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Findelschwein6

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6. Es geht um die Wurst

„Hallo? Was machen Sie denn da?“ fragte ich den Mann, der eben die hintere Klappe des Hängers öffnete. Der Mann drehte sich herum, wischte seine Hände an den Hosenbeinen seines Overalls ab und fingerte einen zusammengefalteten Zettel aus der Brusttasche. Er warf einen Blick darauf und sah dann hoch zu unserer Hausnummer über der Tür. Er nickte, faltete den Zettel wieder und steckte ihn zurück in die Tasche. „Der Boss hat gesagt, ich soll hier ein Schwein abholen“ bequemte er sich nun zu sagen. „Welcher Boss?“ fragte ich ihn verwirrt. „Borg“ antwortete er. Ich seufzte, der Mann war schwierig. Julia kam gerade auf den Hof geradelt und stellte sich schweigend neben mir auf. „Das kann nur ein Irrtum sein“ sagte ich nun ungeduldig. „Packen Sie mal schön zusammen. Wenn es hier etwas für Sie abzuholen gäbe, wüsste ich das, glauben Sie mir.“ Das sah er anscheinend ein, kratzte sich am Kopf und beschloss dann, den Hänger wieder zu schließen. Als er vom Hof fuhr, fragte mich Julia „Was wollte *der* denn?“ Ich zuckte ratlos mit den Schultern.

Am Nachmittag kam etwas Licht in die Angelegenheit. In der Post war ein Brief von einem gewissen Johann Borg, Schweinemäster aus L., der uns seinen Fahrer ankündigte, um bei uns ein Schwein abzuholen, dass ihm gehörte. Der Brief war vor vier Tagen in L. aufgegeben worden, einer kleinen Stadt etwa eine Autostunde entfernt. Per Eilbrief. Ich ging mit dem Schreiben zu Bernd in die Küche, er wollte uns heute seinen berühmten Apfelkuchen servieren, als das Telefon klingelte. Ich meldete mich. Die Stimme am anderen Ende der Leitung meldete sich mit „Borg hier, Guten Tag.“ Ich schaltete den Lautsprecher ein und winkte Bernd zu, der alarmiert von meinem Gesichtsausdruck seinen Apfelkuchen stehen ließ. Manchmal war es doch gut, einen Polizisten in der Familie zu haben.
„Sie wollen mir also mein Schwein nicht herausgeben. Mein Fahrer hat mich unterrichtet. Das wird Konsequenzen haben, Sie werden von meinem Rechtsanwalt hören. Guten Tag!“ sagte Borg und legte auf.
„Ha?“ sagte Bernd.

Danach passierte erst mal 2 Wochen lang gar nichts und ich hatte den Vorfall fast schon wieder vergessen, als wir Post von einer Kanzlei erhielten. Ich las das Schreiben einmal, zweimal und rief dann bei Julia an. Die stand 2 Minuten später in meiner Küche und riss mir den Brief aus der Hand. “ Umgehend das unrechtmäßig in ihrem Besitz befindliche…. Kosten erstatten… Anderenfalls… Gericht…“ hörte ich sie murmeln. Bei ‚Kosten‘ lachte sich amüsiert auf, dann knallte sie den Schrieb auf den Tisch. „Das lässt du dir doch wohl nicht gefallen“ fragte sie mich kampfeslustig. Natürlich nicht, die wollten Kara, soweit hatte ich verstanden. Und die würden ihn zu Wurst verarbeiten, wenn sie ihn bekamen. Ich war zwar nicht so kämpferisch veranlagt, wie meine Freundin Julia, aber hier ging es um ein Familien-Mitglied. Ich würde diese Schweinerei auf keinen Fall zulassen.

Julia hatte einen großen Bekanntenkreis. Einer ihrer Verehrer war Rechtsanwalt. Wir hatten ihn einige Male beim Grillen in ihrem Garten getroffen. Julias Gemüsepäckchen waren unübertroffen. Jedenfalls sagte der junge Mann sofort zu, uns zu vertreten. Lars Wesche kannte Kara und seine Geschichte, das mochte ein Vorteil sein. Außerdem wollte er Julia imponieren und kniete sich richtig den Fall hinein. Zunächst telefonierte er mit der gegnerischen Anwaltskanzlei, die dann mit ihrem Klienten telefonierte. So wurden einige Telefonate und Schreiben ausgetauscht und zum Schluss einigte man sich, den Fall erst von einem Schiedsmann begutachten zulassen, bevor man entscheiden wollte, ob letztlich das Gericht angerufen werden sollte. Wir verabredeten für nächsten Donnerstag einen Termin in L. bei einem gewissen Richter Redlich. ‚Nomen est Omen‘, dachte ich und war wieder etwas zuversichtlicher.

Zehn Uhr morgens saßen wir alle bei Richter Redlich. Der Richter war ein älterer, ruhiger Mann, der viel Lebenserfahrung ausstrahlte. Auf unserer Seite des Tisches saßen Bernd, Julia und ich zusammen mit Lars Wesche, auf der anderen Seite waren dieser Borg, eine üppige Brünette, die er uns als seine angebliche Sekretärin vorstellte und sein Rechtsvertreter.
Borg, der wie ich fand, ziemlich overdressed für einen Schweinemäster wirkte in seinem Nadelstreifen-Anzug, redete abwechselnd auf den Richter und auf uns ein. Er wollte sein Schwein zurück, die Papiere hätte er ja vorgelegt, das Tier hätte einen guten Marktwert und würde ohne Umwege zur Schlachterei gebracht werden. Außerdem sollten wir ihm die Kosten für seinen Fahrer erstatten, der damals unverrichteter Dinge von uns weggeschickt worden war. Ich hatte einen Kloß im Hals.

Endlich war Borg fertig mit seiner Litanei. Julias Freund hatte uns geraten, zu schweigen, das Reden sollten wir ganz ihm überlassen. Ruhig und sachlich erklärte er, dass dieses Schwein auf gar keinen Fall eines gewaltsamen Todes sterben würde und machte den Vorschlag, das Tier dem rechtmäßigen Besitzer abzukaufen. Borg beriet sich mit seinem Anwalt, schrieb ein paar Zahlen auf einen Zettel und schob ihn zum Richter hinüber. Der Richter warf einen Blick darauf, hob die Augenbrauen und gab den Zettel an uns weiter. Da stand, Borg wollte den heutigen Marktpreis für das Tier zuzüglich der schon erwähnten Extrakosten. Lars Wesche setzte ein Pokergesicht auf und schrieb seinerseits ein paar Zahlen auf einen Zettel. Diesen und ein weiteres Schreiben reichte er dem Richter, der es nach dem Lesen schmunzelnd weitergab.

Fasziniert beobachteten wir danach das Farbenspiel auf Borgs Gesicht. Beim ersten Lesen wurde es puterrot. „Das ist ja lächerlich!“ zischte er seinem Rechtsbeistand zu. Der redete einige Minuten auf ihn ein und am Ende war Borg sehr blass und sehr still. Lars hatte sich gut vorbereitet. Er hatte seinerseits die angefallenen Jahres-Kosten für Pflege, Aufzucht, Tierarzt etc in Rechnung gestellt. Wenn Borg das Tier immer noch wollte, hätte er das Vielfache des Marktwertes an uns zahlen müssen.
Das zweite Schreiben war eine amtliche Bestallungsurkunde der Polizeibehörde, die Kara in der Zwischenzeit für diverse Sucharbeiten angefordert hatte, die unser Fährtenschwein erfolgreich ausgeführt hatte. In unserem Lande sind Beamte so gut wie unkündbar, nicht käuflich und sie wurden schon gar nicht in Dosen abgepackt.

7. Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei…

Kara hatte noch zwei wundervolle ausgefüllte Jahre. Sein Job bei der Polizei machte ihn berühmt über die Grenzen unseres Bezirks hinaus. Einmal fand er sogar ein vermisstes Kleinkind. Der Junge war seinen Eltern beim picknicken im Wald ausgebüxt und Kara fand ihn gar nicht weit entfernt auf einem Acker, friedlich zwischen den warmen Strohballen schlummernd, die dort nach der Ernte aufstapelt waren. Die dankbaren Eltern mutierten zu Vegetariern.

Es war sein Zweit-Job, der ihm letztlich zum Verhängnis wurde. Bauer Harms war sehr zufrieden mit den Ergebnissen von Karas Liebesdiensten. Ich versuchte zu verdrängen, dass alle diese Nachkommen im Schlachthaus endeten. Wer einmal ‚Kontakt‘ hatte mit einer Wilden Kreatur, wer gesehen hatte, wie sozial diese Tiere waren und kommunikativ, der konnte einfach kein Schweine-Fleisch mehr essen. In unseren Breiten isst ja auch keiner Hunde. Bauer Harms Haupt-Eber hatte seine erste Begegnung mit Kara nicht vergessen, und dass Kara dort alle paar Tage mit ihm um die Gunst der Säue konkurrierte, machte die Sache für ihn auch nicht einfacher. Kara ging seiner Pflicht zwar in einem abgetrennten Teil des Schweinelandes nach, war aber sichtbar und vor allen riechbar für den Hof Eber.

Eines Tages sind die beiden dann doch aneinandergeraten, jemand hatte das Zwischentor nicht ordentlich verschlossen und der Eber fiel über unseren Kara her, der ihm hoffnungslos unterlegen war. In der freien Natur konnte der Besiegte flüchten, aber Schweineland war eingezäunt. Kara hatte keine Chance und wurde übel zugerichtet. Er verendete, noch bevor der Tierarzt eintraf. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal um ein Schwein trauern würde. Hätte mir dass jemand unterstellt, bevor ich Kara kannte, ich hätte ihn ausgelacht.

In den nächsten Wochen war ich wie betäubt, und auch heute noch kommen mir immer wieder Erinnerungen an Kara hoch, besonders jetzt im Winter. Wenn ich aus dem Fenster sehe und in den verschneiten Garten hinaussehe, tauchen Bilder auf von Kara und Artus, die im Schnee toben. Das schwarze Findelschwein und der blonde Haushund. Bevor ich zu schwermütig werde, pfeife ich nach Artus und wir gehen rüber zu Bauer Harms. Einige seiner Jungschweine scheinen sich sehr vielversprechend zu entwickeln. Ein paar davon sind schwarz…

– Ende –

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