Michael Holzachs Dollbergen

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Über Michael Holzachs Dollbergen



Dollbergen, Erwähnung in der Literatur. Doch leider kommt das Dorf in dem Buch des Journalisten Michael Holzach *1 gar nicht gut weg. Der ehemalige Zeit-Reporter war auf seiner Wanderung mit seinem Hund Feldmann auch durch das regennasse Dollbergen gekommen und sei dort beim Dorfpfarrer abgewiesen worden.
Nach Befragung einiger Zeitzeugen und Auswertung von Quellen kann hier nun eine Richtigstellung erfolgen.

Buchumschlag vorne Buchumschlag hinten
Das Umschlagbild des Buches "Deutschland umsonst".
Michael Holzach "Deutschland umsonst, Zu Fuß und ohne Geld durch ein Wohlstandsland" 1982 bei Hoffmann und Campe

Hintergrund

Im Jahr 1980 macht sich der Journalist auf den Weg, um Stoff für eine sozialkritische Reportage zu sammeln. In diesem Selbstversuch will er ohne Geld durch das "Wohlstandsland" wandern. Er hat nur einen Notgroschen in der Tasche und einen Hund aus dem Tierheim an seiner Seite, den er Feldmann nennt.
In Hamburg beginnt die Rundreise und über Lachendorf erreichen die Beiden das Dorf Dollbergen.

Im Buch liest sich diese Passage, als wären die Wanderer nur wenige Stunden im Dorf geblieben, doch nach Aussage einer Zeitzeugin soll sich Holzach mehrere Tage in Dollbergen aufgehalten haben und während dieser Zeit hätte er mit verschiedenen Leuten geplaudert, still beobachtet und in sein Tagebuch geschrieben.
Vielleicht sollte man den Text weniger als Dokumentation lesen - einige Tatsachen mögen wohl der journalistischen Freiheit zum Opfer gefallen sein, um dem Buch die nötige Spannung zu geben. Und spannend liest sich es sich allemal.

Hier nun zunächst der entsprechende Ausschnitt aus dem Roman, kopiert von der Webseite Zeit-online [Textauszug, p.35 ff]:

Wanderweg durch Deutschland, aus dem Buch

"Hinter Wienhausen bauen sich von Westen her die ersten Wolken auf, bis Uetze hat sich der Himmel langsam zugezogen, in Dollbergen fallen die ersten Tropfen auf meiner Reise. Vor diesem Augenblick graut mir seit Hamburg. [...] Scheunen gibt es in Dollbergen genug. Gleich beim ersten Bauernhof klopfe ich an die Tür. Ein altes Mütterchen öffnet. Ich sage: „Guten Abend, ich bin auf der Wanderschaft und wollte höflich fragen, ob ich in der Scheune schlafen darf." Nach kurzem Stutzen schüttelt die Alte ihren kleinen, schrumpeligen Kopf und brummelt etwas von einer Base aus Nordfriesland, der "auch so Wandervolk" beim Rauchen die Scheune überm Kopf angezündet hat, "gleich nach dem zweiten Krieg". Als ich vorgebe, Nichtraucher zu sein, winkt sie nur ungläubig ab: "Das sagen sie alle, und dann steckt doch die Piep im Büdel." Überführt steuere ich den Nachbarhof an, wo mich ein feister Bursche vom hohen Traktor herunter abspeist: "Geh doch malochen, dann brauchst keine Scheune." Immerhin, vom Arbeitslager ist nicht die Rede.

Der Regen wird stärker. Dachrinnen beginnen zu lecken. Das stumpfe Pflaster fängt an zu glänzen. Vor einem kleinen Lebensmittelladen stelle ich mich kurz unter. Eine Frau kommt mit vollen Tüten aus dem Geschäft. Sie trägt nur ein dünnes Kleid, auch sie scheint das Wetter überrascht zu haben. Sie hat es eilig. Ich gehe auf sie zu und stelle meine Frage. Ihre Scheune ist leer, ohne Stroh, ohne Heu, antwortet sie mit ängstlich zum Himmel gerichteten Augen. Ihr Mann hat die Landwirtschaft aufgegeben, er arbeitet in Peine in der Fabrik, und übrigens gibt es dort auch eine Jugendherberge. Danke für den Tip. Nach Peine sind es noch zwanzig Kilometer.

Entmutigt gehe ich durch die Dorfstraße. Zwei Knaben folgen mir auf Fahrrädern in vorsichtiger Distanz. Beim nächsten Bauernhaus macht schon niemand mehr auf. Ein Fremder im Dorf, das spricht sich schnell herum. Was kommt denn der ausgerechnet zu uns? In der Scheune schlafen, wo gibt's denn heute noch so was? Ist der vielleicht ein Krimineller auf der Flucht? Rolläden runter! Feindseligkeit starrt aus jeder Hofeinfahrt. Mir fehlt der Mut weiterzufragen, die Angst vor neuen Zurückweisungen ist schon zu groß, mein Selbstvertrauen schwindet. Die Lage erscheint mir ausweglos. Das Regenwasser färbt Feldmann den Pelz dunkelbraun. Auch er hat Hunger, auch er ist hundemüde. Hat denn keiner ein Einsehen mit uns beiden? In einer solchen Situation hilft eigentlich nur noch der Gang zum Dorfpfarrer. Er muß uns doch helfen, schon von Amts wegen. Einen der Burschen, die immer noch hinter uns herschleichen wie Emils Detektive, frage ich, wo denn hier der Pastor wohnt. Gerhart-Hauptmann-Str. 11, immer geradeaus, antwortet eine Stupsnase überraschend präzise, er ist wohl sein Konfirmand.

"Morgener" *2 steht da an der Klingel eines häßlichen Neubaus. Gleich zweimal drücke ich den Knopf, Pfarrer Morgner soll wissen, die Sache ist dringend. Feldmann schnuppert am Briefschlitz. Beide lauschen wir in das Innere des Hauses. Alles bleibt still. Ist niemand zu Hause? Ich klingele noch einmal. Endlich eine Bewegung hinter den Glasbausteinen neben der Tür. Eine Hand greift zum Schloß, dreht den Schlüssel zweimal herum und verschwindet wieder. Ich bin platt, ich bin wütend, ich möchte ihn steinigen, diesen Pfarrer Morgener, nach gutem alttestamentarischem Brauch. "Klopfet an, so wird euch aufgetan, spricht der Herr." Denkste! Zugesperrt hat er, im wahrsten Sinne des Wortes sich mir verschlossen, ohne auch nur zu fragen, was ich will. Verflucht sei er, der Teufel soll ihn holen, und mit ihm das ganze Dollbergen!

Wie ein Ausgestoßener stehle ich mich durch den Regen aus dem Dorf. Im letzten Abendlicht finde ich noch einen verwaisten Viehunterstand, der zwar höllisch stinkt, aber Schutz bietet gegen Nässe und Wind. Auf getrockneten Kuhfladen breite ich meinen Schlafsack aus. Feldmann rollt sich gleich auf meinem Fußende zusammen. Schwere Tropfen prasseln wie Kieselsteine auf das Dach."

Soweit die Schilderung des verbitterten Wandersmanns. Zeitzeuge Gerhard Sewe konnte zunächst dazu berichten, dass damals bei Pfarrers wohl außer der kleinen Tochter niemand zuhause gewesen wäre. Die etwa Achtjährige hatte die strenge Anweisung, niemandem zu öffnen... .
Pastor Morgner hätte nach Erscheinen des Buches noch Kontakt mit Holzach gehabt und die Angelegenheit richtig stellen können, sagt Gerhard Sewe und hat weiter recherchiert: Er traf Dr. Christoph Morgner persönlich und erbat sich den Schriftwechsel.

Der Schriftwechsel als PDF-Datei:

Fußnoten

*1 Michael Holzach ist, drei Jahre nach dieser Tour durch Deutschland und auf der Suche nach sich selbst, in der Emscher ertrunken (damals ein stinkender, reißender Kanal). Sein Hund war in den Fluss gerutscht und Holzach kam bei dem Versuch um, ihn zu retten.

Das Buch wird 10 Jahre nach Holzachs Tod verfilmt und 1995 vom ZDF als Vierteiler ausgestrahlt. Es gibt außerdem eine Veröffentlichung als Hörbuch.

*2 Morgner, Christoph Infos zur Person Morgner bei Wikipedia


Kommentare

Markus S.: Danke. Super. Bad Homburg - meine Stadt - kam auch nicht gut weg. Das ist aber wahr.
(23.08.2015, 14:33 Uhr)

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