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Marginal-A

nokrawatte In einer fernen Zeit schrieb ich kurze Text bei befreundeten Webworkern unter dem Pseudonym Marginalie.

Kürzlich fand ich beim Umzug auf einen neuen Rechner und Durchsehen der Archive diese Texte wieder. Eigentlich könnte ich die hier auch nochmal einstellen. Hab grad zwar viele Ideen für Neues aber irgendwie fehlt meist die Zeit.

Darum hier etwas Marginales:

Anzüglich

November 2005: Ja, wir hätten die Chance gehabt, im Jahre 2005 eine Frau als Kanzler zu bekommen. Aber es wurde ja bekanntlich Frau Merkel und ihr Hosenanzug in dieses Amt gewählt. Mal vom politischen Aspekt abgesehen, wäre es doch erfrischend gewesen, in den Medien etwas anderes als langweilige Anzüge zu sehen, mit denen die Herren sich sonst stadtfein kleiden. Aber nein, das Auge des Betrachters wird weiterhin von schlichter Hose mit Sakko gequält – einzig, dass Frau Merkel uns einen dieser absolut sinnfreien Schlipse erspart.

Seit Jahrzehnten variiert Männermode gerade mal in der Breite der Krawatte oder der Aufschläge am Revers. Aber die Basis bleibt immer gleich: Hose, Jacke, Hemd und Binder. Da frage ich mich doch: Wollen die Männer es nicht anders, oder dürfen sie nicht, oder warum ändert sich seit Jahrzehnten nichts an getragener Fantasielosigkeit? Selbst die Revoluzzer unter den Parlamentarier tragen heute keine Turnschuhe mehr. Hach, war das erfrischend in den Achtzigern, als man zwischen grauen Anzügen mal Abgeordnete im bunten Selbstgestrickten sitzen sah.

Niemand konnte mir bis heute beantworten, welche Funktion ein mehr oder weniger modisches um den Hemdkragen gewickeltes Stück Stoff eigentlich hat. Tausende von Frauen, die ihrem Angetrauten jedes Jahr ein solches Designerteil (passend zu Hemd und beiliegenden Socken) unter den Weihnachtsbaum legen. Tausende von Männern, die sich verzweifel und meist vergeblich am Windsor-Knoten versuchen. All die verschämten Blicke zum Tischnachbarn, wenn mal wieder der Schlips in die Suppe eintunkte.

Strikte Vorschrift der TV-Sender an ihre Nachrichtensprecher, niemals etwas kleinkariertes oder eng gestreiftes Gebundenes vor der Kamera zu präsentieren. Das männliche Entsetzen, wenn zur Faschingszeit dieses Statussymbol einer wildgewordenen, johlenden Frauenhorde und deren Scheren zum Opfer fällt.

Schenkt man übrigens der Feministin Alice Schwarzer Glauben, so scheint die Krawatte ein Symbol der Männlichkeit zu sein, was die Breite des Stoffs betrifft. Chinesische Wissenschaftler stellen gar eine Verbindung zum erhöhten Kehlkopfkrebs–Risiko her.

An der Krawatte des Mannes seine Gesinnung zu erkennen ist ein weiteres Phänomen: unvergessen unser Fernseh-Professor Grzimeck mit seinen niedlichen Tiermotivschlipsen, und jeder Politiker ist sofort an der Farbe seines Binders einer Partei zuzuordnen; Künstler tragen meist schwarze zum schwarzen Hemd (wobei die Bevorzugung der Farbe Schwarz in Künstlerkreisen ein weiteres ungeklärtes Phänomen darstellt).

Ist es vielleicht ein Überbleibsel aus alter Ritterzeit, als die Hohen Herren ihre Brustpanzer bemalten, und diese dann im Lauf der Zeit einen Sinnes- und Materialwandel durchmachten? Die Brustpanzer – nicht die Ritter. Das Fußvolk, damals wie heute, legt keinen gesteigerten Wert auf derartige Anhängsel, ist aus gutem Grund sogar beim Arbeiten mit Maschinen verboten.

Also ehrlich, mir persönlich fällt kein einziger plausibler Grund ein, an einer überholten Tradition zu hängen. Außer dem Hängen. Dem Aufhängen. Und das kann man zwar mit dem Telefonhörer machen, wenn man sich verwählt hat, aber keinesfalls mit Politikern. Wäre doch aber ein guter Grund für die Volksvertreter in der heutigen wirtschaftlich engen Zeit, sich modisch umzuorientieren, finde ich.

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