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Walker

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Die Invasion der Stöcke

Bei uns auf’m Dorf hinkt die Moderne immer etwas hinterher und so mag es anderswo vielleicht schon wieder ‚out‘ sein, das Laufen mit den Ski-Stöcken. Oh, Verzeihung, das Nordic-Walking, wie es wohl auf Neu-Deutsch heißt. Nun stehe ich ja schon dem Joggen an sich etwas skeptisch gegenüber und Power-Walken mache ich eigentlich auch nicht, eher ist mir der Hundler-Schritt geläufig, was dem in etwa gleichkommen mag.

Hundler-Schritt, für diejenigen, die jetzt grübeln, ob sie dieses Wort schon je gehört haben, ist ein Spazieren in kräftig ausgreifender Gangart, um mit dem vierbeinigen Gefährten mithalten zu können – was durchaus auch einmal in ein Laufen ausarten kann, wenn die menschliche Begleitperson (= ich) verhindern möchte, dass sich der haarige Mitbewohner (= Heidi) in undefinierbaren (= stinkenden) Substanzen wälzt.

Aber ich schweife vom Thema ab. Es gibt bei uns, wie in jeder (abgeschieden lebenden) Gesellschaft verschiedene Gruppierungen. Die jungen Menschen sieht man ja kaum auf den Straßen, sie werden schon in jungen Jahren verwahrenden Einrichtungen anvertraut von Müttern die man erst kennen lernt, wenn sie zu solchen geworden sind, weil sie, wie die meisten hier im Dorf, tagsüber in die großen Städte ringsum zu Arbeit fahren. Sind die lieben Kleinen dann etwas größer und in den Schul-Zentren der umliegenden Gemeinden untergebracht, beginnt für diese Frauen die Rückführung in die Gesellschaft.
Um gesellschaftsfähig zu sein, muss auch der Körper wieder auf Vordermann gebracht werden und Fettpölsterchen werden nicht akzeptiert.
Es gibt da also diese Fraktion der gesundheitsbewussten jungen (und unwesentlich älteren) Frauen, die sich seit Jahren kennt – durch das gemeinsame Schicksal, der Kinderaufzucht, und die sich in den zahlreichen Vereinen sportlich auslebt.
Da gibt es den Aerobic-Kurs, die Tennis-Fraktion, die Kegler und Turner und so weiter.
Und es gibt die Walker.

Also, es mag ja furchtbar gesundheitsfördernd sein und alles, aber – es tut mir leid – ich kann mir ein Feixen nicht verkneifen, wenn ich diese in aller Ernsthaftigkeit dahinschreitenden Menschen sehe.
Man stelle sich folgendes Bild vor (nehmt am besten ein Bild von Maler Marunde als geistigen Hintergrund): ein Reihe Frauen in Sportlertracht, es ist sogar bei uns hier üblich, zu jedem Anlass korrekt gekleidet zu sein, also diese Frauen hintereinander in einer Reihe, wie Hare-Krishna-Jünger, den Blick starr, fast verkniffen geradeausgerichtet, konzentriert auf das Nichtverheddern der Stöcke im Rhythmus eines Vierfüßlers, die Wangen leicht gerötet – ob vom sauerstoffreichen Blut und der Anstrengung oder von der Scham und dem Wissen darüber, wie überaus Albern diese Gangart aussieht. Und die arbeitende Landbevölkerung, die denen ebenso fassungslos hinterher sieht, wie ich und möglicherweise dasselbe denken mag:
Haben die nichts vernünftigeres zu tun?
Im Sinne von: Dekadenz ist, wenn man sich zum Rasenmähen einen Gärtner anstellt und Golfen geht, weil man Bewegung braucht?

Augenzwinkernde Grüße an alle Jogger und Walker da draußen und auch und gerade an diejenigen, welche bis hierhin gelesen haben und nun genau wie ich ihre Hintern weg vom Bürostuhl, weg vom Bildschirm und hinaus in die frische Oktobermorgenluft schwingen sollten, wenn sie können.

10/2004 © Ed Home

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