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Jütland mit Handicap

Wir waren jahrelang nicht im Urlaub, es ist so lange her, dass wir nicht mal mehr wissen, wann zuletzt. Nun sind die Kinder groß und wir hatten den Wunsch, mal wieder ans Vesterhav zu fahren, in unser bevorzugtes jütländisches Dänemarkziel Vejers Strand. Ein Haus in der ersten Reihe in den Dünen, nicht zu teuer weil außerhalb der Ferienzeit gelegen und mit geschlossener Terrasse wegen des Hundes. Es war der kälteste April seit Jahrzehnten mit Nachtfrost und eiskalten Stürmen. Tagelang begegneten wir keiner Menschenseele, es war zum Gähnen langweilig. Kurz, es war der perfekte Urlaub. Fast perfekt muss ich leider anmerken, denn zehn Tage davor habe ich mich auf einem Feldweg zerlegt und mein Knie, genau – das mit Vorgeschichte, mächtig demoliert. Es wurde also nichts mit dem stundenlangen Wandern in den Dünen, oder Radfahren am Strand und in den Heidewäldern rund um Vejers. Das Rad blieb daheim, die Krücken waren mein bevorzugtes Fortbewegungsmittel. Übrigens ahne ich jetzt, wie sich Behinderte fühlen müssen, wenn sie ob ihrer körperlichen Behinderung angestarrt werden.

Die Anreise und die Ausreißerin

Sorgenvoll hatten wir das wissende Googlestraßenorakel befragt, es weissagte uns Stau auf der A7 voraus, gesperrte Elbtunnelröhren und überhaupt viele Baustellen. Da wir aber aus leidvoller Erfahrung wissen, nicht zu spät zu starten, waren wir schon reichlich früh unterwegs, kamen relativ gut durch, also ohne Stau, und erreichten am frühen Mittag die Siedlung am Meer.
Auspacken des Gepäcks, nicht einfach mit Krücken, dem Hund an der Leine und dem Schlüssel für das Ferienhaus. Leider ließ ich die Leine fallen, um die Krücken an die Wand zu lehnen und den Schlüssel aus der Tasche zu ziehen. Leider sind die Dünen von wilden Tieren wie Rådyren (Rehe) verseucht und so war unser Püppi, die sich eigentlich zuhause nie von der Einfahrt entfernt, auch sofort auf dem nächsten Wechsel und faktisch verschwunden. Wir gingen schon alle Möglichkeiten durch, wen man alles informieren sollte, um den Ausreißer wiederzubekommen, da tauchte sie nach kurzer Zeit wieder auf. Puh.
Den Rest des Urlaubs kam sie nicht mehr von der Leine, nicht mal auf der hauseigenen Terrasse. Sie hört ja sonst aufs leiseste Wort aber bei Wild in der Nähe verwandelt sie sich in ein vor Jagdleidenschaft zitterndes Bündel mit tauben Ohren für die dicke alte Frau am anderen Ende der Leine.

Wilde Kreaturen

Eine niederträchtige Ricke und ein bräsiger Bock schlichen äsend um unsere Hütte. Wohl wissend, dass der Hund angeleint war und ich eh nicht in die Dünen konnte. Zumindest nicht gleich, denn am letzten Tag hatte ich es tatsächlich geschafft und die verdammte Klippe, auf die ich tagelang nur starren durfte, endlich erklommen.
Eine Blindschleiche, Schnegel, Mollusken und diverse Vögel, wie etwa die im Winter in Dänemark überwinternde Ohrenlerche, Braunkehlchen und haufenweise verschiedene Möwen sorgten faunisch für weitere visuelle Ablenkung.
Unsere Jagdmaus durfte sich im wildfreien eingezäunten Hundewald ohne Leine auslaufen. Am Strand wäre sie am liebsten den Möwen hinterhergejagt, aber da hing sie bei „hb“ an der Langleine.

Ein Wort zum Wetter

Es war stürmischer Nordwind bei unserer Ankunft, an manchen Morgenden ging ich vorsichtshalber nicht auf die Terrasse, weil die hölzernen Planken glatt und vereist waren. Eisblumen blühten auf den Glasscheiben des Windfangs. Die ziehenden Wolkenformationen waren jedoch spektakulär. Schneeregen peitschte über das Dünengras, Stürme rüttelten am Holzhaus. Drinnen bollerte gemütlich der Kaminofen, wenn wir verfroren vom Strand heimkamen.
Der Sternenhimmel über der Küste – mir fehlen beinahe die Worte. Die einzige Lichtverschmutzung kam vom Blåvand-Leuchtfeuer.


Aber es gab auch diese Stunden, wenn die Sonne strahlte und man auf der windgeschützten Terrasse sonnenbaden konnte und drinnen hatte es ohne Ofen 23 Grad Celsius. Am Strand blies es einem die Seele aus den Rippen. Leider konnte ich die Hände nicht in der Jacke vergraben, weil ich diese an den Gehilfen brauchte. Und doch hatte ich das Gefühl, ich sei erst mit dem Besuch am Strand richtig in Dänemark angekommen. Zurück am Feriehus gab es Røde pølse.

Dänische Delikatessen

Hot Dogs, Pizza, Kødboller, Fish and Chips, und frisch geräucherter Lachs in Knoblauchbeize. Rundstykker mit Grondsager, und diese unglaublichen süßen dänischen Kuchen…. Wir schwelgten eine Woche lang in landestypischen Kulinarien.

Die Abreise

Anstrengendes Stop and Go auf der Rückfahrt, die A7 zwischen Flensburg und Hamburg. Endlose 505 Kilometer. Es zog sich, aber irgendwann waren wir doch wieder zuhause. Die Weite der Landschaft, die frische Seeluft, die gepflegte Langsamkeit, das dänische „hygge“ und die praktische minimalistische Einrichtung des Sommerhus fehlt uns schon jetzt!
Was mir allerdings kein Urlaub aufwiegen kann, ist das eigene Bett: Auschmerz, ich hatte vergessen, wie schlimm die schmalen Pritschen mit den durchgelegenen Matratzen und den unmöglichen Kopfkissen in solchen Domizils sind. Aber das war auch der einzige schmerzvolle Makel.
Ginalein jedenfalls freut sich nach dem aufregenden Urlaub nichtsdestotrotz wieder ohne Leine und jederzeit in den Garten zu können.

Home sweet home. Es ist langes Wochenende hier, die Freizeitbürger fahren mit ihren lauten Zweirad-AmiHöllenmaschinen die Straße auf und ab. Wir erwägen, ein Schild an die Straße zu stellen: Knallertkoersel forbudt.

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