieses Schweinebaby her? Weit und breit kein Haus, kein Hof.‘ Ganz langsam ging ich neben dem Ferkelchen in die Hocke und wunderte mich, warum es keine Anstalten machte, davonzurennen. Vermutlich war es einfach nur zu erschöpft.

Kurzentschlossen griff ich zu und steckte das Baby unter meine geöffnete Jacke. Das Tier war so verdutzt, dass es sich nicht wehrte. Die Wärme dort tat ihm gut und ich fühlte, wie es sich entspannte und den Kopf unter meiner Achsel vergrub. Also kämpfte ich mich die Böschung wieder hoch, pfiff nach meinem Hund und schleppte meinen Findling die 50 Meter bis zum Auto, während Artus aufgeregt um mich herumhüpfte. Ich öffnete die Beifahrertür und brachte das Kunststück fertig, die Jacke auszuziehen, ohne das Schwein darin fallen zu lassen. Ich lies es in der Jacke eingerollt und legte das Bündel im Fußraum auf der Beifahrerseite ab. Artus kam in den Kofferraum meines Kombi und 5 Minuten später waren wir zuhause.

Dort brachte ich mein Fundstück in das Badezimmer. Der Fußboden in dem Raum war geheizt, und Wärme war etwas, dass dieses Baby zuallererst brauchte. Das zweite war Nahrung. Was fressen eigentlich Schweine? Ich überlies das Ferkel erst mal sich selber, es schien sich in meine Jacke gewickelt recht wohl zu fühlen, den Umständen entsprechend, und ich startete im Haus eine Suche nach geeigneter Ferkelnahrung. Im Keller hatte ich noch einen Karton mit Babysachen meiner Jüngsten. Ich kramte ein wenig darin herum und fand tatsächlich zwei Milchflaschen mit Nuckel. Die nahm ich an mich und mit in die Küche.
Dort füllte ich eine Mischung aus Milch und Sahne in die vorher heiß ausgespülten Flasche und stellte sie kurz zum Erhitzen in die Mikrowelle. Gesegnet seien die Errungenschaften der modernen Technik.

Bewaffnet mit dem Fläschchen setzte ich mich zum Ferkelchen auf den Boden und nahm es auf den Schoß. Immer noch in der Sicherheit meiner Jacke, ließ es sich das gefallen. Beruhigend sprach ich auf es ein. Eine oberflächliche Untersuchung auf etwaige Verletzungen blieb zum Glück ergebnislos. Das Schwein war quietschgesund. Vielleicht verängstigt, aber mit Sicherheit hungrig. Ein paar Spritzer Milch auf meine Hand und mein kleiner Freund wurde ganz aufgeregt. Den Geruch kannte er. Ich ließ ihn kurz am Finger nuckeln und schob dann geschickt den Sauger in die kleine Schnauze. Gierig trank er die Flasche leer und schlief beim letzten Tropfen ein. Gut so.

Eine Weile behielt ich ihn noch im Arm. Seltsam, er fasste sich ganz behaart und weich an, dabei hatte ich gedacht, Schweine wären irgendwie nackerter und borstiger. Erst mal war das Nötigste erledigt, also legte ich das Ferkel samt Jacke wieder auf die warmen Fliesen. Unten im Keller fand sich noch ein stabiler Pappkarton in passender Größe. Ich schnitt eine Tür in die Seite und legte ein altes Stuhlkissen hinein. Das Schweinehaus wurde im Bad aufgestellt, das tief schlafende Schwein, dass wieder in meine Jacke gewickelt war, vorsichtig hineingelegt, und den Deckel zugeklappt. Spätestens morgen musste ich die Jacke gegen eine Decke tauschen, nahm ich mir vor. Schnell noch ein paar Zeitungen in einer Ecke des Bades platziert, und ich hoffte sehr, das Ferkel würde wissen, wozu. Nun kam der schwierigere Teil der Aktion. Ich musste meiner Familie mitteilen, dass wir ein Schwein im Badezimmer hatten.

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