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Zu den… 2

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Juli

Im nächsten Monat zog es Dr. Lehmann wieder in die dünnbesiedelte Gegend. Er kam direkt von seinem Institut – nein, es war ja nun nicht länger ’sein‘ Institut. Professor Borian, sein direkter und einziger Vorgesetzter, hatte ihn zu einem vertraulichen Gespräch in sein Büro gebeten und auf den Besucherstuhl gegenüber dem überdimensionierten Fenster genötigt. Ein beliebter psychologischer Trick, der Professor war eine dunkle drohende Masse vor ihm auf der Schreibtischkante, während er selber sich wie in einem Verhörzimmer bei der Geheim-Polizei fühlte – nackt, bloß und im grellen Scheinwerfer-Licht. Er war bereit, seine Großmutter zu verraten, hätte man ihn danach gefragt.

„Lehmann, wir können keine Vermutungen gebrauchen, wir benötigen endlich Fakten, die wir der Öffentlichkeit präsentieren können. Uns werden die Gelder knapp.“ hatte Borian mit seiner Fistelstimme verkündet, die so gar nicht zu seiner korpulenten Statur passen wollte, und dabei wichtig mit einen wurstigen Finger auf Lehmanns Brustbein gezielt.
„Aber ich bin kurz davor…“ stammelte Lehmann. Mit dominanten Persönlichkeiten hatte er schon immer Probleme gehabt. Er merkte wie er rot wurde und suchte verzweifelt nach passenden Worten in seinem Wortschatz, aber alles was dabei herauskam war ein langgezogenes „ääächhh“
Dann hatte er resigniert und stattdessen seine Aktentasche geöffnet, die er bislang wie einen Verteidigungs-Schild auf seinen Knien gehalten hatte. Seine Hand schloss sich um die 50-seitige Dokumentation, die Essenz all seines Wissens, die Früchte von fünf Jahren intensiver Feldforschung.

Er zog das Bündel hervor und hielt es entschlossen seinem Vorgesetzten entgegen. Dieser blätterte flüchtig darin, sah ihn von Zeit zu Zeit über den Rand seiner Brille prüfend an – diese Brille brauchte Borian nicht wirklich, jedoch war er der Meinung, ein Professor würde so viel seriöser aussehen. Als er bei den letzten Seiten angekommen war hatte Lehmann all seinen Mut zusammengenommen und aufgeregt gefragt:
„Nun, was sagen Sie dazu? Das würde alles… ALLES… erklären!“
Die Reaktion des Professors war nicht die erwartete gewesen.
„Lehmann, das kann unmöglich ihr Ernst sein! Intelligente Plasma-Wirbel?“ und dann hatte er gelacht. Brüllend gelacht bis ihm die Tränen über die schwammigen Wangen gelaufen waren. Erschüttert hatte Dr. Klaus Lehmann diesem Ausbruch zusehen müssen.

Gerade von dem Älteren hatte er sich Verständnis und Unterstützung erhofft, mochte er ihn als Mensch behandeln wie ein Plantagenbesitzer seinen Lieblingssklaven, so war er doch auch ein Wissenschaftler, und jetzt das. Entrüstung breitete sich in Lehmann aus, kroch heiß und gefährlich durch seinen Adern. Er sprang auf – und auch die Tür sprang auf. Borians Sekretärin, Silke Schatz, die schöne, rothaarige Silke, stand in der Tür und sah verwirrt von dem glucksenden und wiehernden Borian zu Lehmann, der bleich, mit Händen zu Fäusten geballt, dastand und um Fassung rang.
„Schätzchen“ rief ihr Chef, den Namen seiner Mitarbeiterin missbrauchend, was er für immens witzig hielt und Silke regelmäßig die Zähne zusammenpressen ließ, „Schätzchen haben Sie schon einmal etwas dermaßen witziges gehört? Hahaha. Intelligente Plasma-Wirbel. Hahaha. Hier auf der Erde. Hahaha. Sagt Lehmann. Hahaha.“

Dass Silke sein Waterloo miterleben musste, das war zuviel gewesen. Diese letzte Demütigung Borians lies Lehmann über seine Schüchternheit hinauswachsen.
„Hiermit kündige ich!“ hatte er mit ungewohnt fester Stimme seinem Chef mitgeteilt, auch wenn diese Kündigung bedeuten würde, nie mehr auf Bank neben Silkes Schreibtisch sitzen zu dürfen, während er auf eine Audienz bei Borian wartete, der ihn grundsätzlich warten ließ, und das Mädchen heimlich schmachtend bei ihrer Arbeit zu beobachten. Steif wie ein Zollstock hatte er sich vorgebeugt, Borian seinen Bericht aus den Fingern gezogen, ihn zusammen mit seiner Aktentasche unter den Arm geklemmt, hatte sich umgewandt und war mit langen Schritten, an der verdatterten Silke vorbei, hocherhobenen Hauptes aus dem Zimmer stolziert.

Die gesamte Bevölkerung, das waren die Bewohner von fünf umliegenden Höfen und der Gastwirtschaft an der Wegkreuzung zur nächsten, größeren Stadt, hatte sich bald an seinen Anblick auf den Äckern und Wiesen gewöhnt. Er hatte das einzige Fremdenzimmer über der Küche vom Gasthof gemietet. Helga Bromstedt, die Wirtin, altmütterlich-üppiger Typ, grauer Dutt, Damenbart- und Dauer-Kittelschürzenträgerin, hatte ihn quasi adoptiert. Eine ganze Woche hatte Lehman das kleine, dunkle Zimmer auf der Nordseite über der Küche nicht verlassen. Er war widerwillig nur zu den Mahlzeiten hinunter gegangen und auch nur, weil ihn die dralle Wirtin sonst resolut aus seinem Zimmer gezerrt hätte, wie sie ihm glaubhaft versicherte, weil er auf ihr wiederholtes Klopfen nicht reagiert hatte. Er fügte sich auch dieser Gewalt.

Die deftige Hausmannskost, die Helga ihm aufnötigte, weckte seinen Lebenswillen. Soviel Energie war sein magerer Körper sonst nicht gewohnt. Nachdem er sechs Tage nur aus dem Fenster gestarrt hatte, ohne die im Wind wogenden Halme der sich endlos erstreckenden Felder bewusst wahrzunehmen, raffte er sich am Morgen des siebten Tag auf, bestückte seinen Rucksack mit einigen portablen Messinstrumenten. Es galt vorort die zwei neuen unregelmäßigen Kreise zu untersuchen, die während seiner Abwesenheit in einem Rapsfeld entstanden waren. Leider waren auch diese erklärbar. Ein triebiger Rehbock im einem Fall und eine Rotte Wildschweine im zweiten waren diesmal die ‚Macher‘ des Ernteschadens. Er war seltsamerweise nicht deprimiert.

Abends zurück in seinem Refugium schloss er seinen Laptop ans Internet an und informierte sich über die aktuellen neuesten Kornkreise, und er beschloss, sich wenigstens die auf Rügen einmal anzusehen. Den Großteil seiner Ausrüstung belies er in seinem Zimmer bei ‚Oma‘ Bromstedt. Diese Region hatte sicher noch einige Überraschungen auf Lager, die es zu untersuchen galt. Das war so sicher, wie die Umlaufbahn des Halleyschen Kometen. Das Zimmer hatte er für vier weitere Wochen gebucht.

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