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Rattarium  

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Zu den… 3

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August

Rügen war im Regen versunken. Ein einziges Desaster. Und alle dortigen Piktogramme erwiesen sich als Fälschungen. Eines Nachts, Mitternacht war weit vorüber, der Regen schlug auf seinen Wagen ein wie aus Wasserwerfern, war Lehmannmit dem Pajero auf einem seifig rutschigen Feldweg auf dem Rückweg (wer würde bei diesem Wetter freiwillig in den Feldern herumtrampeln) zu seinem Zelt, denn ein Hotelzimmer konnte er sich als Arbeitsloser nicht mehr leisten, bemerkte er am Rand eines langgestreckten Feldes einen verdächtig wirkenden Kleinbus. Lehmann manövrierte seinen Geländewagen mit einigen Metern Abstand schräg dahinter damit die Scheinwerfer ein gutes Stück des Getreides beleuchten konnten, so gut das bei dem Platzregen eben möglich war. Die Regenwand schien so massiv zu sein wie die Halme eines Maisfeldes. Dahinter huschte undeutlich ein dunkler Schatten davon. Einen ‚Künstler‘ bei der Arbeit zu erwischen war schon extrem selten.
Lehmann schaltete die Scheinwerfer aus und zog entschlossen die Kapuze seiner Regenpelerine über das schüttere Haar, öffnete die Tür und hatte das Gefühl, kaum dass er einen Fuß neben seinen Wagen gesetzt hatte, jemand hätte einen Eimer Wasser über ihm ausgeleert. Mit dem einen Unterschied, dass es endlos aus diesem imaginären Eimer schüttete. Lehmann seufzte und tastete sich in einer schlammigen Treckerspur in das Feld hinein. Er hätte sich vielleicht doch die Zeit nehmen sollen, seine Gummistiefel überzustreifen. Seine Füße versanken bei jedem Schritt bis zu den Waden im aufgeweichten Boden wie Kinderfinger, die sich verbotenerweise in eine Sahnetorte bohren.

Dann geschahen zwei Dinge gleichzeitig: Auf dem Feldweg brummte der Motor des Lieferwagens auf, und Lehmann prallte mit seinem rechten Schienbein und einem dumpfen ‚Plong‘ gegen etwas ausgesprochen Hartes, dass er nicht bemerkt hatte, weil er sich im Laufen zu dem sich rasch entfernenden Geräusch umgedreht hatte. Er knipste mit vor Schmerz tränenden Augen seine Taschenlampe an, die er bisher nicht anzuschalten gewagt hatte, um dem Anderen nicht seine Position zu verraten. Das war ja nun egal. Der gelbe Lichtbolzen schälte die Konturen einer Pressluftflasche aus dem Schwarz vor ihm. Obenauf war eine Fanfare befestigt, wie sie Fussballfans im Stadion benutzen, um ihren Verein anzufeuern, oder einfach nur, um mehr Lärm zu machen, als die anderen Fans. Wenn er den Burschen nicht verscheucht hätte, dann hätten morgen früh die Touristen vom Campingplatz hinter dem Eichenhain den sensationsgeilen Journalisten erzählen können, sie hätten nachts ein unheimliches Heulen und Sausen gehört und dann hätten sie hier nachgesehen und einen neuen Kornkreis gefunden, der am Vorabend noch nicht da gewesen war und die Zeitungen hätten das Sommerloch der Sauregurkenzeit mit Spekulationen füllen können.
Lehmann versetzte der Konstruktion ärgerlich einen derben Tritt, was ihm fast auch noch die Zehen verstauchte und humpelte durch die Schlammfurche zurück zu seinem Fahrzeug. Er sammelte noch in derselben Nacht sein triefendes Zelt ein, machte sich nicht die Mühe, sich umzuziehen, es war ohnehin alles nass, und hatte – als der blassrosa Streif am Horizont sich anschickte, heller zu leuchten, als seine schlammverkrusteten Rücklichter – schon die halbe Wegstrecke zu seinem Refugium hinter sich, zu Helga Bromstedts Gasthaus.

Er schlief fast zwei Tage durch und als er am Mittag des dritten Tages mit bohrenden Kopfschmerzen und laufender Nase aufwachte, da hatte sich das Wetter wieder auf die Jahreszeit besonnen und produzierte Hochsommer. Brennende Sonne, heißer Wind, der wie der Luftstrom eines Föhns die Äcker und Wiesen austrocknete. Die Bauern halfen sich gegenseitig mit der Heuernte, die in diesem Jahr wegen des feuchten Wetters viel zu spät begonnen werden konnte. Tage später waren die Kornfelder dran. Eins nach dem anderen wurde abgeerntet und bald lagen auf der Hälfte aller Anbauflächen Strohballen – in Quader gepresst und manchmal in Folie verschweißt.

Die Zeit wurde knapp für Lehmann. Sein Glück war, dass die Bauern kaum mit Ernten nachkamen, zu plötzlich war der Wetterumschwung gewesen. In aller Eile baute der Forscher seine Apparaturen an verschiedenen sanft ansteigenden Hängen auf, protokollierte Thermik und Windgeschwindigkeit, filmte halbstarke Wirbelstürme an diesen Stellen, maß Nitratgehalt unter dem plattgewalzten Halmen, hustete sich den roten Ackerstaub aus den inzwischen entzündeten Lungen, notierte akribisch die abweichenden Größen der Fruchtknoten in einem Gerstenfeld, während ein Bauer – ein Neffe von Harms, Elmar? – nebenan auf einem bereits abgeernteten Weizenfeld Gülle ausbrachte. Der Gestank wehte zu ihm herüber und lies seine Augen brennen. Zum ersten Mal war er dankbar für seine verstopfte Nase. Aber auch so war es kaum zum Aushalten. Er hatte Mühe, sein Frühstück bei sich zu behalten und beschloss, in der Kühle der Nacht weiter nördlich eine Versuchsanordnung aufzubauen.
Aber erst einmal brauchte er eine Pause. Er hatte Durst – nein, er war am Verdursten. Seine Stirn glühte vor Fieber und Sonnenbrand und seine Knie zitterten leicht, als er sich in den Backofen schob, zu dem sein Pajero sich in der Mittagsglut verwandelt hatte. Wenigstens gab es hier im Wagen weder Wespen noch diese Pferdebremsen, die ihn heute schier aufgefressen hatten, wie etliche schmerzhaft juckende Beulen bewiesen.

Die Kneipe war kühl und das Bier auch, das ihm ‚Oma‘ Helga hinstellte, kaum dass er sich wie ein hingeworfener Kartoffelsack auf einen Stuhl am Stammtisch fallen gelassen hatte. Heute war lediglich der alte Gunnar Harms mit im Schankraum, die anderen Männer waren alle im Dauer-Einsatz auf den Feldern. Lehmann grübelte kurz… und nickte erkennend eine Begrüßung. Gunnar war der Onkel von Hein Harms. ‚Die sind hier alle miteinander verwandt, irgendwie‘, dachte Lehmann.
Caesar, der alte schwarze Kneipen-Labrador hatte sich unter einem Tisch am Eingang vor der Gluthitze draußen gerettet und lag hechelnd auf dem kühlen Steinfußboden. Einzig die Zunge leuchtete düsterrot zuckend aus dem Dunkel zwischen den Tischbeinen wie ein Kinder-Gummistiefel mit Eigenleben. Eigentlich durfte er normalerweise nicht ins Haus, aber Helga brachte es heute nicht über das Herz, ihn hinauszuweisen. Sogar den beiden Hofkatzen war es zu heiß und träge blinzelnd dösten sie unter der Bank in de Ecke und warteten auf den Abend, um in der Scheune Ratten und Mäuse zu jagen. Gestern hatte Lehmann eine tote Maus auf seinem Kopfkissen gefunden. Erst hatte er an eine Verschwörung geglaubt, schließlich Oma Helga ins Vertrauen gezogen, die ihn dann lachend aufgeklärt hatte: er hätte wohl als Kind zu viele Mafia-Filme gesehen, die hätte ihm die schwarze Minka dort hingelegt, und das würden Katzen nur mit Menschen machen, die sie mögen.
Er mochte Katzen auch, aber keine Mäuse, und schon gar nicht diese halbe, angekaute Maus, die dort lag, wohin er sonst sein Gesicht legte und in Gedanken hatte er Minka die Pest an den Hals gewünscht.

Aber jetzt sah Lehmann weder Hund noch Katzen.
Ihm war nur unerträglich heiß. Die ersten drei Bier hatte er hinuntergestürzt. Die nächsten drei trank er langsamer und gab auch dem Alten das eine oder andere aus. Gunnar Harms, wäre er nicht ab und zu in der Herren-Toilette verschwunden, hätte man meinen können, er wäre fest mit seinem Barhocker verwachsen, war froh über den unerwarteten Trinkkumpan und teilte dem Wissenschaftler leutselig und ungefragt von seinem Thekenplatz aus mit, es würde in der Nacht ein Unwetter geben. Lehmann blickte trübe durch die offenstehende Tür nach draußen. Außer ein paar einzelnen weit zerfetzten Wolkenfedern und einem leichten, rötlichen Dunst am Horizont war der Himmel klar. (Wunderbar, heute nacht würde er bei diesem klaren Himmel die Perseiden beobachten können.) Und es war still. Windstill. ‚Seltsam…‘, dachte der Wissenschaftler, aber dann waren seine Gedanken schon wieder abgeschweift und bei dem geplanten nächtlichen Experiment.

Am frühen Abend dann, leicht vor Alkohol und Fieber schwankend, machte er sich auf den Weg. Oma Helga war gerade im Stall, um die Hühner zu füttern und deren nestwarme Eier einzusammeln, sonst hätte sie ihn mit Sicherheit am Fahren gehindert und ihm den Autoschlüssel abgenommen. Aber der Stall lag nach hinten hinaus, und Lehmanns Auto stand vorne. Außerdem war wieder Wind aufgekommen. Ein unangenehmer, böiger Wind, der keine Kühlung brachte. Als Oma Helga die beiden Teller ‚Strammer Max‘ – mit besonders frischen Spiegel-Eiern – an den Stammtisch brachte, fand sie Gunnar alleine vor, den Kopf vor sich auf der Thekenplatte und leise schnarchend, da war Lehmann schon an seinem Ziel angelangt. Er stellte den Pajero in den Schatten einer mächtigen Eiche am Rande eines Weizenfeldes, kurbelte die Fenster hinunter, legte seine Nickelbrille auf das Armaturenbrett, lehnte sich einen Moment zurück, nur eine kleine Weile ausruhen vor der Arbeit, und war Sekunden später eingeschlafen.

Er erwachte von dem seltsamen Lärm. Er schlug die Augen auf und war etwas orientierungslos, es war inzwischen stockfinster geworden. Seine Haut spannte und juckte. Und da war immer noch dieses Geräusch, dass er nicht zuordnen konnte. Er ruckte hoch und stieß sich das Knie am Lenkrad. Er verschwendete in der Dunkelheit keinen Gedanken daran, die Brille auf dem Armaturenbrett zu ertasten, sechs halbe Liter Bier verlangten nach sofortiger Entsorgung, und er rappelte sich aus dem Sitz ins Freie, um sich am Hinterreifen zu erleichtern. Schwärme von Mücken stürzten sich blutgierig auf das freigelegte Stück Fleisch, die einzige Stelle, die sie bisher noch nicht gestochen hatten. Lehmann war noch immer benommen. Als er fertig war, zog er den Reißverschluss hoch, drehte sich um, suchte mit dem Rücken Sicherheit am soliden Autoheck und versuchte einen klaren Gedanken in sein fieberndes Hirn zu bekommen. Was war denn bloß dieses hohle Brausen. Wieso war es plötzlich so schrecklich windig? Und woher kam der ganze Staub in der Luft? Er musste husten.

„Klaus“, befahl er sich selber, „denke wissenschaftlich!“ Dann sah er das Licht. Es kam aus dem Weizenfeld. Von dort, woher auch dieser Staub und Lärm zu ihm herüberwehte. Und jetzt dachte er ganz wissenschaftlich: ‚Aber natürlich! Wieso war er nicht gleich darauf gekommen? Dieses Licht, dieser ungewöhnliche, trockene Wind, das seltsame Geräusch, seine prickelnde Haut…elektromagnetische Felder? Er war sich sicher, sein Ionen-Messgerät würde bis in den roten Bereich ausschlagen‘. Sein Herz klopfte rasend. Er hatte es gewusst. All die Jahre hatte er es gewusst. Sie waren hier. Und er allein war zur Stelle, um es zu dokumentieren. Er würde der erste Mensch auf diesem Planeten sein, der Fotos, Filme, der BEWEISE von dem Ereignis hat. Er hetzte nach vorne an die Fahrertür, langte nach seiner Tasche mit den Kameras, die wie immer griffbereit auf dem Beifahrersitz lag und stolperte eilig in das Weizenfeld, angezogen vom hellen Schein wie eine mondsüchtige Motte.

Als Hein Harms über den Rand seines Kaffeebechers hinweg den Mann in den Scheinwerferbereich seines Mähdreschers torkeln sah, konnte er die Maschine nicht sofort zum Halten bringen. ‚Zupp Zupp Zupp‘ machten die Messer und ‚Zingg Zopp Zopp‘, dann war es still. Nur der Wind heulte und tanzte Staubwirbel in die noch stehenden Halme.
Am Himmel, zwischen treibenden Nachtwolken, blinkten die Sterne.

– Ende –

© Beate Walz, im Monat der Perseiden 2004.

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