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Der Nussknacker

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Er war ein Riese von Gestalt. Ich sah ihn als erster den Weg zu unserem Gut heraufkommen. Sein Gang war müde und schwer, als hätte er eine Last zu tragen, jedoch hatte er als Gepäck nur einen kleinen schäbigen Koffer. Schäbig war auch seine Kleidung. Er musste seit langem unterwegs gewesen sein.

Mein Vater kam aus der Scheune und die beiden Männer trafen sich vor der Tür. Ich stand im Hühnerhof ganz in der Nähe, tat so, als wäre ich sehr mit Füttern beschäftigt und machte lange Ohren. Der Mann sagte, er hieße Herman und suchte nach Arbeit. Einen Knecht konnte Vater wohl gebrauchen, denn es war Spätsommer, Erntezeit und Helfer waren kaum zu bekommen. Hermann konnte bleiben.

Wir Kinder, sieben an der Zahl, hatten eine heimliche Scheu vor dem wortkargen Mann. Hermann tat seine Arbeit, aß mit uns, wohnte mit uns, aber geredet hat er selten. Es war wie ein düsteres Geheimnis um ihn herum. Wie recht wir mit unserem Argwohn hatten, sollte sich erst später herausstellen.

Der Herbst kam und die ersten Nachtfröste. Unser Walnussbaum in Mutters Garten hatte gut getragen und wir konnten einen großen Teil der Ernte auf dem Kirmes-Markt verkaufen. Das war Mutters Brotgeld, und wir Kinder hofften auf ein paar Leckereien und Spielzeug, die sie uns davon zu Weihnachten kaufen würde. Wir bekamen ja ansonsten nur selbstgestrickte Socken und Handschuhe zum Fest.

In der Adventszeit stand immer eine Schale mit Äpfeln und Nüssen auf der Fensterbank. Herman nahm jeden Abend nach dem Mahl zwei oder drei der Walnüsse und zerquetschte sie mit bloßer Hand. Gegessen hat er sie nie, nur aufgebrochen und den Inhalt auf den Tisch gelegt für uns Kinder. Meine kleine Schwester hat ihn einmal deswegen „Nussknacker“ genannt und bald redeten wir alle von ihm nur mit diesem Namen.

Herman, der Nussknacker, blieb fünf Jahre. Und jedes Jahr half er uns, die Säcke mit Walnüssen zur Kirmes zu bringen. Anschließend nahm er sich immer frei, um seinen Lohn im Wirtshaus zu versaufen. Er setzte sich dann an einen Tisch in der Ecke und trank still und verbissen einen Krug nach dem anderen und kam erst am nächsten Morgen heim.

An seinem letzten Abend hatte er Gesellschaft, ein paar junge Kerle aus dem Nachbardorf. Sie hatten auch getrunken und suchten Streit. Er wollte jedoch wie immer allein an seinem Tisch bleiben. Die Kerle pöbelten weiter und wurden handgreiflich, in der Meute fühlten sie sich stark.
Sie hatten nicht damit gerechnet: Plötzlich erhob sich der Riese, packte zwei von den ärgsten Stänkerern an den Köpfen und drückte zu. Nussknacker. Schlagartig war es totenstill im Wirtshaus. Voller Entsetzen sahen sie den Riesen seine Pranken öffnen und ruhig zur Tür hinaus gehen. Noch in der Nacht wurde Herman abgeholt von der Polizei, er ging ohne Widerstand mit.

Jahre später, kurz vor Weihnachten, habe ich ihn im Zuchthaus besucht. Alt war er geworden dort und dünn. Er freute sich über die Tüte mit Nüssen und Äpfeln und ebenso mich zu sehen. Vielleicht ahnte Herman sein nahes Ende, jedenfalls hat er mir an jenem Tag aus seiner Vergangenheit erzählt, der Zeit, bevor er zu uns kam. Dass er damals auf der Flucht war, aus der Fremdenlegion geflohen. Auch dort hatte er im Streit Männer getötet. War Legionär geworden, nachdem seine Frau zur Adventszeit im Kindbett gestorben war. Auch das Kind hatte nicht überlebt. In der Legion hatten sie ihn immer aufgezogen, weil er zur Erinnerung an Frau und Kind eine Walnuss an einer Kette um den Hals trug. Als sie ihm die Kette stahlen, drehte er durch.
Ein letztes Mal sah ich Herman, den Nussknacker, mit seinen bloßen Händen die Walnüsse knacken. Gegessen hat er sie auch diesmal nicht.

Zum Inhalt der Story: Das ist eine Textprobe, eine rein erfundene Geschichte.

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